Das Altpapier am 09. März 2020 Acht Nullen und ein Säbelzahntiger

Die Social-Media-Bilanz der ARD ist gut, und dennoch steht die Frage im Raum, warum sie sie veröffentlicht. Mit Thomas Frickel, dem langjährigen Vorsitzenden der AG Dok, verabschiedet sich die "größte Nervensäge des öffentlich-rechtlichen Systems". Und die Paradoxien im medialen Umgang mit Corona: Führt die Panikmache der einen zur Verharmlosung durch die anderen? Oder umgekehrt? Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 09. März 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

TikTok und die zur Pose geronnene Kritik

Das Altpapier ist eine Oase des Gutfindens inmitten einer Wüste aus Angst, Zersetzung – und natürlich Kritik. Denn während Twitter von Geisteswissenschaftlern und Journalisten lebt, deren einziger Zugang zur Welt, deren ganze Seinsweise die der Kritik ist, ist das Altpapier die Welt der Affirmation: Schau her, ich zeig dir was Schönes.

Und damit guten Tag! Sie haben es natürlich gemerkt: Der erste Absatz macht hübsch neugierig ("Relaunch, oder was?"), ist aber erstunken und erlogen. Er ist aus der Hymne auf ein gewisses Social-Media-Portal gemopst, die Gabriel Yoran bei Übermedien geschrieben hat. (By the way: ein guter Text, der grundsätzlich wird, ohne theoretisch zu sein; zusammenfassbar mit dem Satz: "Kritik ist wichtig, es geht nicht ohne sie, aber gleichzeitig ist sie zur Pose geronnen.") Bitte ersetzen Sie jedenfalls nun gedanklich das Wort "Altpapier" im ersten Absatz durch das Wort "TikTok", damit ein Schuh draus wird.

Die Wahrheit ist, das Altpapier ist ein miesepetriger Stachel im Fleisch der Mächtigen, der, kaum dass er sich darin eingenistet und verhakt hat, sein kritisches, als Fragezeichen getarntes Gift versprüht.

Die ARD-Mediathek im Vergleich mit der ARD bei Social Media

Kommen wir also zu den Social-Media-Zahlen der ARD, die vergangene Woche veröffentlicht wurden. Journalismus ist unter anderem das Handwerk, in Pressemitteilungen nach dem zu fahnden, was weggelassen wurde und sie im Zweifel gegen den Strich zu lesen. Das gilt auch für die entsprechende Pressemitteilung der ARD, in der es hieß:

"6,6 Milliarden Mal haben im Jahr 2019 Nutzer*innen alleine auf YouTube und Facebook Videos von offiziellen Accounts der ARD gestreamt. So die Bilanz der User*innen-Kontakte in den Sozialen Medien, die die ARD erstmals gezogen hat."

6,6 Milliarden, was ist das für eine Zahl?

  • Zum ersten handelt es sich um zwei Sechsen mit acht Nullen, eine erstaunlich große Zahl, wie jeder Grundschüler weiß, der sie noch nicht schreiben kann.

  • Zum zweiten entspricht sie lustigerweise dem ARD-Umsatz 2018 in Euro, so steht es im letzten Medienkonzern-Ranking, das das Institut für Medien- und Kommunikationspolitik Jahr für Jahr erstellt. Wenn noch ein Tier oder was mit Sex vorkäme, hätte man aus dieser Koinzidenz einen Zweizeiler für die alte Neon-Rubrik "Unnützes Wissen" basteln können.

  • Zum dritten ist es aber halt auch eine Zahl, die die ARD-Mediathek auf den ersten Blick alt aussehen lässt. Erst im Februar hat die ARD mitgeteilt, dass "jeden Tag rund 621.000 Zuschauer*innen die ARD Mediathek" nutzen würden. Der SWR, unter dessen Federführung sie auf den heutigen Stand gebracht wurde, nannte auch Zugriffszahlen: "Laut SWR gab es im Oktober 65 Millionen Zugriffe auf Videos in der ARD-Mediathek. Im November waren es schon 75 Millionen und im Januar dann 87 Millionen." Aufs Jahr hochgerechnet, landet man da bei 1 bis 1,5 Milliarden Zugriffen.

Kann man demnach sagen, die ARD-Mediathek wird erheblich weniger genutzt als die ARD bei YouTube und Facebook? Der Eindruck drängt sich auf, wenn man beide Mitteilungen nebeneinander legt – es kommt aber darauf an, wie man Nutzung definiert.

Michael Umlandt, der früher für das ZDF twitterte – sogar schon, als das ZDF noch gar nicht twitterte –,  kritisierte die Veröffentlichung der Social-Media-Bilanzzahlen. Sie hätten "wenig Aussagekraft", schrieb er, weil bei Facebook und YouTube Videos als gestreamt gezählt würden, sobald sie 3 Sekunden (Facebook) beziehungsweise 30 Sekunden (YouTube) angespielt würden: "Mit solchen Zahlen schwächt ihr die eigenen Mediatheken, bei denen anders gemessen wird." Oder andersherum: Gestärkt wird die Infrastruktur der Social-Media-Anbieter. Und gestärkt wird womöglich auch die Logik, nach der öffentlich-rechtliche Redaktionen auch eigens für YouTube und Facebook produzieren.

