Die Verstaatlichung in der DDR Teddy-Firma aus Sonneberg flieht in den Westen

Ostdeutschland hat auch Jahrzehnte nach dem Ende der DDR eine völlig andere Wirtschafts-Struktur: wenig Großindustrie, kaum Konzernzentralen, mehrheitlich kleine und kleinste Betriebe. Experten sprechen gar von einer Deindustriealisierung. Könnte das an den großen Enteignungswellen liegen, die private Unternehmen in der DDR fast völlig verdrängten?

Ein Teddybär
Angela Merkel als Teddy – eine Idee aus dem Hause Hermann. Aus Angst vor einer Enteignung wurde der Familienbetrieb nach Bayern verlegt. Bildrechte: MDR/Susann Reich

Die Verstaatlichung privater Unternehmen begann bereits vor der Gründung der DDR. In der sowjetischen Besatzungszone sollte ein Modell wie in der Sowjetunion etabliert werden: Sozialismus mit einer zentral geleiteten Planwirtschaft. Die sah privates Eigentum nicht vor. Außerdem galt nach der Marxschen Lehre der private Besitz von Produktionsmitteln als Ursache für die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Zum Ende der 1940er-Jahre waren schon zwei Drittel der industriellen Produktion in staatlicher Hand. Das gliederte sich auf in Betriebe, die von der sowjetischen Besatzungsmacht genutzt wurden, die sogenannten Sowjetischen Aktiengesellschaften (SAG), und den anderen Teil, der schon VEB war, also Volkseigene Betriebe. Nur ein Drittel waren noch Privatbetriebe.

Prof. André Steiner, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Angst vor Enteignung

Die Vorgänge dieser ersten großen Enteignungswelle hatten in der Unternehmerschicht Angst und Schrecken verbreitet. Schauprozesse brachten Firmenbesitzer hinter Gitter, verschärfte Steuerrichtlinien und die Streichung von Rohstoffen machten das Führen der Betriebe fast unmöglich. Die wenigen noch verbliebenen Privatunternehmer sorgten sich um ihre Zukunft.

Auch die Familie Hermann aus Sonneberg betrachtete die Lage mit großer Sorge. Max Hermann hatte den Betrieb 1920 gegründet, der Hersteller von Teddybären war sehr erfolgreich, der Absatzmarkt erstreckte sich über ganz Europa.

Laden mit Teddybären in den Regalen, um 1950 etwa
Aus Angst vor Enteignung flüchtete die Familie Hermann in den Westen – so sah ihr Laden voller Teddybären um 1950 aus. Bildrechte: Hermann Spielwaren GmbH Coburg

Aus dieser Zeit ist dem Enkel Martin Hermann nur ein 20 Zentimeter kleines Bärchen geblieben. Der Teddy aus dem Jahr 1933 wurde von seinen Großeltern im thüringischen Sonneberg hergestellt. In einem Museum fand ihn Martin Hermann erst vor wenigen Jahren. Seither bewahrt er ihn auf, denn der Bär ist der einzige in seiner großen Sammlung, der noch in der alten Heimat der Familie hergestellt wurde. Die Hermanns flohen 1953 aus Angst vor der Enteignung aus Sonneberg nach Coburg.

Meine Schwester war damals gerade ein Jahr alt und dann entscheidet der Opa Max Hermann für die Familie: Wir gehen jetzt in den Westen. Das bedeutete ja für meine Mutter: Du wirst deine Familie nie wiedersehen. Man muss sich das mal klarmachen, was das bedeutet! Und dann diese Ungewissheit: Werden wir es schaffen? Werden wir unsere Kunden dazu gewinnen, weiter zu machen mit uns? Werden wir Mitarbeiter finden, die mit uns weitermachen? Das sind schon emotional sehr schwere Entscheidungen gewesen.

