Wartungsarbeiten an Ostsee-Pipeline Kein Gas durch Nord Stream 1 - Was steckt hinter dem Lieferstopp?

Auf Grund von Wartungsarbeiten soll für mehrere Tage kein Gas mehr aus Russland durch die Ostee-Pipeline Nord Stream 1 in Richtung Deutschland fließen. Ob die Gas-Lieferungen im Anschluss wieder normal anlaufen, ist offen. Experten äußern zumindest Zweifel daran. Sollte Russland, wie im schlimmsten Fall befürchtet, die Gaslieferungen komplett einstellen, drohen vor allem der Industrie in Deutschland schwere Zeiten.

Symbolbild zum Thema Gas-Lieferstopp von Russland an Deutschland
Der Gas-Lieferstopp auf Grund von Wartungsarbeiten sorgt in Deutschland für Sorgenfalten. (Archiv) Bildrechte: IMAGO/IlluPics

Über die zuletzt wichtigste Route für russisches Erdgas nach Deutschland erfolgen seit Montag (11.07.) keine Lieferungen mehr. Die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 ist für Wartungsarbeiten abgeschaltet worden - und das in Zeiten großer Sorge um die Gas-Versorgung in Deutschland und darüber hinaus. Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema gibt es hier:

Wieso wird die Gaslieferung unterbrochen?

Grund sind laut dem Betreiber Nord Stream AG jährlich wiederkehrende Wartungsarbeiten an der Pipeline. Die Rede ist von Überprüfung und gegebenenfalls Instandsetzung oder Kalibrierung etwa der Stromversorgung, des Brand- und Gasschutzes sowie bestimmter Ventile. Auch Software-Updates würden vorgenommen. Die Offshore-Pipelines blieben weiter unter Druck. Die Arbeiten finden laut Bundesnetzagentur nicht an der eigentlichen Leitung sondern an den Verdichterstationen statt, etwa in Lubmin.

Wie lange wird kein Gas fließen?

Seit 11. Juli, 6.00 Uhr, bis 21. Juli, 6.00 Uhr - also für zehn Tage - soll kein Gas mehr fließen. Entsprechende Arbeiten dauerten laut Betreiber in den vergangenen Jahren zwischen 10 und 14 Tagen. Sie wichen dabei aber auch teilweise von der angesetzten Frist ab. In Modellrechnungen geht die Bundesnetzagentur von bis zu 14 Tagen aus, hat dabei allerdings schon einen zeitlichen Puffer eingerechnet. Die Arbeiten sollten unter normalen Umständen im geplanten Zeitraum fertiggestellt werden können, heißt es von der Behörde. Daher schaue man auch eher darauf, wie es am 21. oder 22. Juli weitergeht.

Wie viel Gas floss zuletzt durch die Pipeline?

Das russische Staatsunternehmen Gazprom hatte im Juni bereits die Liefermenge durch die mehr als 1.200 Kilometer lange Pipeline deutlich gedrosselt und auf Verzögerungen bei Reparaturarbeiten verwiesen. Zuletzt war die Leitung laut Bundesnetzagentur nur zu etwa 40 Prozent ausgelastet.

Nach Darstellungen Russlands hingen diese Verzögerungen mit Sanktionen zusammen, die der Westen wegen des Angriffs auf die Ukraine gegen Russland verhängt hatte. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte die Begründung als vorgeschoben kritisiert. Unter anderem ging es dabei um eine Pumpe, die nach der Wartung in Kanada nicht zurück nach Russland geliefert werden konnte. Kanada hat inzwischen aber angekündigt, die Lieferung der gewarteten Turbine aus Montreal trotz der Sanktionen gegen Russland zu ermöglichen.

Warum soll so lange gar kein Gas fließen?

Mitte Juni hatte Russlands EU-Botschafter gesagt, wegen der Probleme bei den Reparaturarbeiten sei auch eine völlige Stilllegung möglich. Eine solche befürchtet unter anderem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Er sagte kürzlich, man sehe ein Muster, dass zu diesem Szenario führen könne. Habeck sprach auch von einer "wirtschaftskriegerischen Auseinandersetzung" mit Russland. Auch russische Gaslieferungen über andere Leitungen nach Deutschland waren zuletzt deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig erhalten mehrere europäische Staaten, die die Regierung in Kiew unterstützen, bereits kein Gas mehr aus Russland.

Wie wichtig ist die Pipeline für die Gasversorgung?

