Kriegskinder Kriegstrauma: Wenn der Krieg in der Ukraine die Erinnerungen wachruft

Die Bilder vom Krieg in der Ukraine sind belastend. Insbesondere für diejenigen, die Ähnliches selbst erleben mussten: zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg. Das betrifft insbesondere Menschen ab etwa 75 Jahren, die sogenannten Kriegskinder. Welche Erinnerungen werden bei ihnen durch die aktuellen Ereignisse ausgelöst - und wie kann man als Angehöriger helfen?

Senioren Kriegstrauma Symbolbild
Die Bilder vom Krieg in der Ukraine können Erinnerungen an eigene Kriegserfahrungen lebendig machen. Bildrechte: IMAGO

Viele heute 75- bis 90-Jährige mussten in ihrer Kindheit und Jugend Bombenangriffe, Hunger, Verfolgung und Vertreibung erleben. Eine "normale" Kindheit, wie wir sie kennen, gab es für die "Kriegskinder" oftmals nicht.

An eine Aufarbeitung des Erlebten war in der Nachkriegszeit in der Regel nicht zu denken. Wiederaufbau und Weitermachen bestimmten den weiteren Lebensweg. Doch im Alter werden die Erinnerungen und lange verloren geglaubte Gefühle oftmals wieder ins Gedächtnis gerufen. Unter anderem durch Ereignisse wie den Krieg in der Ukraine. Wie zeigt sich das bei den Betroffenen - und wie kann man ihnen helfen?

Was sind Auslöser für Kriegstraumata im Alter?

Erlebt man ein Trauma erneut, spricht man von einer Retraumatisierung. In Sachen Kriegserfahrung und -erleben sind davon insbesondere Menschen der Geburtsjahrgänge zwischen 1930 und 1945 betroffen.

Neben den normalen Alterungs- und Verlustprozessen können auch andere Faktoren Auslöser für eine Trauma-Reaktivierung sein: Krankheiten, Nachrichten über eine Bombenentschärfung in der Stadt oder oder auch Berichte über Krieg und Zerstörung wie aktuell aus der Ukraine.

Schwerhörige alte Frau sitzt mit Kopfhörern vor dem Fernseher
Gerade alte Menschen sind von den aktuellen Nachrichten überfordert. Bildrechte: imago/Petra Schneider

Die Symptome: Wie erkennt man ein Kriegstrauma?

Oft sind es auf den ersten Blick willkürliche, unerwartete oder sich wiederholende Handlungen oder Verhaltensweisen der Betroffenen, die für Unwissende keinen Sinn ergeben, in Wirklichkeit aber auf ein Kriegstrauma hindeuten.

Das können zum Beispiel eine plötzlich auftretende Angst vor Lärm (wie z.B. Flugzeuglärm oder der Lärm von Silvesterknallern) sein, Dunkelheit, die nur schwer zu ertragen ist oder das massenhafte Horten von Nahrungsmitteln. Andere Betroffene - meist Frauen - empfinden Berührungen als extrem belastend oder haben stets einen gepackten Koffer griffbereit stehen.

Auch körperliche Beschwerden, die sich nicht durch eine klare Diagnose abklären lassen, können Hinweise auf ein nicht verarbeitetes Kriegstrauma sein. Dazu zählen Schwindel, plötzliches Herzrasen oder auch Hitze- und Kältewallungen.

Welche Folgen kann ein Kriegstrauma haben?

Die Folgen der Reaktivierung eines Traumas können von Persönlichkeitsveränderungen bis hin zu Depressionen, psychosomatische Störungen, Anpassungsstörungen wie Phobien und Panikattacken, Ich-syntonen Verhaltensweisen (sparsam, funktionierend, altruistisch) sowie partiellen oder vollständigen posttraumatischen Belastungsstörungen reichen.

Eine junge Frau schaut mit Senioren ein Fotoalbum
Manchen Betroffenen hilft es, über das Erlebte zu sprechen. Bildrechte: imago/McPHOTO

Wie kann man Betroffenen helfen?

Da kein Mensch dem anderen gleicht, gibt es nicht die eine Lösung, um Betroffenen zu helfen. Zu berücksichtigen sind die körperlichen und geistigen Kräfte des Seniors, die individuellen Symptome, die auf das Trauma hinweisen, sowie die Schwere des Traumas.

Grundsätzlich ist es wichtig, dem Betroffenen und auch seinen Angehörigen viel Verständnis und Sensibilität entgegenzubringen und sich Zeit zu nehmen. Einigen Menschen hilft es, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Sie sind für ein offenes Ohr dankbar. Andere verschließen sich lieber und möchten jüngere Generationen mit ihren Erfahrungen nicht belasten.

Erste Anlaufstellen, um sich Rat zu holen, können sogenannte Seniorenbüros sein. In Selbsthilfegruppen für Angehörige kann man sich über seine Erfahrungen austauschen.

Leidet der oder die Betroffene unter körperlichen Beschwerden, für die es keine medizinische Erklärung gibt, sollte der Hausarzt über mögliche traumatische Erfahrungen informiert werden.

linara.de/kriegskind.de/BRISANT

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 27. Mai 2022 | 17:15 Uhr

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