Nach Tod von Mahsa Amini Proteste im Iran spitzen sich zu

Am 16. September starb Mahsa Amini nach ihrer Festnahme durch Irans Sittenpolizei. Hunderttausende Iraner und Iranerinnen zieht es als Folge auf die Straße: Sie verbrennen ihre Kopftücher, schneiden sich die Haare ab und nehmen es so mit dem Mullah-Regime auf. Die Proteste werden immer blutiger, im Iran scheint die Situation zu eskalieren.

Frauen in Brasilien mit Plakat "Freedom in Iran"
In Teheran und anderen Städten gehen tausende Frauen auf die Straßen, um gegen das Regime zu protestieren. Bildrechte: dpa

Der Iran erlebt aktuell eine massive Protestwelle: Frauen gehen auf die Straße, zünden in dem islamistisch regierten Land öffentlich ihre Kopftücher an. In Teheran und mindestens 13 weiteren Städten demonstrierten die Menschen gegen das streng religiöse und erzkonservative Regime. Präsident Ebrahim Raisi und seine Regierung geraten immer mehr unter Druck.

Der Tod von Mahsa Amini: Das ist passiert

Ausgelöst wurden die Proteste durch den Tod der Iranerin Mahsa Amini. Die 22-Jährige wurde am 13. September von der Sittenpolizei wegen eines Verstoßes gegen die strenge islamische Kleiderordnung festgenommen. Sie trug ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäß.

Islamische Kleiderordnung Seit der Islamischen Revolution 1979 gelten im Iran extrem strenge Kleidungsvorschriften. Zum Beispiel dürfen unter der Hijab keine Haare zu sehen sein.
Die Regierung versucht seit Längerem, diese Gesetze strenger umzusetzen, unter anderem durch den Einsatz einer Moral- oder Sittenpolizei.

Es ist nicht ganz geklärt, was nach ihrer Festnahme geschah. Doch fest steht, dass Mahsa mit einem Krankentransport aus der Polizeiwache in ein Krankenhaus in Teheran gebracht wurde und dort ins Koma fiel. Drei Tage später, am 16. September, ist sie tot.

Kritiker werfen der Regierung vor, dass die Sittenpolizei Gewalt angewendet habe. Diese weist die Behauptungen zurück und spricht von einem Herzinfarkt als Todesursache. Das belege wohl auch ein Autopsiebericht. Laut der Nachrichtenagentur "Irna" bestätigte auch der iranische Innenminister Ahmad Wahidi die Angaben der Polizei. Die medizinischen Untersuchungen hätten gezeigt, dass es weder Schläge seitens der Polizei noch einen Schädelbruch gegeben habe. 

Eine Iranerin hält bei einer Demonstration gegen das politische Regime im Iran ein Bild der 22-jährigen Mahsa Amini in Händen
Eine Demonstrantin erinnert in Frankfurt an die verstorbene Mahsa Amini. Bildrechte: dpa

Todesursache von Mahsa Amini: Familie unter Druck?

Mahsas Vater Amjad Amini zeichnet im Interview mit "BBC Persian" ein anderes Bild: Er sagt, dass er den Autopsiebericht seiner Tochter nicht einsehen durfte. Er bezweifle die Echtheit des Berichts. Seine Tochter habe keine Vorerkrankungen oder ein Herzleiden gehabt. "Mein Sohn war bei ihr. Einige Zeugen sagten ihm, sie sei im Lieferwagen und auf der Polizeiwache geschlagen worden", so Amjad Amini. 

Merkwürdig: Mittlerweile dementiert Mahsas Vater seine Aussage. Nach Angaben der "F.A.Z." soll er erklärt haben, dass sich seine Tochter vor acht Jahren einer Gehirnoperation unterzogen hat. Das wiederum würde der Behörden-Version mehr Glaubwürdigkeit verleihen.

Landesweite Proteste: Eine Revolution der Frauen

Mahsa Aminis Tod schlug hohe Wellen: Im Iran brodelt es, tausende Aktivisten gehen auf die Straße, lehnen sich gegen die frauenfeindliche Regierung auf, fordern eine "Revolution der Frauen". Die Parole der Demonstranten: "Wir wollen nicht viel, wir wollen nur unsere Freiheit". 

