Henry Maske über Max Schmeling "Schmeling hat nie den Mut verloren"

Der frühere Profi-Boxer Henry Maske schlüpfte 2010 für den Kinofilm "Max Schmeling" in die Rolle der deutschen Box-Legende. Das Ausnahmetalent war am 4. April 1928 - vor 90 Jahren - im Berliner Sportpalast Deutscher Meister geworden. Ein Gespräch mit Henry Maske, warum uns Max Schmeling in Erinnerung bleiben sollte.

Sie haben 2010 die deutsche Box-Legende Max Schmeling in einem Kinofilm gespielt. Sie sind Boxer und kein Schauspieler. Warum haben Sie die Rolle dennoch angenommen?

Ich kannte Schmeling recht gut, hatte ihn aber ausschließlich außerhalb des Ringes erlebt, als er mit viel Erfahrung und Ruhe seine letzten Jahre bestritt und dabei aber immer wieder die Liebe zu seinem Sport zum Besten gab. Als ich die Rolle angeboten bekam, dachte ich, ich kann ähnlich fühlen wie Schmeling: Ich stand lange Zeit im Ring, habe mich mit dem Boxen auseinandergesetzt, mit der Verantwortung, mit den Erwartungen, mit den Enttäuschungen, die man in dieser Sportart erlebt. Das hat mich in dem Glauben bestärkt, ihn möglichst gut wiedergeben zu können.

Hatten Sie keine Angst, die Rolle zu übernehmen?

Ich hatte großen Respekt vor der Rolle und habe mich dafür viel mit den 1930er- und 1940er-Jahren beschäftigt. Mich kontaktierten Leute, die Schmeling gut kannten. Ich bin damit der Figur Schmeling ein ganzes Stück weit näher gekommen. Schmeling war in den 1930er-Jahren ein Weltstar, der auch in den USA höchste Anerkennung genossen hatte. Mitte der 1940er-Jahre verlor er alles durch den Krieg. Im Gegensatz zu vielen anderen erlebte Schmeling aber den Neuanfang völlig anders. Er fand zunächst keinen Job, da man ihm unterstellte, dass er dem Nazi-Regime nahe gestanden hatte. Das muss für ihn, einem früheren Weltstar, eine unfassbare Situation, ein riesiger Existenzverlust gewesen sein. Schmeling hat mir immer wieder geraten, dass ich darauf achten solle, mein Geld zusammenzuhalten. Er wollte mir immer vermitteln, dass im Leben alles möglich sein kann, und dass man immer achtsam bleiben sollte.

Sie hatten trainiert, um die Boxszenen authentisch spielen zu können. Wie trainiert man, wie Max Schmeling zu boxen?

Ich bin, wie wir es im Boxsport nennen, ein 'Rechtsausleger', Schmeling war 'Linksausleger'. Seine Führungshand war die linke Hand, die rechte Hand war die Schlaghand. Ich musste mich, um Schmeling authentisch zu spielen, beim Boxen entgegengesetzt verhalten. In dieser Stellung hätte ich übrigens nie meine Erfolge als Boxer erzielen können. Für den Film aber war die Umstellung sogar von Vorteil. Mein Boxstil wirkte damit etwas unrunder, teilweise etwas statischer. Und das passte dazu, wie in den 1930er-Jahren geboxt wurde. 

Waren die Kämpfe damals nicht auch wesentlich brutaler, kein Ringrichter ging dazwischen.

Daran hat sich eigentlich bis heute wenig verändert. Auch heute würde man sich manchmal wünschen, dass der Ringrichter früher einschreitet und es nicht so lange laufen lässt, bis einer der beiden Boxer ausgeknockt ist und sich nicht mehr wehren kann.

Der Boxkampf wurde bei den Aufnahmen für den Kinofilm sicherlich nur imitiert?

Für den Film konnten aktive Boxprofis gewonnen werden. Im Ring war der ehemalige Weltmeister Arthur Abraham einer meiner Gegner. Wir haben, wie wir sagen, mit 'gebremsten Schaum' geboxt, also mit weniger Härte, aber mit gleicher Intensität und Geschwindigkeit, wie wenn wir uns im Ring duellieren würden. Das war sicher ein großer Unterschied zu den Kampfszenen, die man sonst in Boxerfilmen sieht. Wenn in der Rocky-Filmreihe jemand fünf oder sechs Mal krachende Schläge versetzt bekommt und dann noch gegenhält, dann ist das meiner Meinung nach wenig authentisch. Das hält schließlich keiner durch.

