Orte der Arbeit in der DDR Mehr als nur ein Arbeitsplatz! Als es das Betriebsvergnügen noch gab

Planungssicherheit, das hatten DDR-Bürger nicht nur, wenn es um den Arbeitsplatz bis zur Rente ging. Zur Arbeitsstelle gab es meistens noch ein ganzes soziales Umfeld dazu. Die Kollegen wurden Freunde – ob durch den Betriebssport oder gemeinsame organisierte Freizeitfahrten. Das Betriebsvergnügen stand hoch im Kurs.

Umgeben von Hunderten Bambina-Schokoladen und Knusperflocken – das Dasein eines Produktionsmitarbeiters bei Zetti war alles andere als bitter – zumindest wenn es um die Gaumenfreuden ging. Denn die Arbeit konnte schon sehr anstrengend sein, erinnert sich Stefanie Scholle, die fast 20 Jahre beim VEB Zetti Schokoladen- und Zuckerwaren in Zeitz gearbeitet hat. Bei 44 Wochenarbeitsstunden war das Berufsleben nicht immer ein Zuckerschlecken.

Eigener Frauenarzt für die Belegschaft

Um den Alltag zu erleichtern, ließ Zetti ein Sozialhaus auf dem Betriebsgelände errichten. "Das bedeutete, dass die Leute bessere Waschräume bekamen, dazu Umkleideräume und einen großen Speisesaal. Es gab sogar einen Zahnarzt, einen Betriebsarzt und für kurze Zeit einen Frauenarzt", erinnert sich Stefanie Scholle. Außerdem wurde im Untergeschoss eine große Küche eingebaut, in der gekocht wurde. "Es wurde nicht nur für uns, sondern auch für die Kindergärten und für alte Leute gekocht. Es war eine riesengroße Betriebsküche", erinnert sich Scholle, die 1971 als Lebensmitteltechnologin bei Zetti angefangen hatte. Das Betriebsziel hinter all den sozialen Wohltaten: Eine Infrastruktur vor Ort sollte helfen, die Bindung an den Betrieb eng zu halten.

Ein Betrieb für die ganze Familie

Für die Arbeitnehmer stand ein Platz für den Nachwuchs im Betriebskindergarten bereit. Dort lernte sich dann auch die nächste Generation von Mitarbeitern kennen, denn nicht selten folgten die Kinder ihren Eltern später in den Betrieb. Zu DDR-Zeiten wurde die junge Generation frühzeitig an das Produkt herangeführt und die Betriebszugehörigkeit wurde gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen.

Für Johannes Förster war die Altenburger Wollspinnerei, kurz ALWO, 43 Jahre lang das zweite Zuhause. 40 Jahre Betriebszughörigkeit waren bei der ALWO keine Seltenheit. Tatsächlich arbeiteten hier ganze Familien, manche ein Leben lang. "Es war fast ein Familienbetrieb", scherzt Förster. "Die Schwiegermutter, meine Frau waren hier, später der Sohn und natürlich meine Wenigkeit".

Heute "Teambuilding" – damals schlicht Betriebsfeier

Feiertage wurden nicht nur im kleinen Familienkreis begangen, sondern waren auch in den einzelnen Abteilungen ein wichtiges Event. Besonders ausgiebig wurde der Frauentag gefeiert, der Chef gratulierte persönlich. Die Weihnachtsfeier hatte einen besonderen Stand und wurde oftmals im Betrieb und dann noch einmal in der "Brigade" gefeiert – alles in Eigenregie gestemmt. "Ich war manchmal sogar eine halbe Stunde eher da, weil es auch viel zu organisieren gab. Es hat mir eigentlich Spaß gemacht und ich hab mich hier wohlgefühlt", berichtet Christine Kurbjuweit, die bei Zündholz in Riesa arbeitete. Die Brigaden schweißten die Menschen zusammen und bildeten einen sozialen Mittelpunkt für die Mitarbeiter. Veronika Rossmanek, die als Werkzeugmacherin beim VEB Landmaschinenbau Güstrow einstieg, erinnert sich:

Mit der Brigade hat man gearbeitet und gefeiert. Mein ganzer Freundeskreis hat sich aus dem Arbeitsleben entwickelt, das war normal.

Veronika Rossmanek

Gemeinsame Probleme schweißen zusammen

Die Planwirtschaft der DDR setzte genaue Ziele in der Produktion, die auch erfüllt werden mussten, sonst gab es Ärger. Das hieß dann für die Arbeiter oftmals aber auch, den Mangel zu managen. Am Arbeitsplatz ging es oft vor allem darum, gemeinsam Probleme zu lösen, um den Plan um jeden Preis zu erfüllen. Andreas Patzenhauer kann vor der bitteren Seite der Schokoladenproduktion berichten. Auch bei Halloren in Halle wurde um die Planerfüllung gekämpft. "Da mussten wir uns zusammensetzen und uns ausdenken, wie erreichen wir das? Das ging nur über Sonderschichten am Samstag oder zusätzliche Schichten. Aber woher die Arbeitskräfte nehmen?", beschreibt Patzenhauer den Zustand der sozialistischen Arbeitswelt. Dennoch ist er sich sicher: Es war nicht immer ein Zuckerschlecken im Betrieb, aber die Gemeinschaft ließ vieles besser aushalten.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch in der Doku-Reihe: Orte der Arbeit 23.04.2019 | 30.04.2019 | 07.05.2019 | jeweils 22:05 Uhr