Louis Armstrong in der DDR: Gastspiel einer Jazz-Legende

1965 - mitten im Kalten Krieg - tourte Louis Armstrong vier Wochen lang durch Osteuropa. In der DDR gab er 17 Konzerte in fünf Städten und wurde von den Jazz-Enthusiasten begeistert gefeiert.

Louis Armstrong in der DDR
Bildrechte: IMAGO / Frank Sorge

Zu Louis Armstrong

Der 1901 in New Orleans geborene Jazztrompeter und Sänger Louis Armstrong war bereits zu Lebzeiten eine Legende. Als sein Manager ihm den Titel "King of Jazz" verlieh, wurde das in der ganzen Welt wie selbstverständlich akzeptiert. Sein Spitzname "Satchmo" ist eine Verkürzung von "satchel mouth", zu deutsch etwa "Taschenmund" - eine Anspielung auf die Größe seines Mundes. Louis Armstrong starb am 6. Juli 1971 in New York an Herzversagen.

Es war im März 1965: Die USA warfen gerade Napalmbomben auf Vietnam ab, der sowjetische Kosmonaut Alexej Archipowitsch Leonow schwebte als erster Mensch für 20 Minuten frei im Weltraum, und die Bundesrepublik Deutschland stoppte ihre Wirtschaftshilfe für Ägypten, weil sich das afrikanische Land nicht davon hatte abhalten lassen, den Staatsratsvorsitzenden der DDR, Walter Ulbricht, zu empfangen. In diesem weltpolitisch bedeutsamen Monat brach der Weltstar des Jazz, Louis Armstrong, zu einer ausgedehnten Konzertreise hinter den "Eisernen Vorhang" auf.

Auf dem Tourneeplan standen fünf sozialistische Länder, darunter die DDR. Die ostdeutsche Künstleragentur hatte den Musiker aus den USA als "Kämpfer gegen Rassismus" eingeladen. Seine Gage übernahm ein umtriebiger Geschäftsmann aus der Schweiz. Im Gegenzug öffnete sich für ihn ein Depot im Elbsandsteingebirge, aus dem er Jagdwaffen aus dem 30-jährigen Krieg und andere Antiquitäten erwerben konnte. Schließlich litt die DDR an chronischem Devisenmangel.

Satchmo und die Frage nach der Mauer

Louis Armstrong war der erste US-amerikanische Showstar, der in der DDR gastierte. Als er auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld ankam, wurde er wie ein Staatsgast empfangen. Die Mauer stand seit dreieinhalb Jahren, der "Kalte Krieg" war in vollem Gange. Die DDR sonnte sich im Licht des immer lachenden Afroamerikaners. Als ihn ein westdeutscher Journalist während einer Pressekonferenz in Berlin nach der Mauer fragte, zischelte Armstrong: "Sie wissen doch ganz genau, dass ich hier nicht sagen kann, was ich sagen möchte. Aber wenn Sie es unbedingt hören wollen: Vergessen Sie diesen Bullshit." Darauf schob der Generaldirektor der Künstleragentur der DDR, Ernst Zielke, folgenden Satz nach: "Interessant ist es immerhin, dass die einzige Frage dieser Art nicht von uns, sondern von einer westlichen Gesellschaft gestellt wurde. Wir registrieren das mit Freude."

Armstrong Roadmanager Frenchy, der Fahrer beim Mafiaboss Al Capone gewesen sein soll, erwiderte daraufhin: "Herr Armstrong denkt nicht immer nur an Probleme. Er tritt in allen Staaten, auf allen Kontinenten auf. Er bläst seine Trompete für Schwarze und Weiße, für Juden, Araber, Katholiken und wie sie alle heißen. Wenn es sein muss, spielt Herr Armstrong auch für die Eskimos am Nordpol oder für die Pinguine am Südpol."

Louis Armstrong gibt 17 Konzerte in der DDR

Mit seiner Weltklasseband, den "All Stars", gab Louis Armstrong insgesamt 17 Konzerte in den größten Sport- und Kongresshallen der DDR. Seine Trompete wirkte dabei wie ein Tauchsieder. Wenn er sie in Berlin, Leipzig, Magdeburg oder Erfurt ins Publikum hielt, kochte der ausverkaufte Saal. Der Entertainer mit der Reibeisenstimme begeisterte mit seiner Jazzmusik, die von offiziellen Vertretern der DDR auch schon mal als "Affenkultur des Imperialismus" bezeichnet wurde, die Massen im Arbeiter- und Bauernstaat. Allein die 18.000 Konzertkarten für seine Berliner Konzerte wurden an einem einzigen Tag verkauft. Einem westdeutschen Reporter sagte "Satchmo" später: "Eine solche Begeisterung für Jazz, wie ich sie hinter der Mauer erlebt habe, kenne ich kaum noch."

