Die Sendung mit Gesprächsstoff Die "Umschau": Fernsehen zwischen skurril und visionär

Was damals abends im Fernsehen lief, war am nächsten Tag Gesprächsstoff. Es gab Beiträge, die mit erstaunlichem Weitblick künftige Entwicklungen vorweg nahmen. Auf der anderen Seite wirkt manches in den Augen des heutigen Betrachters seltsam oder unfreiwillig komisch.

Stimmen aus dem All (Umschau vom 15. April 1965):

Im April 1965 verbreitet die Nachrichtenagentur TASS eine sensationelle Neuigkeit: "Sowjetische Radioastronomen empfangen bisher unbekannte Signale. Namhafte Wissenschaftler sind der Ansicht, es handele sich um Botschaften einer fernen Zivilisation." Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Meldung aus Moskau. Eine Woche lang beherrscht sie die Presse der DDR. Die Umschau widmet dem Thema eine Sondersendung und spekuliert: "Dreißig bis vierzigtausend Lichtjahre von uns entfernt muss hinter Nebelwolken ein helleres Sternbild verborgen liegen."

Eine Straßenumfrage zeigt, dass viele Bürger an die ferne Zivilisation glauben. Die Wissenschaftler, die in der Sendung zu Wort kommen, sind eher skeptisch. Da die Meldung aber nicht aus dem Westen kommt, sondern aus der Sowjetunion, wird sie nicht ernsthaft angezweifelt. Im "Umschau"-Studio ist damals Moderator Wolfgang Mertin: "Die sowjetische Wissenschaft ist ja ganz stark und mit dem ersten Sputnik und mit dem ersten Menschen im All ein Ausdruck, dass sie führend ist. Und alles was von da kam, haben wir natürlich gern popularisiert um deutlich zu machen: In der Wissenschaft waren wir dem Westen weit überlegen."

Kurze Zeit später kommt zwar kein Dementi, aber es melden sich Astronomen anderer sowjetischer Institute und zweifeln an der Theorie über die
"vernunftbegabten Wesen". Im Westen schreibt die Zeitung "Die Welt" nicht ohne Schadenfreude, dass die Aufregung um "die kleinen grünen Männchen" ein Beweis dafür sei, dass selbst der Ostblock nicht von Zeitungsenten verschont bliebe. Eine plausible Erklärung für die Signale aus dem All findet die "Umschau" erst Jahre danach. Diesmal allerdings bei britischen Astronomen, die ihre Forschungsergebnisse bislang geheim gehalten hatten. Sie deuten das tickende Geräusch, das die Radiostationen empfangen, als "eine Art Pulsschlag bisher unbekannter kosmischer Objekte, sogenannter pulsierender Sterne."

Mehr Zahngesundheit durch fluoridhaltiges Trinkwasser

Bereits zehn Jahre zuvor hatte es einen Ministerratsbeschluss gegeben, der die Zahngesundheit im Land verbessern sollte: In der Nähe einiger Ballungszentren wurde dem Trinkwasser Fluor zugesetzt. Zum Beispiel in der Talsperre Einsiedel, südöstlich von Chemnitz, das damals Karl-Marx-Stadt hieß.

Sie hatte in den 1970er-Jahren bereits 350.000 Einwohner. Das Fluor gelangt über die Blutbahn in den Zahnschmelz, macht ihn widerstandsfähiger gegen Säuren und wirkt von frühester Kindheit an. Ob das fluoridhaltige Wasser nun kalt getrunken oder abgekocht wird, ob es zu Getränken verarbeitet wird oder man damit die Zähne putzt, spielt für die Wirkung keine Rolle. Die "Umschau" hatte bereits 1963 darüber berichtet. Welche Ergebnisse die Maßnahme haben würde, war damals nicht abzusehen. Zehn Jahre später gibt es Statistiken: Rund die Hälfte aller Kinder bis zehn Jahre im Großraum Karl-Marx-Stadt hat keine kariösen Zähne mehr.

Zahncreme-Hersteller hintertreiben Trinkwasser-Fluoridierung

Mit dieser Erfolgsmeldung könnte der Filmbeitrag eigentlich enden. Doch damals gehörte es dazu, dass in allen Veröffentlichungen der "Klassenstandpunkt" deutlich gemacht werden musste. Das heißt: Was machen wir richtig, was der Westen falsch macht? In der BRD gab es schon seit 1951 medizinische Zahnpasta, der Fluor zugesetzt war. Die war natürlich auch im Osten bekannt, vielleicht auch begehrt. Nun erfahren wir, dass Fluor in der Zahnpasta nur wenige Menschen erreicht und darum nicht so effektiv ist wie Fluor im Trinkwasser. Aber damit nicht genug: Die westdeutschen Pharmakonzerne würden die Trinkwasser- Fluoridierung hintertreiben, heißt es. Der Grund: Zahnpasta lässt sich mit Profit verkaufen, Wasser kaum. So wird klar, wie viel mehr der sozialistische Staat für seine Bürger tut.

Elektrische Stimulation: Der Jogger

"Es ist ein Kribbeln, dass in ein Klopfen übergeht", beschreibt eine Sekretärin das Gefühl, das der "Jogger" ihr macht. Sie wendet das Gerät mit dem damals sehr modernen Namen (Jogger = jemand, der leichten Dauerlauf macht) nach Feierabend an. Sie leidet unter Verspannungen im Nacken, weil sie viele Stunden an der Schreibmaschine sitzen muss. Der Strom lindert ihre Schmerzen.

Ein anderer wendet es an, um eine Nervenentzündung in den Beinen zu behandeln. Sogar Rheuma-Patienten schwören auf die Wirkung der elektrischen Impulse. Man kann es zuhause oder auf der Straße tragen, versteckt unter der Kleidung. Mit einem stufenlos einstellbaren Regler lässt sich die Spannung bis auf 60 Volt erhöhen. Der Anwender selbst entscheidet, wie oft und wie lange er seinen Körper elektrisch stimuliert. Das ist ein Grund, warum damals viele Ärzte den "Jogger" nicht verschreiben wollen. Die Erfindung ist neu. Die medizinische Fachpresse hat bisher nichts darüber geschrieben, weil es keine Langzeitstudien gibt. Nur einen Zusammenhang hat man inzwischen geklärt: Wenn ein Muskel über längere Zeit stimuliert wird, verbraucht er Energie, die erneuert werden muss. Diese Energie holt er sich aus dem Blut. Auf diese Weise sinkt der Cholesterinspiegel.

Umschau mit dem richtiger Riecher

Als die "Umschau"-Redaktion entscheidet, einem breiten Fernsehpublikum den "Jogger" vorzustellen, handelt sie gegen die Mehrheitsmeinung der DDR-Ärzte. Das war der journalistische "Riecher", man könnte es auch Weitblick nennen. Denn heute ist Reizstromtherapie eine gängige Behandlungsmethode. Im Handel sind viele mobile Geräte erhältlich. Nach wie vor aber wird dringend empfohlen, sie nur nach Rücksprache mit dem Arzt anzuwenden.

Dieses Thema im Programm: Umschau | 18. Mai 2021 | 20:15 Uhr