Das Altpapier am 25. Mai 2022 Alle erwartbaren Narrative erfüllt

Die "New York Times" und der "Guardian" raten ihren Redakteurinnen und Redakteuren vom Twittern ab. Die ZDF-Nahost-Korrespondentin Golineh Atai kritisiert, "dass wir uns von den Menschen in dieser Region entfernt haben und wir eigentlich nur das senden, was gefühlt nah am Zuschauer ist". Und in der Affenpocken-Berichterstattungskritik geht es weiterhin um Stigmatisierungstendenzen. Ein Altpapier von René Martens.

Das Altpapier am 25. Mai 2022: Porträt des Altpapier-Autoren René Martens
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Verzerrtes Feedback

Zu den Kernkompetenzen von Journalistinnen und Journalisten sollte gehören, die Vorteile von Twitter zu nutzen und sich seinen Nachteilen so wenig wie möglich auszuliefern. Das mag jetzt vielleicht etwas profan klingen. Was ist der Anlass, es dennoch zu betonen?

Anfang April bzw. Anfang Mai haben die "New York Times" und der "Guardian" Kodexe für das Verhalten von Redakteurinnen und Redakteuren in sozialen Medien vorgelegt, und die "Süddeutsche Zeitung" berichtet heute darüber. Diese "Anstandsregeln", wie die SZ sie im Vorspann nennt, scheinen mir auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit zu sein. Andrian Kreye schreibt:

"Die 'New York Times' 'rät dringend' vom Twittern ab. Der eigene Ruf und der der Zeitung stünden auf dem Spiel. Außerdem: 'Twitter nimmt zu viel Zeit der Journalisten in Anspruch. Es verzerrt ihre Berichterstattung, indem es ihr Publikum und das Feedback, das sie auf ihre Arbeit erhalten, verändert.'"

Was natürlich die Frage aufwirft, welche Art von Feedback denn authentisch wäre. Wie auch immer: Es sei, so Kreye, für einen Journalisten

"unmöglich, Twitter zu ignorieren (…) Zu viele Informationen findet man dort zuerst. Wählt man die Konten bewusst aus, denen man folgt, kann Twitter als Nachrichtenticker gut funktionieren. Und doch ist da immer die Gefahr, dass die Nervosität und die Emotionen, die den Verlauf dort bestimmen, auf die eigene Arbeit überschwappen."

In diesem Zusammenhang zitiert er aus einem Essay des NYT-Autors Farhad Manjoo:

"Das beliebteste soziale Netzwerk der Medien zieht uns Journalisten immer tiefer in die reißenden Ströme melodramatischer Stammesfehden (…) Anstelle von neugierigen, intellektuell ehrlichen Chronisten menschlicher Angelegenheiten verwandelt Twitter viele Journalisten - mich eingeschlossen - regelmäßig in reflexartig reagierende Empörungsroboter."

Mag sein, aber damit könnte man doch klar kommen. Wenn man sich denn zwischenzeitlich derart "verwandelt", lässt man in diesen Phasen vielleicht einfach das Twittern sein.

Greller symbolischer Überschuss

Affenpocken und die Medien - auch am dritten Altpapier-Tag in Folge bietet es sich an, dieses Thema aufzugreifen. Zum Beispiel, weil Andreas Bernard heute im SZ-Feuilleton (€) schreibt:

"Am 19. Mai wurde der erste Affenpocken-Fall in Deutschland bestätigt; in der Woche seither haben sich in Windeseile jene Stigmatisierungstendenzen erneuert, die das erste Jahrzehnt der HIV-Epidemie geprägt haben."

Konkret um Stigmatisierungstendenzen ging es hier ja gestern auch gleich zu Beginn.

Bernard liefert in seinem Artikel unter anderem historischen Kontext:

"Wie erst Susan Sonntag und später die Medienwissenschaftlerin Brigitte Weingart in erhellenden Analysen der Aids-Pandemie gezeigt haben, erzeugt gerade das begrenzte medizinische Wissen über eine neue Infektionskrankheit in der Anfangszeit einen umso grelleren symbolischen Überschuss."