Louis Armstrong mit breitem Grinsen
Louis Armstrong bei einem seiner Auftritte in Ostberlin Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

Armstrong inmitten des Kalten Kriegs

Auf seiner Konzertreise durch die DDR knüpfte Louis Armstrong auch immer wieder Kontakte zur Bevölkerung. In der kleinen Stadt Genthin in Sachsen-Anhalt zum Beispiel erinnern sich Einwohner noch gut daran, dass Armstrongs Reisebus auf dem Marktplatz eine Panne hatte. Satchmo wollte in der HO-Gaststätte "Grüne Kachel" eine Bockwurst essen. Eine Wurst gab es nicht, dafür aber ein kühles Genthiner Pils. Draußen vor der Tür tummelten sich viele Schulkinder und jagten dem schwarzen Musiker mit der goldenen Trompete Autogramme ab. Armstrongs Truppe musste an diesem Tag von Berlin aus über die Landstraßen fahren. Die Autobahn Berlin-Helmstedt war zum Manövergebiet erklärt worden, weil in Westberlin der Deutsche Bundestag tagte. Eine Provokation aus Sicht der Sowjets. Die Rote Armee ließ Panzer auffahren und flog mit Jagdflugzeugen in einer Höhe von 300 Metern über dem Brandenburger Tor hinweg. Der Osten demonstrierte seine militärische Macht. Zum ersten Mal erlebte Louis Armstrong so den "Kalten Krieg" hautnah.

Blumensamen als Gastgeschenk

In Magdeburg wurde der Musiker noch am selben Tag von einer 17-jährigen Schülerin mit weißen Callas, klassischen Friedhofsblumen, empfangen. Andere gab es im Blumengeschäft auf dem Hauptbahnhof nicht. Da sich kein Offizieller der Stadt imstande sah, den "King of Jazz" mit ein paar englischen Vokabeln zu begrüßen, sprang das junge Mädchen ein. In Leipzig aktivierte das Ministerium für Staatssicherheit sein "gesamtes Netz an inoffiziellen Mitarbeitern", weil man Ausschreitungen von jugendlichen Konzertbesuchern befürchtete, und in Erfurt erhielt Louis Armstrong Blumensamen als Gastgeschenk. Dabei entstand ein Foto, mit dem ein volkseigener Betrieb später im Ausland für sozialistische Blütenträume warb.

Letzte Station der Tournee war Schwerin. Dort musste ein Konzert abgesagt werden, weil die Nachfrage nach den ansonsten so heiß begehrten Eintrittskarten zu gering war. Satchmo tröstete sich wie in jeder ostdeutschen Stadt mit einer Schweinshaxe. Kaum hatte er das deftige Gericht verzehrt, nahm er das Kräuter-Abführmittel "Swiss Kriss" ein, für das er eine absolute Vorliebe entwickelt hatte. Die Arznei war Satchmos Geheimwaffe gegen Verstopfung, unregelmäßigen Stuhlgang und schädliche Schlacke im Körper.

"Eisbein, köstlich"

In der DDR dürfte ihm "Swiss Kriss" dabei geholfen haben, die von ihm so heißgeliebten Eisbeine zu verdauen. In der Elbestadt Magdeburg existiert sogar noch ein handschriftlicher Vermerk, der von seiner kulinarischen Leidenschaft kündet. Es handelt sich um einen Eintrag in das Gästebuchs des Hotels International mit dem Wortlaut: "Für Mr. Herrmann, Chef der Rezeption. Das Hotel ist prima, das Eisbein köstlich. Ihr Satchmo."

Literaturempfehlung Stephan Schulz: "What a Wonderful World: Als Louis Armstrong durch den Osten tourte", Verlag Neues Leben, 256 Seiten, ISBN-10: 3355017728, ISBN-13: 978-3355017725

Übrigens ... * Bei der Ankunft Armstrongs auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld spielten die Berliner "Jazzoptimisten" einen der Lieblingssongs des "King of Jazz": "When it’s Sleep Time Down South". Armstrong war so begeistert, dass er spontan das Mikrofon nahm und mitsang.

* Auf seiner Tournee durch die DDR hatte der bereits 64-jährige Louis Armstrong einige Probleme mit seinen Zähnen. In Leipzig brach eine Krone aus seinem Mund. Sie kostete ihn 50 Mark und zwei Konzertkarten für den Arzt.

* In Erfurt hingegen wollte ein Zahnarzt für eine umfangreichere Behandlung gar kein Geld haben, was Armstrong in höchstem Maße verwunderte. Der Zahnarzt, begeistert vom kräftigen Gebiss des Trompeters, nahm einen Gipsabdruck des Gebisses. Bis zum Ende der DDR war es in der Medizinischen Akademie in Erfurt ausgestellt. Dann verschwand es spurlos.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise: Singen für den Sozialismus! | 31. Juli 2022 | 22:00 Uhr