Das erste Handy der DDR

Der gebürtige Sachse Gottfried Schuppang entwickelte 1979 mit seinen Kollegen aus dem Nichts das erste Handy der DDR. Ein technisches Husarenstück zwischen Innovation und Hochstapelei, das Mexiko ein Telefonnetz und der DDR dringend benötigte Devisen brachte. Die drei Ingenieure erinnern sich. Sie erzählen von ihrer bahnbrechenden Entwicklung und ihrer Reise nach Mexiko.

Schwarzes Gerät in Größe einer Autobatterie, mit großem Hörer und Wählscheibe und einer externen Stabantenne.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der 83-jährige Gottfried Schuppang und seine ehemaligen Kollegen Günther Neeße und Horst-Dieter Wigankow staunen nicht schlecht, als sie noch einmal auf die Entwicklung treffen, die ihr Leben und das vieler Menschen in Mexiko verändert. Bernd Schmidl vom Radio-Technik-Museum Luckenwalde besitzt das wohl einzige Gerät ihrer bahnbrechenden Erfindung mit dem Namen "Blaumeise 3", das in Europa erhalten geblieben ist. Mit leuchtenden Augen nehmen die drei Ingenieure ihr "Baby" wieder in Augenschein und erinnern sich an die Entstehungsgeschichte. Der gebürtige Kamenzer Gottfried Schuppang hatte in Dresden Nachrichtentechnik studiert und wurde leitender Entwicklungsingenieur im VEB Funkwerk Köpenick, einem der modernsten Betriebe der DDR. Seine beiden Kollegen und er bekamen 1979 einen Auftrag mit weitreichenden Folgen.

Ein Telefonnetz für Mexiko

Damals, in den ausgehenden 1970er-Jahren war die Außenpolitik der DDR nicht mehr zu bremsen: Mit der Anerkennung zweier deutscher Staaten bewegte sich auch die DDR auf dem internationalen Parkett, nicht ohne eigene wirtschaftliche Interessen zu vertreten. Nach ersten Staatsbesuchen im westlichen Ausland, wie Österreich und Japan, sollte bald Mexiko auf dem Plan stehen. Beide Staaten erhofften sich viel vom Gegenüber: die DDR Absatzmärkte und Devisen, Mexiko technisches Know-How und damit die Modernisierung der Infrastruktur.

Ein Prestigeprojekt war der Aufbau des internationalen Seefunkzentrums Nopaltepec durch das Köpenicker Funkwerk. Als bei den Verhandlungen 1979 mit dem Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik dazu noch der Auftrag für den Aufbau eines Telefonnetzes angenommen wurde, gab es kein Zurück mehr. Die Aussicht auf mexikanische Petrodollar übertraf wohl die realistische Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit, denn bisher hatte man auf dem Gebiet drahtloser Telefonnetze nicht die geringste praktische Erfahrung.

Mobiles Telefonieren

Gottfried Schuppang und seine Männer erhielten den schier unmöglichen Auftrag, ein Angebot für die Mexikaner zu entwickeln. Aus dem Nichts projektierte Schuppang in wenigen Wochen ein Funknetz und errechnete einen Lieferpreis, der keine realistische Grundlage hatte. Eigentlich, so sagt er heute, war es Hochstapelei, die auf dem Vertrauen der Leistungsfähigkeit seiner Kollegen im Funkwerk beruhte. Sein Angebot für ein Pilotnetz im mexikanischen Bundesstaat Guerrero erhielt tatsächlich den Zuschlag. Damit hängte er internationale Konzerne wie Motorola aus den USA, Telettra aus Italien oder CSF-Thomsen aus Frankreich ab, die bereits fertige Produkte angeboten hatten.

Ich konnte bei der Neuentwicklung alle Wünsche der Mexikaner erfüllen, während die Konkurrenten fertige Produkte anboten, die nicht alle Wünsche erfüllten.

Gottfried Schuppang, ehemaliger leitender Entwicklungsingenieur Funkwerke Köpenick

Honecker will Netz vorstellen

Die Funkwerker um Gottfried Schuppang fingen sofort mit der Entwicklung an, denn binnen 18 Monaten sollten Entwicklung und Installation abgeschlossen sein. Als bekannt wurde, dass das fertige System zum Staatsbesuch Erich Honeckers in Mexiko fertig sein sollte, erhöhte sich der Druck auf die Ingenieure.

Dann wurden die ersten Modelle zusammengebaut, mit größeren Problemen. Um Zeit zu sparen, haben wir den Kollegen die Telefone mit nach Hause gegeben und nach Feierabend durch praktische Telefonieübungen die Fehler rausgesucht.

