Fachkräftemangel Statt Rente mit 70: Diskussion um 42-Stunden-Woche

Die Rentenkasse leer, keine Fachkräfte in Sicht - da kommt ein neuer Vorschlag in Sachen Arbeitszeit: 42 Stunden pro Woche sollen es künftig sein. Wie sieht es aber mit der Work-Life-Balance aus? Und wie lange arbeiten die Menschen in anderen europäischen Ländern?

Bald geht die Babyboomer-Generation in Rente - dann verliert Deutschland viele Arbeitskräfte. Und genügend Nachwuchs ist nicht in Sicht. Daher fordert Industriepräsident Siegfried Russwurm, dass Vollzeitbeschäftigte künftig 42 Stunden arbeiten sollen - statt wie jetzt 37,5 oder 40 Stunden.

 "Ich habe persönlich große Sympathie für eine optionale Erhöhung der Wochenarbeitszeit - natürlich bei vollem Lohnausgleich", sagte er der Funke-Mediengruppe.

Siegfried Russwurm, Präsident Bundesverband der Deutschen Industrie e. V.
Siegfried Russwurm denkt über die 42-Stunden-Woche nach - das gefällt nicht jedem. Bildrechte: imago images/Reiner Zensen

Babyboomer-Generation: Geburtenstarke Jahrgänge in Deutschland der 1950er bis Mitte der 1960er-Jahre.

Mehr arbeiten, um Rentenkasse zu füllen

Um den Fachkräftemangel auszugleichen, sollen wir also 2 Stunden pro Woche länger arbeiten. Diese Idee wäre leichter umzusetzen als die Rente mit 70, sagte Russwurm weiter.

Denn wenn weniger Menschen arbeiten, zahlen auch weniger in die Rentenkasse ein. Die erhöhte Wochenarbeitszeit soll diese Lücken zumindest etwas füllen. Auch Wirtschaftsexperte Michael Hüther hatte diesen Vorschlag gemacht. Der 60-Jährige ist Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft und steht daher den Arbeitgebern nahe - nicht den Arbeitnehmern.

Wo bleibt die Work-Life-Balance?

Gewerkschaften sind über den 42-Stunden-Vorschlag entsetzt. Überlange Arbeitszeiten würden "krank machen", sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Auch die IG Metall forderte stattdessen eine bessere Aus- und Weiterbildung oder flexiblere Arbeitszeiten.

Längere Arbeitszeiten gehen laut DGB zudem an der Alltagsrealität vieler Familien vorbei. Wer Angehörige pflegt oder kleine Kinder betreut, muss Zeit für sie aufbringen. Wer ehrenamtlich tätig ist, braucht auch dafür Zeit. Nur wer unter 40 Stunden pro Woche arbeitet, empfindet seine Work-Life-Balance, also die Ausgewogenheit zwischen Beruf und Familie/Freizeit, als ausgewogen. Das ergab eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Ü50-Arbeitnehmer
In vielen Berufen müssen die Menschen körperlich hart arbeiten. Bildrechte: Colourbox.de

Viele Menschen wollen weniger arbeiten. Das hat kürzlich die Deutsche Bahn zu spüren bekommen. Vor die Wahl gestellt, mehr Geld auf dem Konto zu haben oder Freizeit, wählten bei einer Umfrage 58 Prozent der Tarifbeschäftigten sechs zusätzliche Urlaubstage! Die anderen erhalten 2,6 Prozent mehr Gehalt.

Übrigens: Noch in den Nachkriegsjahren gab es die 55 Stunden-Woche - Überstunden inklusive! Erst 1957 erreichte die IG Metall die 45-Stunden-Woche mit einem freien Samstag.

Das sagen unsere User

Auf Facebook haben wir unsere User nach deren Meinung gefragt - und die sprechen eine deutliche Sprache:

Nur weil die Politiker wieder Mist gebaut haben, sollen die Menschen es ausbaden. Dann sollen die mal auf den Bau arbeiten gehen. Aber dann auch von diesem Gehalt leben. Dann wird er seine Meinung ganz schnell ändern.

Ausbeutung mit noch mehr Ausbeutung zu kompensieren ist keine Lösung.

Gerecht wäre ein Rentensystem, in das ALLE einzahlen. Die Beitragsbemessungsgrenze sollte abgeschafft werden bei gleichzeitiger Deckelung der Rentenhöhe. DAS wäre sozial und vor allem solidarisch.

Doch der Vorschlag von Siegfried Russwurm kam vereinzelt auch gut an:

In der Schweiz ist fast alles zwischen 40- 45 Stunden/Woche bei ca. 3- 5 Tagen Urlaub weniger normal. Dabei ist die Krankheitsquote auch noch niedriger. Und die laufen auch nicht mit dem Kopf unter dem Arm herum. Also was soll an der Forderung verwerflich sein?

Eine Frau hält sich den Kopf an einem überfülltem Schreibtisch
Sind 40 Arbeitsstunden in der Woche genug? Bildrechte: IMAGO / Shotshop

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Im Durchschnitt arbeiteten alle Vollzeitarbeitnehmer in Europa 40,7 Stunden in der Woche (Stand 2020). Spitzenreiter ist Griechenland mit 43,8 Wochenstunden, Schlusslicht ist Dänemark mit "nur" 38,4 Wochenstunden. Deutschland liegt mit mit 40,5 Stunden am oberen Ende.

Island hatte die 4-Tage-Woche vor einigen Jahren als Modellversuch, Spanien ebenso. Belgien testet seit März die 4 Tage-Woche. Doch die Angestellten müssen dort trotzdem auf eine Wochenarbeitszeit von 38 Stunden kommen. Was bedeutet, dass sie von Montag bis Donnerstag fast 9,5 Stunden täglich arbeiten müssen.

Fröhliche Familie mit zwei Kindern, Eltern nehmen Kinder huckepack
4 Tage pro Woche arbeiten - andere Länder machen es vor. Bildrechte: Colourbox.de

Das ist bei Menschen, die körperlich schwer arbeiten oder sich stark konzentrieren müssen, auf Dauer nicht machbar, sagen Wirtschaftsexperten, Gewerkschafter und Mediziner. Und auch hier ist das Problem fehlender Kinderbetreuung groß. Was passiert, wenn der Kindergarten freitags geschlossen ist, weil die Erzieher und Erzieherinnen an diesem Tag frei haben?

Und noch etwas muss man bedenken: Nur 32 Stunden bei vollem Lohnausgleich zu arbeiten, ist Utopie. Arbeitnehmer müssten dann dauerhaft mit weniger Gehalt auskommen.

Quelle: destatis/dpa/dgb/bertelsmann-stiftung

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 20. Juni 2022 | 17:15 Uhr

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