Die Pipeline, die 2011 in Betrieb genommen wurde, war mindestens in den vergangenen Monaten die Leitung, über die eine deutliche Mehrheit des russischen Gases nach Deutschland geliefert wurde. Andere Pipelines für russisches Erdgas sind die Jamal-Leitung, die im brandenburgischen Mallnow ankommt, und ein über die Ukraine verlaufendes Leitungssystem mit Anknüpfungspunkt im bayrischen Waidhaus. In Mallnow kommt laut Bundesnetzagentur seit einiger Zeit gar kein Gas mehr an, in Waidhaus ist die Menge zuletzt ebenfalls deutlich gesunken und entsprach schon davor nur einem Bruchteil der in Lubmin ankommenden Menge. Im vergangenen Jahr lag der Anteil russischer Gaslieferungen in Deutschland laut Wirtschaftsministerium bei 55 Prozent, war aber bis Ende April dieses Jahres auf 35 Prozent zurückgegangen.

Was passiert, wenn Nord Stream 1 dauerhaft dicht bleibt?

Unmittelbar würde es wohl nicht zu einem Gasmangel in Deutschland kommen. Zu dem Ergebnis kommen Modellrechnungen der Bundesnetzagentur. Aber: Deutschland könnte seine Gasspeicher vor der Heizperiode nicht so weit auffüllen, wie angestrebt. Außerdem könnte es den Berechnungen zufolge ohne Gas aus Lubmin im Winter unter Umständen zu einer Mangellage kommen. Eine jüngere Diagnose von mehreren deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten kommt dagegen zum Schluss, dass auch im ungünstigsten Fall dieses Jahr kein Gasengpass mehr drohe und im kommenden Jahr auch nur in eher ungünstigen Szenarien.

Davon unabhängig würde ein andauernder Lieferstopp die Preise wohl weiter steigen lassen. Die von den gedrosselten Lieferungen betroffenen Unternehmen müssen diese schon jetzt zu deutlich höheren Preisen anderweitig am Markt beschaffen. Auch private Verbraucher müssen sich laut Bundesnetzagentur auf deutlich steigende Gaspreise einstellen. Man unterstütze ausdrücklich die Aufforderung, so viel Gas wie möglich einzusparen.

Wer ist besonders vom Gas-Stopp betroffen?

Vor allem in der energiehungrigen Chemie- und Pharmaindustrie sind die Sorgen vor einem Gasmangel groß. Die Branche ist laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) mit einem Anteil von 15 Prozent größter deutscher Gasverbraucher. Sie braucht Gas als Energiequelle und als Rohstoff zur Weiterverarbeitung in Produkten - etwa in Kunststoffen, Arzneien oder Düngemitteln. Die Preise für Gas seien derzeit "atemberaubend" hoch, sagte VCI-Präsident Christian Kullmann. Um lieferfähig zu bleiben, stocke die Branche Lager auf, um Kunden im Krisenfall trotzdem weiter versorgen zu können.

Auch die Stahlindrustrie würde erheblich unter einem Gas-Lieferstopp leiden. Ein Mindestbezug an Gas sei zur Aufrechterhaltung der Produktion unverzichtbar, sagte ein Sprecher von "ThyssenKrupp Steel Europe" Sonst seien Stilllegungen und technische Schäden nicht auszuschließen.

Steigende Energiekosten mit Gaspreis und Heizung
Private Haushalte und Gesundheitseinrichtungen wären bei einer Gas-Mangel-Lage als letzte betroffen. (Archiv) Bildrechte: Colourbox.de

Experten berechnen verschiedene Gas-Szenarien

Derzeit ist die Gas-Versorgung in Deutschland nach Angaben von Experten noch stabil. Bei einer Mangellage wäre die Industrie aber als Erste davon betroffen. Als geschützt gelten hingegen private Haushalte, öffentliche Einrichtungen sowie die Gesundheitsbranche etwa mit Krankenhäusern.

Doch wie hoch ist die Gefahr eines Gas-Engpasses denn nun? Beim Blick auf vor kurzem veröffentlichte Berechnungen der Bundesnetzagentur konnte man durchaus in Sorge geraten, denn in immerhin drei der berechneten sieben Szenarien ergab sich ein Gasmangel im kommenden Winter.

Eine jüngere Gemeinschaftsdiagnose von mehreren deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten kommt hingegen zum Schluss, dass selbst bei einem sofortigen kompletten Stopp von "Nord Stream 1" auch im ungünstigsten Fall dieses Jahr kein Gasengpass mehr drohe und im kommenden Jahr auch nur in eher ungünstigen Szenarien.


(BRISANT/dpa)

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 11. Juli 2022 | 17:15 Uhr

Das könnte sie auch interessieren