Günther Neeße, ehemaliger Ingenieur Funkwerke Köpenick

Der Druck hatte allerdings auch seine guten Seiten: Schuppang und seine Kollegen arbeiteten nun an einem Projekt erster Priorität, was ihnen einige Möglichkeiten bescherte.

Es war plötzlich möglich, dass man West-Bauelemente sofort importiert bekam und das niemand über den Auslandseinsatz meiner Kollegen bestimmen konnte außer ich.

Gottfried Schuppang, ehem. leitender Entwicklungsingenieur Funkwerke Köpenick

Es war längst nicht mehr die Planerfüllung, die die Funkwerker zu Höchstleistungen antrieb. Der eigene Anspruch, aber auch die Aussicht auf den Auslandseinsatz in Mexiko, raus aus Köpenick und ein paar Wochen im fernen Acapulco, lockten die Ingenieure.

Deal zwischen DDR und Mexiko

Und dann hatten es die Ingenieure aus Köpenick geschafft: Mit dem eigens entwickelten URTES-Netz (UHF-Radio-Telefonie-System) und mehreren sogenannten Teilnehmerstationen traten sie die Reise ins entfernte Mexiko an - im Gepäck das erste in der DDR entwickelte Netz für mobiles Telefonieren. Auf eines waren sie jedoch nicht vorbereitet:

Wir waren vorbereitet, unsere Anlagen an Häuser zu anzubauen. Als wir dahin kamen, fanden wir Lehmhütten vor, wo keine Schraube hielt. Es gab keine festen Straßen zu den einzelnen Dörfern, manchmal mussten wir auf Trampelpfaden mit Jeeps entlang fahren, manchmal mussten wir unser Material mit Eseln transportieren.

Günther Neeße, ehemaliger Ingenieur Funkwerke Köpenick

Die Geräte selbst hatten ein Gewicht von zehn Kilogramm, eine Sendeleistung von zehn Watt und eine Reichweite von 40 Kilometern. Da aber nur 120 dieser Stationen in einem Netz arbeiten konnten, wurden sie meist bei den Bürgermeistern der Dörfer installiert. Privatanschlüsse waren ohnehin nicht vorgesehen, sie sollten vor allem in Notfällen eingesetzt werden. Eine Basisstation wurde zentral auf einem Berg eingerichtet, von dem aus die Telefonate per Richtfunk in das normale Telefonnetz eingespeist wurden. So wurden Telefonate aus den entlegensten Winkeln, ohne jeden Qualitätsverlust möglich, doch die Begeisterung der Landbevölkerung hielt sich in Grenzen:

Die Menschen lebten ja fast wie in der Steinzeit und wurden nun konfrontiert mit High-Tech-Anlagen, Telefon, Solarstromversorgung, die haben gestaunt. Und sie haben mit dem Kopf geschüttelt. Sie wollten lieber Wasser und Straßen haben.

Gottfried Schuppang, ehemaliger leitender Entwicklungsingenieur Funkwerke Köpenick

Das Netz und die Geräte wurden erfolgreich in Betrieb genommen, sodass die Ingenieure um Gottfried Schuppang bis es zum Staatsbesuch ein paar Tage in Acapulco verbringen konnten. Als am Rande des Aufenthalts ein mexikanischer Gouverneur fragte, ob er auch ein mobiles Gerät für das Auto haben könnte, wurde sozusagen nebenbei das erste Mobiltelefon aus der DDR geboren.

Erstes Handy der DDR: "Blaumeise 3"

Die Vorstellung während des Staatsbesuches war ein Erfolg. Sofort kauften weitere Bundesstaaten das System. Exportiert wurden das URTES-Netz und "Blaumeise 3" aber auch nach Algerien und Mosambik. Die harte Arbeit von Gottfried Schuppang und seinen Männern hatte sich gelohnt:

Wir sind stolz auf das Ergebnis unserer Arbeit,  ich glaube, wir haben gezeigt, dass es in der DDR auch innovative Ingenieure gab.

Gottfried Schuppang, ehemaliger leitender Entwicklungsingenieur Funkwerke Köpenick

Schuppangs bahnbrechende Entwicklung sollte jedoch in der DDR, dem Land mit einer chronischen Unterversorgung an Telefonanschlüssen, vorerst nicht eingesetzt werden. Zu groß schätzte man den Aufwand ein, den man für die Überwachung der Netze hätte betreiben müssen. Erst nach der Wende durften die Funkwerker aus Köpenick ihr Netz auch nochmal in Berlin zum Einsatz bringen, als man mit der Installation von Anschlüssen für Gewerbetreibende nicht mehr hinterher kam.

Dieser Artikel wurde erstmals 2011 veröffentlicht.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Brisant | 12. November 2022 | 17:15 Uhr