Nach Kriegsende in Thüringen Bye Bye Amis, willkommen Sowjets!

Im April 1945 nahm die US-Armee die Stadt Gera in Thüringen ein. Wie in allen besetzten Städten suchten die amerikanischen Kommandeure auch dort nach geeigneten und vom Nationalsozialismus unbelasteten Personen, die sie an die Spitze der städtischen Verwaltungen stellen konnten. In Gera war das der Jurist Rudolf Paul. Nur wenige Wochen später stand er vor der Aufgabe, in Gera für den Einmarsch der Roten Armee gute Stimmung zu machen. Wie die Stadt die sowjetische Armee willkommen hieß, verbreitete sich in ganz Thüringen.

Die US-Armee besetzt Gera, s/w Fotografie
Am 14. April 1945 rollten amerikanische Panzer in Gera ein. Bildrechte: Stadtmuseum Gera

Neuer Oberbürgermeister für Gera nach Kriegsende

Portrait Rudolf Paul, Bürgermeister von Gera 1945.
Portrait von Rudolf Paul Bildrechte: Stadtmuseum Gera

Der nationalliberale Jurist Rudolf Paul hatte in der Zeit der Weimarer Republik die NSDAP bekämpft. Sofort nach deren Machtübernahme 1933 hatten sie ihm die Zulassung als Anwalt entzogen. Paul wurde Landwirt, zog in ein Dorf bei Gera und ging in die innere Emigration.

Am 6. Mai 1945 wendete sich das Blatt. Der amerikanische Stadtkommandant Major Ritterspacher ernannte den bekennenden Antifaschisten Paul zum Oberbürgermeister der Stadt und des Landkreises Gera.

Archivbild vom zerstörten Gera
Zerstörtes Gera Bildrechte: Stadtmuseum Gera

1945: Angriffe auf Gera Als letzte große Stadt in Thüringen traf es am 6. April 1945 Gera. Alliierte Bomberverbände warfen an diesem Freitag über 2000 Spreng- und Brandbomben auf die Stadt. Mehr als 100 Menschen starben, etwa 8.000 verloren ihre Wohnungen. Nur eine Woche später standen am 14. April amerikanische Panzer vor dem Rathaus. Doch die Besatzer sollten nicht lange bleiben.

Aufteilung in Besatzungszonen: Abzug der Amerikaner

Paul nahm unter dem Kommando der Amerikaner sofort seine Arbeit auf. Nazis wurden aus der Verwaltung entfernt, vor allem aber musste das tägliche Leben im Chaos der Nachkriegszeit organisiert werden. Was er nicht ahnte: Den Amerikanern war klar, dass sie die Stadt bald wieder verlassen würden.

Bereits im Februar 1945, auf der Konferenz von Jalta, hatten sich der amerikanische Präsident Roosevelt, der britische Premier Churchill und der sowjetische Staatschef Stalin über die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen geeinigt. Thüringen sollte nach diesen Plänen zur sowjetischen Zone gehören. Die Amerikaner bereiteten darum die Übergabe ganz Thüringens an die Sowjets für Anfang Juli vor, hielten diese Pläne aber geheim. Auch Oberbürgermeister Rudolf Paul erfuhr erst einen Tag zuvor, dass die Amerikaner Gera am 1. Juli 1945 verlassen.

Die US-Armee besetzt Gera
1945: Die US-Armee besetzt Gera Bildrechte: Stadtmuseum Gera

Die Rote Armee kommt nach Gera

Noch am 1. Juli, die Amerikaner verließen gerade die Stadt, erschien der Offizier eines Vorauskommandos der Roten Armee bei Oberbürgermeister Paul. In seinen Erinnerungen schrieb er später, der Offizier hätte übermittelt:

Mein General läßt Sie wissen: So wie wir empfangen werden, wird die Bevölkerung von uns behandelt.

Für Rudolf Paul und seine Mitarbeiter war das die Aufforderung schnell zu handeln. Noch am gleichen Tag ließ er Flugblätter drucken und einen Plakataufruf kleben. Darin wurde die Bevölkerung Geras aufgefordert, die neuen sowjetischen Besatzer nicht zu fürchten, sondern diese als die Befreier vom Faschismus freudig zu begrüßen. Zusätzlich ließ Paul noch in der Nacht Transparente malen und aufhängen. Auf diesen Bannern wurden die sowjetischen Truppen herzlich willkommen geheißen.

