Hintergrund Vom Dampf zum Diesel – Wie Dresdener Ingenieure Bahngeschichte schrieben

Große Pläne bei der Deutschen Reichsbahn. Anfang der 1960er-Jahre sollen die altehrwürdigen Dampfrösser ausrangiert und durch effektivere Dieselloks vom Typ V180 ersetzt werden. Allerdings hat die Sache einen Haken. Die Getriebe für Diesellokomotiven stammen von der Firma Voith und müssen für harte Devisen aus dem Westen importiert werden.

Diesellokomotive V180
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Darum erhält Rolf Hengst, Chefkonstrukteur im VEB Turbinenfabrik Dresden, den Auftrag möglichst schnell eigene Getriebe zu entwickeln. Es ist ein Auftrag von ganz oben – absolute Chefsache.

Wir wurden also nach Berlin bestellt. Dann sitzt man im Verkehrsministerium in dieser Runde. Und die haben natürlich Druck gemacht. Den musste man eben aushalten. Ich hab gesagt, Hexen können wir nicht.

Rolf Hengst

Neben dem Druck spürt er damals auch viel Misstrauen. Die Staatssicherheit wittert überall Sabotage. Läuft etwas schief, muss Rolf Hengst Stellung nehmen.

Ingenieur Rolf Hengst
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Ich lege meine Hand für meine Kollegen ins Feuer, da keiner von meinen Kollegen wohl seine eigene Arbeit sabotieren wird. Aber das war 1962/63, danach ist auch keiner wieder bei mir aufgetaucht. Ich nehme an, die hatten dann andere Leute, die sie entsprechend und vielleicht nicht immer so sachlich informiert haben.

Rolf Hengst

Reibungsfrei mit dem Strömungsgetriebe

Strömungsgetriebe nach dem Prinzip der Föttinger-Kupplung 1 min
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Echt Mi 31.03.2021 21:15Uhr 00:49 min

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Am größten ist aber die technische Herausforderung. Zieht eine bis zu 2000 PS starke Diesellok einen 3000 Tonnen schweren Güterzug, wirken gewaltige Kräfte, denen mechanische Getriebe nicht standhalten würden. Darum übertragen in Dieselloks damals vor allem hydraulische Strömungsgetriebe die Kraft vom Motor auf die Räder. Sie arbeiten reibungsfrei nach dem Prinzip der Föttinger-Kupplung. Innerhalb eines Gehäuses befinden sich anstelle von Zahnrädern zwei Turbinen und Öl. Wird die Antriebsturbine durch den Motor in Bewegung gesetzt, entwickelt das Öl eine Strömung und überträgt diese Kräfte auf die zweite Turbine, die mit den Rädern verbunden ist.

Die Kraftübertragung erfolgt ausschließlich durch Öl. Deshalb erreichen Sie mit diesen Maschinen ja auch diese enorme Laufleistung, weil eben der mechanische Verschleiß in diesen Hauptelementen ja praktisch null ist.

Rolf Hengst

Bis 1995 werden Strömungsgetriebe in Dresden konstruiert

Heute lebt der ehemalige Chefkonstrukteur in Neuhausen im Erzgebirge. Die Zeiten als er mit seinen Kollegen die Strömungsgetriebe entwickelt hat, sind für den 90jährigen unvergesslich. Regelmäßig treffen sie sich und schwelgen in Erinnerungen aus der Turbinenfabrik, die später in den VEB Strömungsmaschinen umbenannt wird. Bis 1995 konstruieren sie in Dresden Strömungsgetriebe für Dieselloks, Kraftwerksturbinen oder unterirdische Fließbänder in Kalischächten. Wo viel Kraft übertragen wird, sind ihre Ideen gefragt.

Ehemaliger VEB Strömungsmaschinen in neuem Glanz

"Zeitenströmung", so heißt das aufwendig sanierte Industriegelände jetzt. Neben einem exklusiven Oldtimerhandel haben sich hier klein- und mittelständische Unternehmen angesiedelt. Ab und an kommt auch Udo Spiegel vorbei und wirft einen Blick in die ehemalige Halle der Turbinenfabrik. 60 Jahre liegt es schon zurück, dass er hier einer der leitenden Ingenieure war.   

Ingenieur Udo Spiegel
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Wir haben uns voll reingekniet. Wir waren natürlich eine Mannschaft, die relativ jung war. Es war die Generation derer, die noch einen Krieg erlebt haben und die waren alle mit Aufbauwillen beseelt.

Udo Spiegel

Know how von Flugzeugkonstrukteuren

Mit viel Präzision fügen sie ein hochkomplexes System aus 1000 Einzelteilen zusammen. Nachdem die Staatsführung Ende der 1950er-Jahre ihre Pläne für den Bau eines eigenen Verkehrsflugzeugs verwirft, profitieren die Dresdener Ingenieure auch vom know how der Flugzeugkonstrukteure. Im VEB Entwicklungsbau Pirna ergeben sich für die Entwicklung der Strömungsgetriebe ungeahnte Möglichkeiten.

Wir hatten dann dort auch wunderbare Prüfstände. Wir hatten die Möglichkeit, die komplette Antriebsanlage aufzubauen, in einer Halle mit Dieselmotor und ins Freie auspusten zu lassen.  

Udo Spiegel

Gleichzeitig plagen sie aber auch Materialengpässe, die Rolf Hengst beinahe mit dem Leben bezahlt. 

Wir bekamen nicht die Materialien, die wir zum Beispiel für die Labyrinth-Dichtungen brauchen. Das waren hochwertige Bronzen. Wir mussten mit Messing vorlieb nehmen. Damit hatten wir auch zwei Havarien.

Rolf Hengst

Auf einer Testfahrt im Jahre 1963 entgleist eine Lokomotive.

Meine beiden Lokführer, die standen leichenblass neben mir. Einer sagte: 'Mein lieber Rolf, wir haben ein unheimliches Schwein, dass wir noch am Leben sind.'

Rolf Hengst

Strömungsgetriebe werden bis nach China exportiert

Allen Widrigkeiten zum Trotz arbeiten ihre Strömungsgetriebe später zuverlässig auf tausenden Lokomotiven. Bis nach China werden sie exportiert. Ein Wunsch bleibt allerdings unerfüllt.  Für den „ICE des Ostens“ sind die Ingenieure nicht schnell genug. Im VEB Waggonbau Görlitz werden bis 1968 Getriebe der Firma Voith eingesetzt. Als die Dresdener Ingenieure soweit sind, wird die Produktion des bis heute legendären SVT eingestellt.

Ich wollte im SVT nicht bloß mitfahren, sondern ich hätte gerne ein Getriebe dort drinnen gehabt.

Rolf Hengst

Als Trost bleibt die Gewissheit, dass seine Getriebe auf Rangierloks wie der V100 bis heute zuverlässig laufen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Echt | 31. März 2021 | 21:15 Uhr