Böllerverbot oder nicht? Gründe für Feuerwerk an Silvester

40 Tage sind es noch bis zum Jahreswechsel, die Diskussionen um ein Böllerverbot an Silvester laufen bereits. Von hohen Feinstaubwerten ist da die Rede, aber auch von den ohnehin schon vollen Krankenhäusern. Stimmen diese Argumente und gibt es auch gute Gründe für ein Feuerwerk an Silvester?

Abschlussfeuerwerk beim Stadtfest in Dresden
Schön ist Feuerwerk schon anzusehen, wie hier über Dresden. Bildrechte: dpa

Ja, die Feinstaubbelastung nach Silvester ist hoch, und auch die Krankenhäuser haben schon jetzt viel zu tun. Doch die Diskussion um ein Böllerverbot zu Silvester zeigt: Viele hängen an diesem Brauch, das alte Jahr möglichst laut und bunt zu verabschieden. Und sie zeigt auch: Viele Fakten, die gegen ein Feuerwerk sprechen, sind bei genauer Betrachtung nicht ganz so schlagkräftig wie gedacht. Abgesehen davon, dass es natürlich auch gute Gründe für Raketen und Co. gibt.

Feinstaubbelastung und Umweltverschmutzung

Laut Statistischem Bundesamt lag die Menge der Feinstaub-Emissionen (PM10) 2019 insgesamt bei 203.600 Tonnen. PM10 meint Feinstaub-Partikel mit einem aerodynamischen Durchmesser von maximal 10 Mikrometern. Auf Feuerwerk gehen davon gerade mal rund 2.050 Tonnen zurück, so das Umweltbundesamt. Das sind nur etwa ein Prozent der gesamten Menge - aufs ganze Jahr verteilt. Auf Silvester allein entfallen nämlich nur rund 0,7 Prozent, gibt der Bundesverband Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk an. Die übrigen 0,3 Prozent stammen von Feuerwerk, das zum Beispiel an Stadtfesten abgebrannt wird. Zum Vergleich: Der Verkehr war im Jahr 2019 für fast 39.000 Tonnen Feinstaub verantwortlich.

Und die Branche setzt auf Nachhaltigkeit. Feuerwerkskörper bestehen schon heute fast vollständig aus Altpapier und Holz. "Mittelfristig sollen aber alle Feuerwerkskörper in Deutschland plastikfrei werden", sagt Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Verbandes der pyrotechnischen Industrie (VPI). Schon im kommenden Jahr sollen zum Beispiel Raketenspitzkappen ohne Plastik auskommen.

Reste des Silvesterfeuerwerks, Silvesterböller am Neujahrstag.
Feuerwerkskörper bestehen nach Angaben der VPI zu 90 Prozent aus Holz und Altpapier. Bildrechte: imago/Rüdiger Wölk

Dennoch: Auch Raketen aus Altpapier und Holz verursachen jede Menge Müll. Allein in München hatte die Stadtreinigung nach Neujahr 2018 rund 60 Tonnen Silvestermüll eingesammelt: Böllerreste, Glas und Verpackungsmüll. Das ist allerdings nichts im Vergleich zu anderen großen Events. In zwei Wochen Oktoberfest fallen in der ganzen Stadt rund 15 Tonnen Müll an - pro Nacht.

Unfälle und volle Krankenhäuser

Die steigenden Coronazahlen sorgen derzeit wieder für volle Intensivstationen. Ärzteverbände sprechen von einer dramatischen Lage, Pflegekräfte sind in Sorge vor dem, was noch kommt. Auch an Silvester müssen immer wieder Menschen ins Krankenhaus, verletzt durch Feuerwerk. Allerdings gibt es keine genauen Zahlen dazu, wie viele Verletzte mehr es zum Jahreswechsel gibt. Dennoch warnen zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und die Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie: "An keinem anderen Tag im Jahr verletzen sich so viele Menschen an den Händen wie an Silvester." Abgetrennte Finger, Verbrennungen und Brüche kämen häufig vor, aber auch Verletzungen im Gesicht und der Augen, sagte DGOU-Generalsekretär Dietmar Pennig 2019 der Deutschen Presse-Agentur. Zu den Unfallursachen zählten etwa Experimente mit Pyrotechnik, das Zünden illegaler Feuerwerkskörper und Alkoholeinfluss.