Dass der öffentlich-rechtlicher Rundfunk heute dahin gehen muss, wo das Publikum ist, ist ein Argument, das schwer von der Hand zu weisen ist. Es spricht auch nichts dagegen, YouTube- und Facebook-Beiträge zu produzieren, abgesehen vielleicht mal von der Kleinigkeit, dass man gemeinschaftlich finanziertes Programm über die Infrastruktur kommerzieller Riesen ausspielt (siehe hierzu im internationalen Medienkonzern-Ranking die Plätze 2, 5 und 31), die sich nicht gern in die Karten schauen lassen. Aber wenn man die Social-Media-Bilanz intern überschätzt, wie es sich hier leise andeutet, besteht das Risiko, dass unterschätzt wird, was in der Social-Media-Logik nicht funktioniert.

AG Dok: "größte Nervensäge des öffentlich-rechtlichen Systems"

Würde ein langer Dokumentarfilm auf einem der YouTube-Doku-Kanäle der ARD "funktionieren", eingestellt zum Beispiel zwischen die WDR-Dokus "Warum saufen wir so gerne?" und "Coronavirus – wie es Deutschland verändert", die bei YouTube (Stand 8. März) knapp zehn Mal besser laufen als "Die vergessenen Kinder von Moria", obwohl sie dem Titel nach nicht zehn Mal relevanter sind?

Das könnte man mal mit Thomas Frickel diskutieren, "der 34 Jahre lang die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm angeführt hat" (taz). Steffen Grimberg verabschiedet ihn dort als Vorsitzenden der AG Dok, unter anderem mit dem Zitat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, er sei die "größte Nervensäge des öffentlich-rechtlichen Systems". Was ja nicht die schlechteste Lebensleistung ist.

Dass der Dokumentarfilm, nicht zu verwechseln mit der Dokumentation, ohnehin keinen leichten Stand im Programm hat, darauf hat Frickel stets hingewiesen. Die Vermutung, dass es nicht leichter wird, wenn Inhalte noch stärker als ohnehin unter eingeführten Markendächern und in wiedererkennbaren Formaten ausgespielt werden, wie es der Social-Media-Logik entspricht, liegt nahe.

Corona und das Gefühl der medialen Überforderung

Kommen wir zum Gesamtkomplex Corona/Medien: Mehr mediale Auseinandersetzung mit unverbunden nebeneinander stehenden Details führt nicht zwangsläufig zu mehr Informiertheit, sondern kann zu mehr Desorientierung und schließlich zu Wurschtigkeit führen, weil sich über jeden relevanten Beitrag so viele andere legen, dass man Relevanz schwerlich als solche erkennt. Das Problem besteht weniger darin, dass es an sicherem Wissen mangelt.

Das Problem ist, dass die Unsicherheit in medialer Hyperaktivität performt wird (Altpapier) – mit dem Ergebnis, dass selbst Expertenwissen als Glaubensinhalt aufgefasst wird: Der eine Virologe sagt so, der andere Allgemeinmediziner so, und so steht man als medizinisch unbedarfter Mediennutzer vor jeder neuen Einschätzung wie ein schimmerloser Siebtklässler vor einem Picasso und fragt sich, was das nun wieder soll. Hans Hoff umreißt bei DWDL exemplarisch die Rezipientenperspektive:

"Ich reflektiere seit über 40 Jahren, was sich medial so tut, ich habe schon so manchen Hasen sensationell hoppeln sehen. Trotzdem hinterlassen die aktuellen Phänomene in mir eine bislang nicht gekannte Ratlosigkeit. Ist wirklich alles so schlimm, wie es die Live-Ticker suggerieren? Oder darf ich noch Ruhe bewahren, wie es die als vertrauensvoll erachteten Medien mir raten?"

Oder SZ-Chefredakteur Kurt Kister im Abonnentenbrief:

"Es kann natürlich sein, dass dieses Virus viel gefährlicher ist als alles, was man so in den letzten fünfzig Jahren an Viren, Seuchen und Ähnlichem erlebt hat. Dann ist die weltweite Aufmerksamkeit, die nahezu sekündlich über Smartphones, Tablets, Computer und sogar die alten Medien verbreitet wird, gerechtfertigt. Es kann aber auch sein, dass die Möglichkeit, ein Ereignis, und sei es eine Krankheit, weltweit und sekündlich zu verbreiten, den Charakter des Ereignisses so sehr verändert, dass aus einer Katze ein Säbelzahntiger und aus einer durchaus bedrohlichen Virenerkrankung eine Globo-Pest wird."

