Vergessene Orte in Mitteldeutschland Lost Place: Wie eine Schleusenruine aus der NS-Zeit Touristen begeistern soll

In Leipzig treffen sich bis Anfang Juni Wasserexperten aus der ganzen Welt zur Worlds Canal Conference. Schließlich hat die Stadt, die aus ehemaligen Tagebau-Gruben einen Verbund von Seen machte, einiges an Knowhow zu bieten. Ein Programm-Highlight ist ein Lost Place zwischen Leipzig und Merseburg. Dort steht die Schleusenruine von Wüsteneutzsch und erinnert an die 100 Jahre alte Vision von der Vollendung des Mittellandkanals, die "Wasser-Enthusiasten" der Region heute wieder elektrisiert.

Dirk Becker recherchierte die unglaubliche Geschichte eines Wasserweges
Vor 15 Jahren stand Dirk Becker plötzlich am Fuße eines riesigen Betonkolosses in der Nähe des Dörfchens Wüsteneutzsch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Dirk Becker recherchierte die unglaubliche Geschichte eines Wasserweges
Der Historiker Dirk Becker beim Koloss von Wüsteneutzsch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Da steht so ein Riesending aus der Nazi-Zeit auf dem Acker und keiner weiß so richtig, was das ist", hatte ihm ein Freund aus Merseburg erzählt. Eines Tages schaut Dirk Becker selber nach. Er fragt sich bei den Leuten im Dörfchen Wüsteneutzsch durch und steht plötzlich am Fuße eines gigantischen Betonkolosses: "Ich sag' mal, ich habe damals schon erkannt, dass es eine Schleuse sein soll. Nur sind wir hier zwei Kilometer weg von der Saale, egal wie ich mich hochrecke und strecke, ich sehe kein Wasser weit und breit", so erzählt der Hallenser lachend, wie er vor nunmehr 15 Jahren eine Entdeckung machte, die sein Leben verändern sollte.

Plan für gigantische Schleusentreppe in Wüsteneutzsch

Dirk Becker recherchierte die unglaubliche Geschichte eines Wasserweges
Modell der bei Wüsteneutzsch geplanten Schleusentreppe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dirk Becker ist sofort fasziniert. Er recherchiert im Internet über das Bauwerk im Nirgendwo zwischen Leuna und Leipzig und beginnt, selber Quellen auszugraben, fündig wird er in den Archiven der Wasser- und Schifffahrtsämter in Merseburg und Magdeburg. So wird ihm klar, dass es sich bei dem Betonkoloss um die Reste einer gigantischen Schleusentreppe handelt, Teil eines Masterplans zur Vollendung des Mittellandkanals über einen sogenannten Südflügel aus den 1920er-Jahren. Über die Treppe sollen Binnenschiffe einen Höhenunterschied von 22 Metern zwischen Saale und Saale-Leipzig-Kanal überwinden können. Auch dieser neue Wasserweg nach Leipzig soll noch entstehen.

Stichwort: Mittellandkanal

Der Mittellandkanal ist mit 325 Kilometern Länge die längste künstliche Wasserstraße in Deutschland.

Das Infrastrukturprojekt zielte zunächst darauf, Rhein und Elbe, später auch die Oder darüber zu verbinden. 1856 gab es erste Pläne. Doch über das Projekt wurde im Deutschen Reich erbittert gestritten. Im industriell geprägten Westen gab es Zuspruch, doch konservative preußische Politiker und Beamte sprachen sich 1899 gegen den Bau des Mittellandkanals aus. Die "Kanalrebellen" aus dem agrarisch geprägten Osten fürchteten etwa, dass über den Kanal billiges amerikanisches Getreide zur unliebsamen Konkurrenz für die heimischen Großgrundbesitzer würde. Als Kompromiss sollte der Kanal, dessen Bau mit dem Inkrafttreten des preußischen Wassergesetzes vom 1. April 1905 beschlossen wurde, nur bis Hannover angelegt werden.

Der Mittellandkanal zweigt bei Bergeshövede vom Dortmund-Ems-Kanal ab und endet am Wasserstraßenkreuz Magdeburg bei Hohenwarthe. Dort wird er in einem gigantischen künstlichen Trog über die Elbe geführt.

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Ein Kanal mit einem begrünten Damm, auf dem ein Pumpenhäuschen über einer Schleuse steht. 45 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

 

