REACH-Verordnung Tattoofarben-Verbot: Was ist noch erlaubt?

Seit dem 5. Januar schränkt die neue REACH-Verordnung der EU die Nutzung bestimmter Pigmente stark ein und verbietet damit fast alle Tattoofarben. Warum gibt es das Verbot? Welche Farben sind betroffen? Und was sollte man noch übers Tätowieren wissen? Diese und weitere wichtige Fragen klärt BRISANT hier.

Mit einer Tätowiernadel sticht ein Tattoo-Artist ein Tattoo
Bunte Farben in Tattoos gibt es so gut wie nicht mehr. Bildrechte: dpa

Die sogenannte "REACH-Verordnung" gibt es schon seit 2007. Sie regelt die sichere Verwendung von Chemikalien in Europa und gilt als eine der strengsten Chemikaliengesetze der Welt. "REACH" steht dabei für "Regulation concerning the Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of CHemicals", also die Verordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe. Sie regelt auch, welche Stoffe in Haarfarben, Kosmetikprodukten und Tätowierfarben verwendet werden dürfen.

Mann mit freiem Oberkörper zeigt seine Tattoos 25 min
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exactly Mo 21.02.2022 08:00Uhr 25:17 min

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Die Änderung im Einzelnen

Seit dem 5. Januar gibt es eine Änderung in dieser Verordnung. Es gelten damit strengere Regeln für Gemische, die bei Verfahren "für Tätowierungen oder Permanent Make-Up" benutzt werden. Genauer gesagt: Bestimmte Stoffe dürfen nicht mehr enthalten sein oder nur noch in so geringen Mengen, dass sie quasi verboten sind. Betroffen sind auch einige Pigmente und Konservierungsmittel, die in Tattoofarben verwendet worden sind, zum Beispiel "Disperse Yellow 3" oder "Acid Violet 17". Auch die Konzentration von chemischen Elementen wie Blei oder Selen wurde mit der Verordnung angepasst.

Für andere Stoffe, die ebenfalls als gefährlich eingestuft worden sind, gibt es noch eine Übergangsfrist. Dazu gehören die beiden Pigmente "Blue 15:3" und "Green 7". Sie sind laut Amtsblatt der Europäischen Union bis zum 4. Januar 2023 von der Beschränkung ausgenommen. Für sie gebe es "keine sichereren und technisch angemessenen Alternativen". Mit der Frist sollen Hersteller die Möglichkeit bekommen, "sicherere Alternativen zu finden".

Warum wurde die Verordnung angepasst?

In der Begründung der EU-Kommission heißt es, dass beim Tätowieren oder Microblading "zwangsläufig eine Verletzung der Hautbarriere" erfolgt. Dadurch würden die verwendeten Gemische in den Körper aufgenommen. Das Risiko dabei: "Einige dieser Stoffe haben gefährliche Eigenschaften, die ein potenzielles Risiko für die menschliche Gesundheit darstellen." Allerdings kritisieren Branchenverbände und Tätowierer, dass die Gefahr, die von den genutzten Stoffen ausgeht, nicht ausreichend geprüft wurde.

In einer Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung zu den noch erlaubten Pigmenten "Blue 15:3" und "Green 7" heißt es: "Das BfR kommt zu dem Ergebnis, dass die derzeit verfügbaren Daten für beide Pigmente nur eine vergleichsweise geringe Toxizität aufzeigen, die vorhandene Datenlage [...] jedoch unvollständig ist, so dass eine gesundheitliche Risikoeinschätzung für die Anwendung in Tätowiermitteln für das BfR zurzeit nicht möglich ist." Der Bundesverband Tattoo e.V. schreibt: "Zu behaupten, man habe sich (soweit erkennbar) auf EU-Ebene auch nur im Ansatz mit den vielen wohl begründeten Einwänden von Fachwissenschaftlern auseinandergesetzt, wäre unwahr."

Was bedeutet das nun für Tätowierer und Kunden?

Mit dieser Verordnung können so gut wie alle Tattoofarben, die bisher auf dem Markt waren, nicht mehr benutzt werden. Für Schwarz, weiß und grau gibt es bereits REACH-konformen Ersatz. Einige Hersteller haben angekündigt, entsprechende Linien auf den Markt zu bringen. Bisher gibt es nur einen Hersteller aus der Schweiz, der damit wirbt, die volle Farbpalette entsprechend der EU-Norm anbieten zu können. Wie das Branchenmagazin "feelfarbig" schreibt, kann es sein, dass Tätowierer trotz des Angebots vorerst nur Arbeiten in Schwarz-Weiß anbieten. Da die Preise für Tätowierfarben zum Teil deutlich angestiegen seien, könne es auch sein, dass die Tattoos nun mehr kosten als noch 2021.