Der Bundesverband Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk geht davon aus, dass die meisten Unfälle auf den übermäßigen Konsum von Alkohol und auf gewalttätige Auseinandersetzungen zurückgehen. Er beruft sich auf eine Auswertung der Vivantes-Klinikgruppe, die schätzt, dass etwa fünf Prozent der Krankenhaus-Notfälle an Silvester durch Feuerwerk verursacht werden.

Fakt ist: Von Feuerwerksverbotszonen halten auch die Unfallexperten wenig. "Wenn man ein solches Verbot ausübt, dann lässt sich das polizeilich und ordnungsdienstlich in Großstädten wie Köln, München oder Berlin kaum durchsetzen", vermutete Pennig vor zwei Jahren. Ein generelles Verbot halten die Ärzte aber für sinnvoll, ergänzte Augenarzt Hans Hoerauf: "Darüber hinaus setzen wir uns für eine Diskussion über ein Verbot privat genutzter Feuerwerke ein." Feuerwerk gehöre in die Hände von Profis.

Andere Länder, andere Regeln

Was die Regeln in Sachen Feuerwerk angeht, gehört Deutschland schon jetzt zu den eher strengen Ländern in Europa. Unsere Nachbarn sind da zum Teil erheblich lockerer, was den Verkauf und Gebrauch von Feuerwerk angeht. Das Vergleichsportal "Netzsieger" hatte für 2016 die Regelungen von 14 Ländern verglichen und gezeigt: In Österreich, Tschechien, Spanien und weiteren Ländern ist der Verkauf von Feuerwerk ganzjährig erlaubt. Auch abgefeuert werden dürfen Raketen und Co. zum Teil ganzjährig.

Arbeitsplätze in der Branche

Ein Verbot von Böllern hätte Konsequenzen für die Branche. 122 Millionen Euro Umsatz wurde 2019 mit Feuerwerk erzielt. Batterien gehörten dabei zu den meistverkauften Produkten. Und an der Branche hängen 3.000 Arbeitsplätze. Die könnten bei einem Verbot dauerhaft wegfallen, warnte Klaus Gotzen vom VPI im vergangenen Jahr.

Das ist bisher nicht der Fall, allerdings befürchten erste Firmen, ein erneutes Verbot nicht zu überstehen - wie der Feuerwerkshersteller Weco mit. Es würde "nicht nur den Todesstoß für das Eitorfer Unternehmen, sondern für die allermeisten der Branche angehörigen Firmen bedeuten", sagte der Sprecher der Geschäftsführung, Thomas Schreiber, der Deutschen Presseagentur.

Und Weco muss offenbar schon erste Konsequenzen ziehen: Zum Ende des Jahres soll der Fertigungsstandort Freiberg in Sachsen geschlossen werden, heißt es in einer Pressemitteilung. Aktuell liefen noch die internen Abstimmungen mit dem Betriebsrat.

Strahlende Kinderaugen

Was neben all den Zahlen und Fakten noch für ein Feuerwerk zum Jahreswechsel sprechen könnte, sind die Emotionen. Gerade nach einem Jahr wie diesem - dem zweiten Pandemie-Jahr - können viele sicher einen großen Knall gebrauchen, um in ein neues, hoffentlich entspannteres Jahr zu starten. Leuchtende Kinderaugen gibt es dann umsonst obendrauf, egal, ob das Feuerwerk privat in den Himmel steigt oder vom Fachmann veranstaltet wird. Und alle, die lieber einen ruhigen Abend verleben würden, haben danach ja wieder 364 Tage ohne Böller und Raketen.

(Brisant/dpa/SZ)

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 22. November 2021 | 17:15 Uhr

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