Deutsche Sprache Gendern - was spricht dafür, was dagegen?

Nur wenige Debatten werden so emtotional geführt, wie die ums Gendern. Manche Menschen fühlen sich nicht angesprochen, wenn sie nicht explizit genannt werden - andere empfinden Gendersternchen und großes "I" als Bevormundung oder Verunstaltung unserer Sprache. Welche Möglichkeiten des Genderns gibt es, was spricht für ihre Verwendung - und was dagegen? Ein Überblick.

Gendersternchen auf rosa Untergrund
Gendern - ja oder nein? Die Debatte darüber erhitzt die Gemüter. Bildrechte: IMAGO / Steinach

Gendern - was ist das?

Das Wort "gender" kommt aus dem Englischen und bedeutet Geschlecht. Gemeint ist damit allerdings nicht das biologische Geschlecht, sondern das soziale Geschlecht. Also das, was als "typisch Mann" oder "typisch Frau" gefühlt und gelebt wird.

Bei uns bedeutet Gendern, eine geschlechtergerechte Sprache zu verwenden. Dadurch soll die Gleichbehandlung der Geschlechter zum Ausdruck gebracht werden.

Im Deutschen wird bis heute in der Regel das generische Maskulinum verwendet, also die männliche Variante. Personen und Berufe werden grammatisch männlich bezeichnet, obwohl es in aller Regel auch eine weibliche Wortform gibt.

Welche Formen des Genderns gibt es?

Beidnennung: 
Beide Geschlechter werden genannt (z.B. Lehrerinnen und Lehrer) oder die weibliche Form wird durch Abkürzung hinzugefügt (Lehrer/-innen; LehrerInnen).

Neutralisierung: 
Die männliche Form wird durch geschlechterneutrale Formen (z.B. Lehrkraft) oder Substantivierung (z.B. Lehrende) ersetzt.

Gender-Zeichen: 
Für die mehrgeschlechtliche Schreibweise wird zwischen männlicher Form und weiblicher Endung ein Sternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt ergänzt (z.B. Lehrer*innen, Lehrer_innen, Lehrer:innen). Die Sonderzeichen sind Platzhalter für alle, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen.

Schild mit Aufschrift Gendersternchen
Ist in keinem offiziellen Regelwerk verankert, wird aber häufig genutzt: das Gendersternchen. Bildrechte: IMAGO / Christian Ohde

Welche Gender-Variante ist die beste?

Welche dieser Varianten die beste ist, daran scheiden sich die Geister. Als "politisch korrekt" hatte sich zunächst das Gendersternchen, der sogenannte Asterisk, etabliert. Inzwischen ist es oft auch der Doppelpunkt.

Die Variante des Gendersternchens spricht nicht nur Männer und Frauen an, sondern auch Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten. Die Selbstvertretung der LGBTI*Q verwendet ihn deshalb. 

Sonderzeichen vs. Barrierefreiheit - bleibt beim Gendern die Inklusion auf der Strecke?

Die Genderzeichen stoßen auf Kritik - insbesondere mit Blick auf die Barrierefreiheit. Für Menschen, die nicht gut Deutsch können oder eine Leseschwäche, Hörbehinderung oder kognitive Einschränkungen haben, können Gender-Zeichen das Textverständnis erschweren.

Der Blinden- und Sehbehindertenverband rät deshalb von Sonderzeichen beim Gendern ab. Aus ähnlichen Gründen empfiehlt das Netzwerk Leichte Sprache die Beidnennung.

Gendern und deutsche Rechtschreibung - Was sagen Duden & Co.?

Eine offizielle Regel, wie gegendert werden soll, gibt es bislang nicht. Der Rat für deutsche Rechtschreibung will noch eine Erprobungsphase im allgemeinen Sprachgebrauch abwarten, bevor er eine Empfehlung ausspricht. Die Verwendung von Sonderzeichen wie dem Gendersternchen oder dem Doppelpunkt sieht der Rat jedoch kritisch, da sie zu grammatikalisch nicht korrekten Lösungen führen könnten.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache spricht sich für einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch aus, der verständlich, lesbar und regelkonform ist. Sonderzeichen werden von der Gesellschaft für deutsche Sprache aus diesem Grund nicht unterstützt.