Der SZ-Autor betont auch noch mal, dass die Affenpocken "im Jahr 1970, kurz vor der weltweiten Ausrottung der Menschenpocken, zum ersten Mal bei einem Kleinkind im Kongo nachgewiesen wurden". Jetzt werden sie "aus westlicher Perspektive als exotische Krankheit aufgefasst. Ihr Vorkommen in Europa erscheint als dezidierte Bedrohung von außen."

Sein Zwischenfazit:

"Alle erwartbaren Narrative der Epidemie sind im Reden über die Affenpocken schon nach wenigen Tagen erfüllt worden. Sollte die Krankheit im Westen nicht nach kurzer Zeit verschwinden, sondern tatsächlich eine ernsthafte pandemische Wendung nehmen, wird mit größter Wahrscheinlichkeit schon bald (…) der aus den Aids- und Covid-Debatten bekannte verschwörungstheoretische Verdacht (auftauchen), dass das Virus vor einem halben Jahrhundert im Labor gezüchtet worden ist, um einem politischen Gegner zu schaden."

Mit einer der schon erwähnten Stigmatisierungstendenzen befasst sich Frederik von Castell ("Übermedien"), und zwar anhand einer Äußerung des von Medien zu sehr verschiedenen medizinischen Fragen sehr gern befragten Arztes Christian Specht in der RTL-Sendung "Punkt 12":

"Also, man hört ja doch eindeutig, dass sehr viele, wenn sie sich infizieren, sich im homosexuellen Milieu angesteckt haben."

Von Castell geht dabei auf die Fragwürdigkeit der Formulierung "homosexuelles Milieu" ein. Sie ist ungefähr so aussagekräftig wie "Hetero-Milieu" - wobei letztere ja auch kaum ein Journalist verwenden würde, außer vielleicht in ironischer Absicht. Um die grundsätzlich seltsame Rolle der Figur Specht im Expertenzirkus geht es in dem Artikel auch.

"Wir senden nur, was gefühlt nah am Zuschauer ist"

Immer mal wieder widmen wir uns in dieser Kolumne unter thematisch unterschiedlichen Schwerpunkten Schwächen der Auslandsberichterstattung (Beispiele hier und hier). Diesbezügliche Kritik aus der Innenwelt der Öffentlich-Rechtlichen kommt nun von Golineh Atai, die seit Anfang des Jahres das ZDF-Studio in Kairo leitet - und von 2006 bis 2008 für die ARD auch bereits als Korrespondentin in der Region tätig gewesen ist. Ich habe für den KNA-Mediendienst (Abo erforderlich) mit ihr gesprochen. Atai vergleicht darin unter anderem ihre erste Zeit in Kairo mit der heutigen:

"Themen, die damals sehr interessant waren, spielen jetzt eine untergeordnete Rolle. Vor allem vor und nach dem Arabischen Frühling haben wir viele Filme zum Thema Menschenrechte gemacht, aber die Zeiten sind vorbei (…) Wenn ich die Berichterstattung von heute mit der von vor 12, 15 Jahren vergleiche, fällt mir auch auf, dass wir damals näher an den Menschen dran waren. Und die Korrespondenten hatten noch viel mehr Möglichkeiten, in Sendungen zu kommen. Es gab Formate, die dann Jahre später abgeschafft wurden."