Die Medienkritik lautet hier auf Übertreibung, während andere allerdings gleichzeitig vor Verharmlosung warnen. Gleichzeitig ist das Stichwort:

"Wir, die Bewohner einer privilegierten Welt, sind in eine Atmosphäre der totalen Gleichzeitigkeit eingetreten, sehen alles, leiden unter einer Überdosis Weltgeschehen, schwanken zwischen Erregungserschöpfung, Panikschüben, Mitgefühl, Ignoranz-Sehnsucht. Dieses Gefühl der Überforderung ist das Stimmungsschicksal vernetzter Gesellschaften, die einen klug dosierten Umgang mit ihren Affekten noch nicht beherrschen",

sagt Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im taz-Interview: Er sehe "die Gleichzeitigkeit des Verschiedenen – es gibt in der gegenwärtigen Phase der informationellen Unübersichtlichkeit die nationalistischen Zündler, die Panikmacher, die Bagatellisierer, aber auch die Seriösen, die wahnhaften Verschwörungstheoretiker und die kühlen Analytiker. Alles gleichzeitig."

Gleichzeitig kommen auf Medienseiten also Leute zu Wort, die "die von medialem Trommelfeuer geschürte Angst" thematisieren, während andere Redaktionen desselben Mediums die Homepage mit Corona, Corona, Corona befüllen. Meistgelesen bei tagesspiegel.de, zum Beispiel, war am Sonntagabend ein mit einem Mundschutzträger bebilderter Text des Wissensressorts. Unter dem Reiter "Medien" findet man gleichzeitig die Medienkritik: "Es werden ständig MundschutzträgerInnen gezeigt – dabei hilft das ja anscheinend nicht wirklich."

Und nun? Einen konstruktiven Zugriff auf die Paradoxien im Umgang mit Covid-19 findet Nils Markwardt im Freitag (für den ich auch schreibe):

"Müssen Informationen über Infektionsketten und Krankheitsverläufe möglichst schnell geteilt werden, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, so ist der ständige Austausch über das Coronavirus integraler Bestandteil seiner Bekämpfung. Das erste Paradox im Umgang mit Covid-19 besteht, zugespitzt gesagt, darin, dass laufend darüber geredet werden muss, was alles stillsteht. Das hängt wiederum direkt mit dem zweiten Paradox zusammen. Dieses liegt darin, dass die Verlangsamung der Covid-19-Ausbreitung eine Art wohltemperierte Panik erfordert": grundsätzliche Besonnenheit bei gesteigertem Problembewusstsein.


Altpapierkorb ("Maischberger", Socialmediawatchblog, "Literarisches Quartett")

+++ Den vorwochenendlichen Twitter-Auftrieb erzeugte Mohammad Suleman Malik, der kritisierte, er sei von der "Maischberger"-Redaktion erst eingeladen worden, um dann gegen AfD-Politiker Tino Chrupalla ersetzt zu werden. Nach einem WDR-Statement übernahm Sandra Maischberger selbst die Kommunikation und stand Joachim Huber vom Tagesspiegel Rede und Antwort. Malik wurde ebenfalls interviewt (bei schantall-und-scharia.de). Am Ende sind die Versionen der Fakten nicht sehr weit auseinander. Die Vorstellungen davon, wer in Talkshows zu Wort kommen sollte, bleiben unterschiedlich. Maischberger: "Vertreter der AfD generell nicht mehr einladen zu wollen, lässt sich in unserer Demokratie nicht begründen." – Malik: "Wer Faschisten und Rassisten eine Bühne gibt, macht sich mitschuldig am rassistischem Terror."

+++ "Solange Unternehmen wie Facebook und Google den Großteil ihres Umsatzes mit Werbung erzielen, haben sie ein Interesse daran, Nutzerïnnen möglichst lang auf den eigenen Plattformen zu halten. Das funktioniert am besten mit fesselnden Inhalten. Deshalb maximieren Algorithmen auf Emotionen und neigen dazu, immer extremere Beiträge und Videos vorzuschlagen", schreibt Simon Hurtz im socialmediawatchblog, in dem er begründet, warum das Blog künftig versuchen will, "neu veröffentlichte Studien" zu Digitalthemen (von "Machen Smartphones süchtig" bis "Haben bewusst gestreute Falschnachrichten die US-Wahl 2016 beeinflusst?") "nur in Ausnahmefällen separat aufzugreifen. Vielmehr wollen wir sie in den Kontext bisheriger Publikationen stellen und erklären, warum Forscherïnnen diesmal zu anderen Ergebnissen gelangt sind als ihre Kollegïnnen". Denn: "Völlig egal, wie du diese Fragen beantwortest – du wirst auf jeden Fall mindestens eine Studie finden, die deine Meinung bestätigt (und eine, die ihr widerspricht). Das liegt nicht zwangsläufig an mieser Methodik, die einzelnen Untersuchungen können für sich genommen valide und reliabel sein. Oft fokussieren sich die Forscherïnnen aber auf einen bestimmten Teilaspekt."

+++ Und das "Literarische Quartett" – nun mit Thea Dorn als Gastgeberin – wird von Tagesspiegel SZ, Zeit Online und taz besprochen.

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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