Der Unmut unter den Bürgern und Bürgerinnen steigt. Seitdem Mahsa Aminis Tod bekannt wurde, entlädt sich die volle Wut vieler Iraner. Längst richten sich die Proteste nicht mehr nur gegen die Sittenpolizei, sondern auch gegen die schlechte Wirtschaftslage, Korruption und das Mullah-Regime selbst.

Auf Demonstranten wird geschossen

Die erzkonservative und streng religiöse Regierung reagiert mit Gewalt. Die Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" hat Augenzeugenberichte, Bilder und Videos der Proteste analysiert. Die Materialien zeigen, wie brutal die iranischen Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten vorgehen. So wurde dokumentiert, wie wiederholt mit Schrotkugeln auf Demonstrierende geschossen wurde.

Nach Angaben von örtlichen Polizechefs gab es zudem mehr als 700 Festnahmen. Noch dazu hat die Regierung das Internet, verschiedene Soziale Netzwerke und Satellitenverbindungen blockiert. 

Bereits mehr als 50 Tote

Bei den Protesten im Iran sind laut Berichten iranischer Staatsmedien inzwischen mehr als 30 Menschen getötet worden. Das berichtete unter anderem die Tagesschau. Aktivisten und Menschenrechtsorganisationen vermuten jedoch eine höhere Opferzahl. Die Organisation "Iran Human Rights" sprach sogar von mindestens 50 Getöteten. 

Westliche Politiker schalten sich ein

In den vergangenen Tagen haben Politiker aus westlichen Ländern die iranische Regierung zum Umdenken aufgerufen. So sagte zum Beispiel US-Präsident Joe Biden am Mittwoch bei der UN-Generaldebatte in New York:

Heute stehen wir hinter den mutigen Bürgern und den mutigen Frauen des Iran, die in diesem Augenblick demonstrieren, um ihre Grundrechte zu sichern.

Joe Biden

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock kündigte am Donnerstag in New York an, das gewaltsame Vorgehen gegen die Demonstranten vor den UN-Menschenrechtsrat bringen zu wollen. Der "brutale Angriff auf die mutigen Frauen im Iran" sei "auch ein Angriff auf die Menschheit". Auch Bundeskanzler Olaf Scholf meldete sich via Twitter zu Wort: 

Es ist schrecklich, dass #MahsaAmini im Polizeigewahrsam in Teheran gestorben ist. Auch die Opfer bei den #IranProtests mutiger Frauen bedrücken mich. Egal wo auf der Welt: Frauen müssen selbstbestimmt leben können – ohne um ihr Leben fürchten zu müssen.

Olaf Scholz

Weltweit demonstrieren Frauen für Selbstbestimmung

Nicht nur die Politiker zeigen sich solidarisch: Auf der ganzen Welt gehen Menschen auf die Straße und demonstrieren. Ob Berlin, Frankfurt, Oslo oder in Chile: Überall schneiden sich viele Frauen aus Protest und Solidarität die Haare ab. Der Hintergrund: Haare haben im islamischen Kulturkreis eine große Bedeutung und werden als Symbol der Weiblichkeit gesehen. 

Düzen Tekkal, Frauenrechtlerin und deutsche Journalistin mit kurdisch-jesidischer Abstammung, erklärt auf ihrem Instagramaccount, warum es so wichtig ist, dass Frauen weltweit aktuell mit ihren Haaren ein Zeichen setzen.

Diese Stars solidarisieren sich mit Demonstranten im Iran

Auch Prominente äußern sich in den sozialen Netzwerken. So erinnert Harry-Potter-Autorin J.K.Rowling auf Twitter an die verstorbene Mahsa Amini.

Auch Bella Hadid, das US-amerikanische Model mit palästinensischen Wurzeln, äußert Bestürzung und Trauer über den Tod von Mahsa Amini. 

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 24. September 2022 | 17:15 Uhr

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