Das bezieht sich nicht nur auf das Verschwinden der Auslandsmagazine in den Dritten Programm (siehe einen der Altpapier-Jahresrückblicke 2019):

"Es gab zum Beispiel 'Live-Wochen' im 'ARD-Morgenmagazin'. Nach dem Krieg zwischen der Hisbollah und Israel 2006 haben wir zum Beispiel 2007 eine ganze Woche lang live aus dem Libanon berichtet, wir waren jeden Tag live 17 Minuten aus irgendeiner Ecke des Landes zugeschaltet. Das ist heute kaum noch vorstellbar. Wir waren bei Familien zu Hause, wir waren bei der Weinherstellung dabei, die im Libanon von großer Bedeutung ist, wir haben quasi den gesamten Alltag der Menschen mitbekommen. In den vergangenen Jahren habe ich dagegen festgestellt, dass wir uns von den Menschen in dieser Region entfernt haben. Die neue Prämisse ist, dass wir eigentlich nur das senden, was gefühlt nah am Zuschauer ist."

Damit wäre konkret ein weiterer Aspekt der Publikums-Unterforderungs-Strategie der Öffentlich-Rechtlichen benannt, die wir an dieser Stelle gelegentlich schon kritisiert haben. Um aktuelle Beiträge geht es in dem Interview auch, einer ist unter dem Titel "Das verlorene Paradies. Libanons Kampf ums Überleben" für die heutige Ausgabe des "Auslandsjournals" angekündigt.

Wenn eine Militärdiktatur die Klimaberichterstattung erschwert

Atai macht in dem Interview auch einen Schlenker in den November, wenn in Scharm el-Scheich die Weltklimakonferenz stattfindet - und bringt dabei einen Aspekt ins Spiel, der mir in der Diskussion über Klimakrisenberichterstattung noch unterberücksichtigt zu sein scheint:

"Wir fragen uns gerade, ob Ägypten weiß, worauf es sich als Gastgeberland der Weltklimakonferenz eingelassen hat (…) Es werden viele zivile Aktivisten ins Land kommen - und wir bekommen jetzt nicht einmal eine Genehmigung für Dreharbeiten in der Region rund um Alexandria, die zu den am meisten durch den Klimawandel gefährdeten Gebieten weltweit zählt. Die Region sinkt ein wegen eindringenden Seewassers (…) (Und) wir wollen eigentlich nur zeigen, welche Bauprojekte ein Eindringen des Seewassers verhindern können - aber wir können es nicht, da diese Region mehr als andere unter der Kontrolle der Sicherheitsorgane steht."

Das Agieren der äygptischen Militärdiktatur wirft also folgende Frage auf: Wird die Vorortberichterstattung zu den Auswirkungen der Klimakrise auch aus anderen stark betroffenen Ländern dadurch erschwert, dass die Regierungen dort die Medienfreiheit einschränken?

Um die Klimaberichterstattung hier zu Lande wiederum geht es in einem Interview, das Altpapier-Autorin Annika Schneider mit dem in dieser Kolumne oft auftauchenden ZDF-Meteorologen Özden Terli für @mediasres geführt hat.

"Wenn sich das Wetter verändert im Rahmen der Klimakrise, dann muss der Meteorologe auch darauf eingehen, wer sollte das sonst machen",

sagt er. Und betont, dass es in anderen Ländern schon länger als in Deutschland üblich sei, dass im Wetterbericht Klimafakten aufgegriffen werden.

Der "Stern" wurde nicht 1948 erfunden

Zu den aktuellen "Strg_F"-Recherchen zur nationalsozialistischen Vergangenheit des langjährigen "Stern"-Chefredakteurs Henri Nannen (Altpapier) hat der "Medieninsider" jetzt jenen Experten interviewt, der sich wahrscheinlich am intensivsten mit dem Thema befasst hat: den Historiker Tim Tolsdorff. Er kommentiert die Recherchen ähnlich wie Klaus Raab hier neulich in dem eben verlinkten Text.