Südflügel: Mitteldeutschlands Anschluss ans Meer

Dirk Becker recherchierte die unglaubliche Geschichte eines Wasserweges
Der Saale-Leipzig-Kanal ist heute eine 11 Kilometer lange Bundeswasserstraße, die allerdings plötzlich endet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erst nach der Weltwirtschaftskrise, Anfang der 1930er-Jahre, beginnen die Arbeiten an dem Mega-Projekt, das Mitteldeutschland über Saale und Elbe mit Hamburg und seinem Überseehafen an der Nordsee verbinden soll. Die Nazis machen aus dem Plan für den "Südflügel" ein Arbeitsbeschaffungsprogramm. Es entstehen große Teile des Saale-Leipzig-Kanals und der modernste deutsche Binnenhafen, der Lindenauer Hafen in Leipzig, also in der Stadt, die nicht nur ans deutsche Binnenwasserstraßennetz, sondern an die Weltmeere will. Es wird außerdem fieberhaft daran gearbeitet, die Saale auszubauen. Großschleusen für neue 1.000-Tonnen-Frachter entstehen bei Wettin, in Bernburg und in Calbe. Und schließlich wird in Wüstenneutzsch Anfang der 1940er-Jahre ein Bauwerk begonnen, dass es so in Deutschland noch nicht gegeben hat: eine Schleusentreppe, deren Anlage sich über mehr als einen Kilometer weit ausdehnt. Mit zwei Kammern, einer oberen, einer unteren, jeweils 85 Meter lang. Mehr als achteinhalb Millionen Reichsmark teuer.

Stichwort: Südflügel

Dirk Becker stößt bei der Recherche über die Ruine von Wüsteneutzsch auf das Mega-Projekt: Die Vollendung der wichtigsten Wasserstraße Deutschlands, des Mittellandkanals, über den sogenannten Südflügel. Vereinbart wird das Vorhaben am 26. Juli 1926 in einem Staatsvertrag zwischen dem Deutschen Reich sowie Preußen, Sachsen, Braunschweig und Anhalt.

Letztlich geht es um die Verbindung Mitteldeutschlands mit den Weltmeeren, den Anschluss Leipzigs ans deutsche Binnenwasserstraßennetz, den Ausbau von Elbe und Saale für große Binnenschiffe, einen neuen Wasserweg nach Leipzig, den heutigen Saale-Leipzig-Kanal, geplant damals als Elster-Saale-Kanal.

Erst Anfang der 1930er-Jahre, nach der Weltwirtschaftskrise, beginnen die Bauarbeiten. Kriegsbedingt bleibt vieles unvollendet, auch die größte Schleusentreppe Deutschlands bei Wüsteneutzsch. Das Mega-Projekt wird 1943 gestoppt.

Krieg stoppt Vollendung des Mittellandkanals

Dirk Becker recherchierte die unglaubliche Geschichte eines Wasserweges
Was Leipzig bis heute vom Meer trennt, ist rot markiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der von den Nazis entfesselte Weltkrieg stoppt 1943 das Mega-Projekt. Dirk Becker sieht in den Überresten in Wüsteneutzsch mehr als eine Ruine. Im Auftrag des Bundes muss sie heute wie der Kanal ohne Anschluss oder die Großschleusen vom Wasser- und Schifffahrtsamt Magdeburg mit viel Aufwand gesichert bzw. instand gehalten werden. Doch Becker sähe auch gern Mittel investiert, um den Lost Place zwischen Leuna und Leipzig wiederzubeleben.

Vision für den Lost Place in Wüsteneutzsch

Dirk Becker recherchierte die unglaubliche Geschichte eines Wasserweges
Dirk Becker engagiert sich mit dem Saale-Elster-Kanal-Förderverein für den Lost Place Wüsteneutzsch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

2008 hat er sein erstes Buch über den "Südflügel" veröffentlicht, es wird viel beachtet. Auch bei den Enthusiasten vom Wasserstadt e.V. in Leipzig. Die Stadt, die 150 Jahre im Zangengriff von Industrie und Braunkohle lag, hat inzwischen Seen, wo früher Tagebau war, Flüsse wurden revitalisiert und der einst unvollendete Lindenauer Hafen ist mittlerweile ans städtische Gewässernetz angeschlossen. Mit Milliarden an Steuermitteln aber auch durch großes bürgerschaftliches Engagement. So findet Becker Gleichgesinnte, mit denen er in die Zukunft denkt und sich fragt: Was eigentlich, wenn man den Südflügel vollenden würde – den Hafen in Leipzig, die 7,5 Kilometer Kanal, die noch fehlen? In Schottland stößt er bei seinen Recherchen nach Referenzprojekten auf das Falkirk Wheel, das er gemeinsam mit seinen Mitstreitern besichtigt: "Ein Rotationshebewerk, das Wasserbauer zehn Jahre vorher noch für technisch nicht realisierbar hielten – die Schotten haben es gebaut", schwärmt Becker.

Falkirk Wheel
Das 2002 eingeweihte Falkirk Wheel in Schottland zieht im Jahr bis zu eine Million Touristen an. Bildrechte: imago/robertharding

Blick nach Schottland aufs Falkirk Wheel

Das Prinzip: Ein riesiges Stahlrad bewegt zwei Wassertröge gegenläufig auf und ab. Wegen des Gegengewichts verbraucht es kaum Energie. Der Fahrstuhl für Boote und Schiffe überwindet einen Höhenunterschied von 24 Metern – fast wie in Wüsteneutzsch. Und auch "nur" für Touristen. 2002 von Queen Elizabeth eröffnet, ist das Falkirk Wheel zwischen Edinburgh und Glasgow längst eine Sensation, die allerdings 81 Millionen Pfund gekostet hat. Nicht inbegriffen die Mittel für Wege, Straßen, Brücken und das neue Stück Kanal, das entstand. Laut Scottish Canals hat sich die Investition gelohnt. Jährlich kommen demnach eine Million Touristen, 600.000 selbst noch in der Pandemie.