Der Duden hat sein Online-Wörterbuch in gender-sensible Sprache überarbeitet und damit für Aufsehen gesorgt. Der aktuelle Rechtschreib-Duden aus dem Jahr 2000 umfasst erstmals das Kapitel "Geschlechtergerechter Sprachgebrauch", das unterschiedliche Möglichkeiten geschlechtergerechter Formulierungen vorschlägt.

Schriftzug Gender* auf deutschem Wörterbuch
Zeigt Möglichkeiten einer gender-sensiblen Sprachnutzung: der aktuelle Duden. Bildrechte: IMAGO / Christian Ohde

Pro und Contra: Was spricht für das Gendern, was dagegen?

Kaum eine Debatte wird so emotional geführt wie die ums Gendern. Neu sind die Diskussionen über eine geschlechtergerechte deutsche Sprache allerdings nicht. Aufgekommen sind sie bereits in den 1970er-Jahren. Umso verhärteter sind heute die Fronten.

7 Gründe für das Gendern

  • Grammatikalisch mag das generische Maskulinum für alle Geschlechter gelten. Psychologische Studien zeigen jedoch, dass viele Menschen sich dann auch Männer vorstellen. Das bedeutet, dass unsere Sprache die Welt ganz anders darstellt, als sie eigentlich ist.


  • Sprache schafft Wirklichkeit. Wer sprachlich unterrepräsentiert ist, verliert an Bedeutung. Dass es neben Mann und Frau auch intersexuelle Menschen gibt, ist einige Menschen nicht bewusst.

Piktogramm von Mann und Frau gemischt, Intersexualität
Dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, ist noch immer nicht allen Menschen bewusst. Bildrechte: imago/Christian Ohde

  • Gleichberechtigung ist in unserem Grundgesetz fest verankert. Durch eine geschlechtergerechte Sprache würde sie weiter gefördert.


  • Studien zeigen: Sprachen, die neutraler sind, können dafür sorgen, dass Menschen offener über Geschlechterrollen denken.


  • Gegenderte Sprache ist Inklusion. Auch die Menschen, die sich weder als Mann noch Frau fühlen, sollten sich angesprochen fühlen.


  • Sprache prägt die kindliche Wahrnehmung von Berufen. Werden Berufe in der männlichen und weiblichen Form genannt, trauen sich Mädchen auch "typisch männliche" Berufe zu.


  • Sprache verändert sich - schon immer. Es ist ganz normal, dass wir unsere Sprache der Welt anpassen, in der wir leben.

7 Argumente gegen das Gendern

  • Verschieden Umfragen zeigen: Viele Menschen scheinen sich mit einer gegenderten Sprache nicht wohl zu fühlen - rund zwei Drittel der wahlberechtigten Deutschen lehnen sie ab.


  • Fakt ist: Das generische Maskulinum ist zwar eine grammatikalisch männliche Bezeichnung, hat mit dem biologischen Geschlecht der Bezeichneten aber eigentlich nichts zu tun.


  • Das Gendern führt zu einer Überbetonung des Geschlechts. Auch in Fällen, in denen das Geschlecht gar keine Rolle spielt. Dadurch werden Unterschiede sogar betont.


  • Eine gerechtere Sprache führt noch lange nicht zu einer gerechteren Welt, wie Beispielsweise einer Angleichung der Löhne von Männern und Frauen für die gleiche Tätigkeit.


  • Bei manchen Menschen erweckt das Gendern ein Gefühl der Bevormundung, da es ihrer Lebens- und Sprachrealität nicht entspricht. Das führt zu einem Widerstand gegen die Sprachregeln und kann sogar eine Rückkehr zu konservativen Wertvorstellungen bewirken.


  • Aus wissenschaftlicher Perspektive lässt sich nicht belegen, ob ein Mädchen zu einem eher "männlichen Berufen" tendiert, weil die Berufsbezeichnung gegendert worden ist oder ob die Wahl des Kindes eher durch Bezugspersonen beeinflusst wurde.


  • Gendern macht Sprache weniger verständlich und schwerer lesbar. Gender-Zeichen irritieren, die Sprachästhetik leidet, die gesprochene Pause klingt unnatürlich.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 21. Februar 2022 | 17:15 Uhr

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