"Was den Neuigkeitswert angeht, teile ich die Einordnung der Reporter nicht überall. Neu ist, dass die Drastik dieser Südstern-Flugblätter gezeigt wird. Das war bisher nicht so bekannt. Interessant und neu ist auch die Aufarbeitung der Rolle des Illustrators Heinz Fehling, der später auch für den 'Stern' arbeitete. Anderes ist lange bekannt (…)"

Warum es aber so wichtig ist, dass Tolsdorff jetzt interviewt wird: Er hat in einer 2014 erschienenen Dissertation ausführlich dargelegt, dass auch der "Stern" als Magazin gewissermaßen eine nationalsozialistische Vergangenheit hat: Das Grundkonzept von Nannens 1948 gegründetem "Stern", der zunächst in Hannover saß, stammt von einer Film- und Kulturillustrierten, die zwischen September 1938 und September 1939 erschien und ebenfalls "Stern" hieß. Die bot zwar keine vordergründige NS-Propaganda, versuchte die Leserschaft aber auf Umwegen von der braunen Sache zu überzeugen. In unter anderem diesem und diesem Altpapier war das vor acht Jahren auch schon mal Thema.

Bei der Titelseitengestaltung, beim Layout und auch mehreren Rubriken, ließ sich Nannens "Stern" vom Vorläufer inspirieren, personell gab es ebenfalls Verbindungen, auch auf Chefredakteursebene. Nicht zuletzt profitierte der zweite "Stern" von der Bekanntheit des ersten (Auflage: 750.000).

In der neuerlichen Debatte spielten die Ursprünge des heutigen "Stern" bisher praktisch keine Rolle (außer kurz bei Steffen Grimberg in seiner taz-Kolumne von vergangener Woche) Die Diskussion um Nannen kann aber nun dann fruchtbar sein, wenn seine Tätigkeit als SS-Propagandist in diesen größeren Kontext eingebettet wird.

Der "Stern" hat seine Vorgeschichte zwar selbst thematisiert - 2015 in einem Gespräch mit Tolsdorff, in dem sogar einer der beiden Interviewer sagt: "Tatsächlich gibt es ganz erstaunliche Parallelen zwischen dem Vor- und dem Nachkriegsmagazin." Im medienhistorischen Allgemeinwissen ist das aber nicht verankert, und der "Stern" - oder dessen neue Herren bei RTL - hätten nun die Aufgabe, darauf hinzuwirken.


Altpapierkorb (Dark MAGA, Musk, Bots)

+++ Mit den sogenannten Dark-MAGA-Memes befassen sich Simone Rafael und Uta Titz für Belltower News. MAGA steht dabei für "Make America great again". Die Memes stammen von Anhängern Donald Trumps, die für dessen "Rückkehr als Präsident 2024 kämpfen". Rafael/Titz schreiben: "In den Memes der Dark-MAGA-Ästhetik kommen (…) zusammen: Trump-Begeisterung und der Wunsch nach einer neuen faschistischen Diktatur gegen eine liberale Gesellschaft in Amerika, kombiniert mit der Gewaltbegeisterung und Gewaltbereitschaft des Rechtsterrorismus. Konservative Trump-Unterstützer:innen werden so an die (Gedanken-)Welt des Rechtsterrorismus herangeführt – also auch mit Ideen, Bildern und Menschen vertraut gemacht, die bisher vor allem rassistische 'White Supremacy'-Unterstützer:innen und akzelerationistische Bewegungen verbreiten, die die Welt in Chaos stürzen wollen, damit die liberale Moderne untergeht."

+++ Wir wissen nicht, wie viele Schoßhunde Elon Musk hat. Wir wissen aber zumindest, dass sich die brandenburgische Landesregierung in dieses Rudel eingereiht hat. Das zeigt ihre (Nicht-)Reaktion auf das nicht allzu pressefreiheitsfreundliche Agieren von Musks Firma. Die "Süddeutsche" berichtet.

+++ "Kann es sein, dass es Social Bots gar nicht gibt?" lautete neulich eine im "Übermedien"-Podcast thematisierte Frage (siehe Altpapier). Möglicherweise als Ergänzungslektüre geeignet: ein von zwei Informatikern verfasster niemanlab.org-Text unter der Überschrift "How many bots are on Twitter? The question is tough to answer — and misses the point."

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag nach dem Feiertag.

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