#MDRklärt Die neue REACH-Verordnung kurz erklärt

Darum kann seit Januar 2022 fast nur schwarz-weiß tätowiert werden
Bildrechte: MDR/dpa
Darum kann seit Januar 2022 fast nur schwarz-weiß tätowiert werden
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Seit 4. Januar sind fast alle Tattoofarben verboten. Grund dafür sind EU-weite Vorschriften und Beschränkungen – die sogenannte "Reach-Verordnung". Laut ihr ist das Verwenden von vielen Chemikalien, die unter anderem Bestandteil von fast allen Tattoofarben sind beschränkt. Dazu zählen Konservierungsstoffe und Bindemittel.
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Für die Chemikalien gibt es neue Grenzwerte. Die liegen in einem so niedrigen Bereich, dass die bisher genutzten Farbstoffe nicht mehr verwendet werden können.
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Ziel ist laut der EU-Kommission nicht, Tätowierungen zu verbieten, sondern Tätowierfarben sicherer zu machen, so die Europäische Chemikalienagentur (ECHA).
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Problem: Es fehlt am Markt an einer breiten Farbauswahl, die mit den Anforderungen der EU kompatibel ist. Und: Laut Bundesverband Tattoo basieren einige der neuen Regelungen auf Vermutungen als auf Wissen. Laut Verband sollte erstmal in Forschungen in diesem Bereich investieren werden.
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MDR (Maximilian Fürstenberg)

Dieses Thema im Programm:
MDR AKTUELL | 28. Dezember 2021 | 22:12 Uhr
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Ist Tattoofarbe giftig?

Grundsätzlich ist die Verwendung von Inhaltsstoffen für Kosmetik wie für Tattoofarben geregelt. Verboten sind Stoffe, die definitiv riskant sind. Es gibt aber keine sogenannte "Positivliste", die unbedenkliche Stoffe auflistet. Deshalb kann es sein, dass bedenkliche Stoffe enthalten sind. Grundsätzlich bestehen Tattoofarben aus Pigmenten und einer Trägerflüssigkeit. Verdicker und Konservierungsstoffe sind für gewöhnlich auch enthalten. Die enthaltenen Farben werden aber nicht extra für die Verwendung zum Tätowieren hergestellt, sondern können auch anderswo eingesetzt werden, zum Beispiel in Druckerfarbe oder Autolacken. Daher hält sich auch das Gerücht, dass Autolacke in Tattoofarben enthalten sind.
Eine Liste der Inhaltsstoffe in der verwendeten Farbe muss auf den Flaschen aufgedruckt sein. Man kann sie beim Tätowierer erfragen und sollte sie sich genau durchlesen.

Welche Tattoofarben halten am längsten?

Eine Antwort auf diese Frage hängt von vielen Faktoren ab. Grundsätzlich sollte ein Tattoo, das lange hält, vom Profi gestochen worden sein. Denn die Farbe darf nur etwa 1,5 bis 2 Millimeter tief in die Haut gestochen werden. In der Dermis, der Lederhaut, wird die Farbe von sogenannten "Makrophagen" aufgenommen und an Ort und Stelle verankert. Wird zu tief gestochen, kann die Farbe sich im Fettgewebe unter der Dermis ausbreiten und wie ein Schatten auf der Haut zu sehen sein. Dunkelblaue, dunkelgrüne oder schwarze Pigmente verblassen auch leichter als Weiß oder Gelb.
Wer sein Tattoo richtig pflegt, sorgt auch dafür, dass die Farben länger schön aussehen.

Was kostet ein Tattoo?

Eine pauschale Antwort gibt es auch hier nicht. Grundsätzlich deckt der Preis die Materialkosten für Frischhaltefolie, Farbe, Desinfektionsmittel usw. Aber auch die Arbeitszeit des Tätowierers, die Ladenmiete und der Strom wollen bezahlt sein. Sich den günstigsten Künstler auszusuchen, ist deshalb keine gute Idee: Qualität kostet ihren Preis.

Wo tut ein Tattoo am meisten weh?

Tätowieren tut weh, denn dabei wird eine Nadel mehr als 100 Mal pro Sekunde in die Haut gestochen. Aber jeder Körper ist unterschiedlich empfindlich genauso wie die Hautstellen. Die Innenseiten an Beinen und Armen, der Brustkorb oder der Rücken sind etwa empfindlicher als andere Stellen. Weitere Faktoren sind: die Größe des Tattoos, die Dauer der Sitzung oder die Art der Tätowierung. Tätowierer empfehlen deshalb, sich möglichst zu entspannen, gut ausgeschlafen und satt zum Termin zu kommen. Schmerzmittel hingegen sind keine gute Idee, da sie das Tätowieren beeinflussen können.

Alternativen: Was ist ein Bio-Tattoo?

Der Name "Bio-Tattoo" ist irreführend, denn daran ist nichts "bio". Die Farbe wird dabei nur in die oberste Hautschicht eingebracht - allerdings auch mit einer Nadel. So soll das Bild nur 30 Tage sichtbar bleiben und danach verblassen. Diese temporären Tattoos können aber auch Jahre halten, wenn zu tief gestochen wird. Dann landet die Farbe genau dort, wo auch beim regulären Tätowieren gestochen wird.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 10. Januar 2022 | 17:15 Uhr

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