Martin Hermann

In der neuen Heimat packt die ganze Familie mit an, alle sind handwerklich begabt. Sie entwerfen neue Produkte, aber die Herstellung erfolgt so wie in Thüringen. Das ist ihr Erfolgsrezept. Sie gewinnen frühere Kunden zurück und ziehen lukrative Aufträge an Land, wie das Olympia-Maskottchen oder die deutsche Auflage des Paddigton-Bären.

Doch diejenigen, die in der DDR geblieben waren, die oft viel größere Firmen hatten und diese nicht zurücklassen wollten – die kamen nicht um die Verstaatlichung herum.

Ein Teddybär
Ein Teddybär aus der Zeit vor der Enteignung kehrte nach Jahren aus einem Museum in den Famielienbesitz der Hermanns zurück. Bildrechte: MDR/Susann Reich

Enteignungswelle unter Erich Honecker

Kurz nach dem Mauerbau 1961 gab es eine Phase, in der viele noch nicht verstaatlichte Betriebe vorerst noch weiter bestehen durften und weniger unter Druck gesetzt wurden. Doch 1971 kam Erich Honecker an die Macht und sein Wunsch nach hohem Konsum und viel Produktivität setzte eine weitere Enteignungswelle in Gang.

Letztlich war es ein Schuss, der nach hinten losging. Die verstaatlichten Betriebe sind irgendwo in irgendwelche volkseigenen Betriebe oder Kombinate eingegliedert worden. Und dort wurde dann schnell die Produktion umprofiliert, so dass die Produkte, die ursprünglich hergestellt worden waren, oft nicht mehr hergestellt wurden – und dann fehlten sie im Handel. Damit wurde dem Konsumbereich ein Bärendienst erwiesen.

Prof. André Steiner, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Enteignung oder Verstaatlichung?

Etwa 11.000 Firmen traf diese Enteignung. Offiziell galt der Betrieb als "verkauft", doch in der Realität flossen die Gelder auf Sperrkonten. Die Inhaber konnten jährlich nur sehr begrenzte Summen davon abheben, manche erhielten das Geld gar nicht. Daher ist bei diesen Verstaatlichungs-Vorgängen auch von Enteignung die Rede.

Nach dem Ende der DDR

Mit dem Einigungsvertrag hatten frühere Inhaber oder deren Erben die Chance auf Rückübertragung. Doch das dauerte oft Jahre, Immobilien, Maschinen oder andere Wertgegenstände waren vielmals in schlechtem Zustand. Nicht jede Firma konnte "wiederbelebt" werden. Hohe Kredite waren nötig, denn den meisten Ostdeutschen fehlte das Eigenkapital.

Doch die Ursache für die heutige Wirtschaftsstruktur der neuen Länder, ist die Enteignungspraxis in der DDR nicht. Dafür gibt es schlicht einen anderen Grund, weiß der Wirtschaftshistoriker:

Wenn es um die Frage der fehlenden Konzernzentralen und Großkonzerne geht, das hat natürlich sehr viel mit der Privatisierungspolitik der Treuhand zu tun. Viele VEB und Kombinate wurden ja durch die Treuhand aufgesplittet, um sie dann besser verkaufen zu können. Das ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass in Ostdeutschland diese kleinteilige Wirtschaftsstruktur im verarbeitenden Gewerbe existiert.

Prof. André Steiner, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Auch wenn die Eltern von Martin Hermann in ihrem tiefsten Inneren große Sehnsucht nach Thüringen hatten, gingen sie nach 1990 nicht zurück. Ihre Firma hatte einen neuen Sitz und der war Coburg. Und das ist er bis heute, ihre Kinder führen sie inzwischen. Die Teddys werden aber noch immer nach thüringischer Tradition hergestellt: handgenäht, mit Fichtenholzwolle gestopft, made in Germany.

Teddybären
Teddy für Teddy - produziert wie in Thüringen. Bildrechte: MDR/Susann Reich

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise | Privatwirtschaft unerwünscht! Zwangsenteignung in der DDR | 10. April 2022 | 22:20 Uhr

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