Gera sowjetische Besatzer
Begrüßung der Roten Armee 1945 in Gera Bildrechte: Stadtmuseum Gera

Blumen für die Rote Armee

Als am Montag, den 2. Juli 1945, die Rote Armee in Gera einzog, standen tausende Einwohner Geras, darunter natürlich viele Kommunisten, auf dem Marktplatz und begrüßten die neue Besatzungsmacht mit Blumen. Die Frau des Oberbürgermeisters, Louise Paul, überreichte dem Kommandeur im Namen der Mädchen und Frauen der Stadt einen Blumenstrauß.

Gera sowjetische Besatzer
Sommer 1945 in Gera: Die sowjetischen Besatzer werden mit Blumen empfangen. Bildrechte: Stadtmuseum Gera

Der sowjetische General war beeindruckt. Paul hatte diesen Montag für ganz Gera zum arbeitsfreien Tag erklärt. Und wirklich entstand eine gelöste, fast volksfestartige Stimmung. Den neuen Kommandeuren wurden sofort Quartiere und Versorgung angeboten. Der Wechsel vollzog sich reibungslos und ohne Zwischenfälle.

Was sich am 2. Juli in Gera abspielte, verbreitete sich schnell in ganz Thüringen. Auch in anderen, weiter westlich gelegenen Städten versuchte man in den darauffolgenden Tagen den Geraern nachzueifern und die sowjetischen Truppen freundlich zu begrüßen. Bis zum 7. Juli waren alle Amerikaner aus Thüringen abgezogen und das Land nun fest in sowjetischer Hand.

Hans Peter Große Erinnerungen eines Geraer Künstlers an die Besatzer

Der Geraer Künstler Hans Peter Große erlebte damals den Krieg und die Besatzungszeit. Mit diesen Erinnerungen hat er sich als Jugendlicher zeichnerisch auseinandergesetzt. Eine Auswahl seiner Werke.