Haben Sie sich für den Film auch die Originalaufnahmen vom Kampf gegen Franz Diener angesehen, als Schmeling vor 90 Jahren – am 4. April 1928 – Deutscher Meister im Berliner Sportpalast wurde?

Die Aufnahmen zu diesem Kampf habe ich leider nicht gefunden, wenngleich es auf nationaler Ebene eines der wichtigsten Kämpfe Schmelings war. Seine beiden Kämpfe gegen den früheren Boxweltmeister, dem US-Amerikaner Joe Louis, um die es in dem Kinofilm auch geht, habe ich mir selbstverständlich angeschaut.  Im ersten Kampf, 1936, besiegt Schmeling ihn durch K.o. in der 12. Runde. Beim zweiten Kampf, 1938, wurde Schmeling hingegen von seinem Gegner überrollt. Es war eine schmerzliche Niederlage für ihn.

Sie sind in der DDR aufgewachsen, waren DDR-Nachwuchsmeister. Durfte Schmeling in DDR-Boxerszene überhaupt eine Rolle spielen, als Klassengegner?

Er war bekannt, er war schließlich schon damals der einzige deutsche Schwergewichts-Weltmeister. Das hat ihn einzigartig gemacht. Doch orientiert haben wir uns eher beispielsweise an unseren erfolgreichen DDR-Boxern. Nach 1990 hat er von uns natürlich deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Würde Schmeling heute noch mit seinem Boxstil gewinnen können?

In vielen Sportarten wäre das nahezu unmöglich. Es hat sich vieles geändert in der Qualität, in der Intensität. Beim Boxen ist es das ein wenig anders. Bei uns kann eine Faust entscheidend sein. Doch diese Frage, die Sie stellen, stelle ich mir gar nicht. Schmeling war nicht nur ein erfolgreicher Boxer, sondern er war eine ausgesprochene Persönlichkeit. Er hat trotz all seiner Rückschläge im Leben nie seine aufrechte Haltung aufgegeben. Schmeling hat nie seinen Mut verloren. Das ist, was von ihm bleibt.  Und er legte Wert auf Toleranz, die ich mir wünschen würde in unserem heutigen menschlichen Miteinander.

Wo konkret würden Sie sich denn diese Toleranz wünschen?

Jeder sollte sich fragen, verlangt er möglicherweise von anderen mehr als von sich selbst und jeder sollte sich fragen, ob er selbst tolerant ist. Schmeling lebte die Toleranz, er hat immer betont, dass ihm Toleranz das wichtigste im Zusammenleben mit anderen ist. Diese Toleranz hat er auch zurückbekommen. Die Leute, die ihn kannten, haben ihn geliebt.

Vielen Dank für das Gespräch!

(amue)

Zur Person Max Schmeling besiegte am 4. April 1928 den damaligen Schwergewichtsmeister Franz Diener nach Punkten. Mit dem Sieg als Deutscher Meister stand dem damals 23-Jährigen der Weg nach Amerika offen. Dort konnte er als erster Deutscher am 12. Juni 1930 in New York Weltmeister im Schwergewicht werden. 1936 war Schmeling der erste Mann, der das US-amerikanische Boxgenie Joe Louis K.o. schlug. Das NS-Regime schlachtete die Siege Schmelings für sich aus. Doch der Boxer ließ sich nicht vereinnahmen. In der Reichskristallnacht 1938 versteckte er zwei jüdische Jugendliche in einem Hotelzimmer, in das er sich eingemietet hatte. Ab den 1950er-Jahren wurde er Unternehmer, vertrieb Cola in Deutschland. Im Alter von 99 Jahren starb er am 2. Februar 2005 im niedersächsischen Hollenstedt.

Zur Person Der am 6. Januar 1964 geborene Henry Maske wurde 1988 in Seoul Olympiasieger im Mittelgewicht und im Jahr darauf Weltmeister in Moskau. 1990 – nach der Wende – wechselte er als Halbschwergewicht in den Profi-Bereich und konnte zehnmal in Folge seinen IBF-Weltmeistertitel verteidigen. Max Schmeling lernte er 1992 persönlich kennen. Der Kinofilm "Max Schmeling", in dem Maske die Hauptrolle übernahm, kam 2010 auf den Markt. Heute ist der frühere Profiboxer, der bei Leverkusen lebt, Unternehmer. Er besitzt zehn McDonalds-Filialen und beschäftigt rund 300 Angestellte.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Riverboat | 06. April 2018 | 22:00 Uhr