Studien, Entwürfe, Pläne

Dirk Becker recherchierte die unglaubliche Geschichte eines Wasserweges
Angela Zabojnik auf Bootstour am Lindenauer Hafen in Leipzig, der nie ein Frachtschiff Richtung Saale ablegen sah. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Art Falkirk Wheel in Wüsteneutzsch, das wäre es doch, glaubt Dirk Becker, der beispielsweise auch Angela Zabojnik vom Rathaus in Leipzig mit seiner Idee faszinierte: "Vielleicht fehlt uns einfach manchmal die Freiheit, verrückte Sachen nicht nur zu denken, sondern die auch als Vision umzusetzen. Wir müssten, glaube ich, viel mutiger sein", überlegt die Abteilungsleiterin Gewässerentwicklung. Sie steht per Videoschalte regelmäßig in Austausch mit Catherine Topley, der Chefin von Scottish Canals und war auch selber schon vor Ort. Laut Topley profitierte die Wirtschaft der Region enorm davon, einen sterbenden Kanal mit dem Falkirk-Wheel-Projekt wiederbelebt zu haben.

Wir müssten viel mutiger sein.

Angela Zabojnik Abteilungsleiterin Gewässerentwicklung
Dirk Becker recherchierte die unglaubliche Geschichte eines Wasserweges
Konstruktionsprinzip des Falkirk Wheel in Schottland Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tatsächlich gibt es Studien, Entwürfe, Pläne. Für die Vollendung des Kanalprojekts zwischen Leipzig und der Saale engagiert sich der Saale-Elster-Kanal-Förderverein, dessen 2. Vorsitzender Becker ist, seit Jahren. "Wasserstadt"- Enthusiasten wie Frank Fechner machen sich stark für ihren Traum, "eines Tages über den Elster-Saale-Kanal und über die Schleuse Wüsteneutzsch mal bis nach Hamburg zu fahren." Daran glaubt auch Boris Funda, zu DDR-Zeiten Leistungsruderer in Leipzig und heute Bootsverleiher in Bernburg an der Saale.

Dirk Becker recherchierte die unglaubliche Geschichte eines Wasserweges
Dirk Becker sieht in Wüsteneutzsch mehr als einen Lost Place. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Änderung des Bundeswasserstraßengesetzes 2021 scheint ihnen in die Hände zu spielen: Bis dahin musste das Wasser- und Schifffahrtsamt allein für den immer mehr an Bedeutung verlierenden Güterverkehr da sein, nun soll es den Wassertourismus befördern helfen. Freilich sind nicht alle begeistert von der Vision für Wüsteneutzsch. Der Naturschutz hat Bedenken und eine Herausforderung wäre das Projekt schon aus verwaltungstechnischen Gründen, wie Johannes Kutscher, Mitarbeiter im Wasser- und Schifffahrtsamt, erklärt: "Wenn dort jemand ein Hebewerk hinbaut und den Saale-Leipzig-Kanal mit dem Lindenauer Hafen und vielleicht auch noch mit der Saale verbindet, wird das dann eine Bundeswasserstraße oder ist es ein Landesgewässer?" Und überhaupt, wer solle das alles bezahlen? Dirk Becker entgegnet unbeeindruckt: "Sie haben hier ein Projekt, was mit relativ wenig Aufwand eine Goldgrube werden könnte, touristisch gesehen" und meint weiter: 

Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe. Man muss es nur richtig machen. Nichts fasziniert Menschen mehr als Technik in Bewegung.

Dirk Becker

Anfang Mai hat er erstmals ein Modell der riesigen Schleusenkammer im Maßstab 1:100 direkt in Wüsteneutzsch präsentiert. Der Koloss lässt ihn nicht los. Auch wenn die Saale immer noch in zwei Kilometer Entfernung liegt.

Buchtipp Dirk Becker: Der Südflügel des Mittellandkanals
Projekte Verlag Cornelius GmbH
164 Seiten
152 SW-Abbildungen
124 farbige Abbildungen
77 Zeichnungen
ISBN: 978-3-86634-609-3
48,50 Euro

Das Südflügel-Projekt wird umfangreich beschrieben: mit der unvollendeten Staustufe Magdeburg, dem Ausbau der Saale zwischen 1932 und 1943 und dem Bau des Saale-Elster-Kanals mit allen Bauwerken, Brücken und der (unvollendet gebliebenen) Schleusentreppe in Wüsteneutzsch. Außerdem gibt es eine Bestandsaufnahme nach 1945 und einen Ausblick in die Zukunft.

MDR (ks)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke wo Du lebst | 31. Mai 2022 | 21:00 Uhr