Foto: Hans Peter Große, 1945
Hans-Peter Große, geboren 1934, wuchs in Gera auf und hat schon als Kind gern gezeichnet. Wie alle Jungen aus seiner Straße war er zu Kriegsende (1945) Mitglied beim "Jungvolk", der nationalsozialistischen Kinderorganisation. Hier besuchte er einen Malzikel. Bildrechte: Hans Peter Große
Zeichnung Gera in Trümmern, undatiert - 50er/60er Jahre
Mehr als einhundert Menschen kamen bei den Kämpfen um die Stadt ums Leben, über eintausend Geraer verloren ihre Wohnungen. Bildrechte: Hans Peter Große
Zeichnung: Die Amerikaner in Gera, undatiert - 50er/60er Jahre
Am 14. April 1945 rollten amerikanische Panzer in Geras Innenstadt. Große erinnert sich: "Ab 13.00 Uhr war jeglicher Widerstand gebrochen. Der Kommandostab der 80. Infanterie-Division richtete am gleichen Tag seine Befehlsstelle im Hotel 'schwarzer Bär' ein." Bildrechte: Hans Peter Große
Zeichnung: Russische Panzer in Gera, undatiert - 50er/60er Jahre
Nur ein paar Monate später folgen im Sommer die Sowjetsoldaten auf die Amerikaner. Bildrechte: Hans Peter Große
Zeichnung: Die Sowjets in Gera, undatiert - 50er/60er Jahre
Während Große noch mit einem Schmunzeln über die Amerikaner schreibt, dass diese sich über die veralteten Pistolen der deutschen Privathaushalte lustig machten, schwingt bei der Sowjetarmee großes Unbehagen mit: ... Bildrechte: Hans Peter Große
Foto: Hans Peter Große, 1945
Hans-Peter Große, geboren 1934, wuchs in Gera auf und hat schon als Kind gern gezeichnet. Wie alle Jungen aus seiner Straße war er zu Kriegsende (1945) Mitglied beim "Jungvolk", der nationalsozialistischen Kinderorganisation. Hier besuchte er einen Malzikel. Bildrechte: Hans Peter Große
Hans Peter Große, 1950
Mit 16 machte er eine Ausbildung zum Lithografen und arbeitete später in der Druckerei der SED-Bezirkszeitung "Das Volk", der späteren "Volkswacht". Seine Kindheitserinnerungen an die Zeit des Krieges und die ersten Monate danach begann er zeichnerisch zu verarbeiten. Allerdings heimlich. Bildrechte: Hans Peter Große
Zeichnung: Nazis auf Schloss Osterstein Gera, undatiert - 50er/60er Jahre
Niemandem zeigte er Zeichnungen wie diese: Nazis auf Schloss Osterstein in Gera. Auf der Rückseite des Bildes schrieb er: ... Bildrechte: Hans Peter Große
Zeit-Dokument
"Das 1.000-jährige Reich überlebte nicht mal 12 Jahre, brachte aber unendliches Leid." Bildrechte: Hans Peter Große
Die Innenstadt von Gera, Anfang der 40er Jahre, undatiert - 50er/60er Jahre
Die Zeichnungen hielt er bis zur Wende 1989 auf dem Dachboden seiner Großeltern versteckt. Erst danach traute er sich, seine Sicht auf die Ereignisse des Krieges und die Nachkriegszeit öffentlich zu machen. Das Bild zeigt die Geraer Innenstadt zur NS-Zeit. Bildrechte: Hans Peter Große
Zeit-Dokument
Auf der Bild-Rückseite notierte er seine Eindrücke: "Ein wahres Opfer des Faschismus ist das Stadtbild Geras!" Bildrechte: Hans Peter Große
Das brennende Schloss Osterstein, nach dem Bombenangriff am 6.4.1945, undatiert - 50er/60er Jahre
Im Frühjahr 1945 griff die US-Armee nach Jena und Weimar auch Gera an: "Schloß Oberstein diente im Zweiten Weltkrieg der deutschen Wehrmacht als Heeresbedarfslager, bis es am 06. April 1945 in der Zeit zwischen 10.18 bis 10.25 Uhr den Bombenflugzeugen der 8. US-Air-Force zum Opfer fiel." Bildrechte: Hans Peter Große
Zeichnung: Kriegerdenkmal vor dem Theater, undatiert - 50er/60er Jahre
Die Amerikaner ersetzen vom Nationalsozialismus belastete Personen in der Verwaltung und zerstörten das, was an die "Helden des Krieges" erinnerte: ... Bildrechte: Hans Peter Große
Ein handschriftliche Dokument
"Das Ehrenmal wurde im Mai 1925 den 'Helden' des Ersten Weltkrieges gewidmet. Hitlerdeutschland ging 1939 in den Zweiten Weltkrieg. Die Sieger dieses Wahnsinnes zerstörten das Denkmal im Juni 1945. Die Kommandantur der siegreichen Amerikaner in der Nähe des Theaters wollte diesen Anblick nicht länger ertragen." Bildrechte: Hans Peter Große
Ein handschriftliches Dokument
"Ganze Straßenzüge werden mit Brettern vernagelt und abgeriegelt. Die sowjetischen Besatzer bringen die Politik und die dazugehörigen deutschen Politiker aus Moskau mit (Kommunisten). Dies bedeutet für uns eine doppelte Bestrafung für den von Deutschland angezettelten und verlorenen Krieg. Hauptsächlich sind die Villenviertel betroffen. Wie soll das alles einmal enden? H.-Peter Große" Bildrechte: Hans Peter Große
Hans Peter Große, Künstler aus Hera
Hans-Peter Große ist verheiratet, hat eine Tochter und Enkelkinder. Die MDR-Zeitreise interviewte ihn im April 2022 als Zeitzeugen zu seinen Kindheitserinnerungen an die letzten Tage des Krieges und den Besatzungswechsel in Gera im Sommer 1945. Bildrechte: Hans Peter Große
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR ZEITREISE | 08. Mai 2022 | 22:20 Uhr

Rudolf Paul überzeugt die Rote Armee

Es wäre sicher falsch zu behaupten, Rudolf Paul organisierte den freundlichen Empfang für die Rote Armee, um daraus einen persönlichen Vorteil zu ziehen. Er ging auf die in weiten Teilen der Bevölkerung gefürchteten Sowjets zu, um Repressionen von Seiten der neuen Besatzer gegenüber der Bevölkerung seiner Stadt zu vermeiden. Richtig aber ist, sein Handeln beeindruckte und die sowjetische Generalität überzeugte.

Gera sowjetische Besatzer
Begrüßung der Roten Armee auf dem Marktplatz von Gera am 2. Juli 1945 Bildrechte: Stadtmuseum Gera

Pauls Agieren in Gera wird deshalb auch eine Rolle gespielt haben, als der Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, Marschall Schukow, ihn am 16. Juli 1945 zum Landespräsidenten des Landes Thüringen ernannte. Paul trat zwar noch 1946 der neugegründeten SED bei. Doch den zunehmend von den Kommunisten beherrschten Kurs in der thüringischen Landesregierung trug er bald nicht mehr mit. 1947 flüchtete Paul in die amerikanische Besatzungszone.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR ZEITREISE | 08. Mai 2022 | 22:20 Uhr