Ost gegen West - Uneinigkeit in der Ukraine?

Die Ukraine gilt als tief gespaltenes Land. Von der wirtschaftlichen Krise in die Knie gezwungen sieht man besonders in der West-Ukraine eine Annäherung an Europa als Ausweg. Demonstrationen in Städten wie Saprischschja zeigten aber, dass auch im Osten der Rückhalt für Viktor Janukowitsch bröckelte.

Ukrainische Flagge und Unabhängigkeitsdenkmal auf dem Maidan
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Kleinteilige Landwirtschaft im Westen

In der Ukraine lebt ein Viertel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. 81 Euro monatlich sind die Mindestrente und 80 Prozent aller Rentner erhalten nur diese Mindestrente. Selbst ein Arzt in der Hauptstadt Kiew verdient nur 200 bis 300 Euro, zahlt aber gleichzeitig Preise für Lebensmittel, die längst auf dem westlichen Niveau angekommen sind. Besonders dramatisch ist die Situation in den vielen ländlichen Regionen des Westens. Hier gibt es keinen Finanzsektor wie in Kiew oder einen starken Industriesektor wie im Osten der Ukraine. Die kleinteilige Landwirtschaft reicht häufig gerade zum Überleben und bietet unzureichende Beschäftigungsmöglichkeiten. Die "Kornkammer" Europas darf ihre landwirtschaftlichen Produkte nur begrenzt in die durch Zölle geschützte EU exportieren, auch deshalb wünscht man sich hier mehr Europa. Vor allem Frauen ziehen fort, arbeiten in Polen oder noch weiter westlich als Haushaltshilfen oder Pflegerinnen und schicken das Geld in die Heimat. Zurück bleiben dann die Alten mit ihren Enkelkindern. Sie sehen im Fernsehen, wie Vitali Klitschko für seine UDAR wirbt und sind beeindruckt davon, wie er zu Wohlstand gekommen ist, ohne ein Oligarch zu sein. Er punktet, weil er schnell nach Europa will, aber auch weil er überzeugend auftritt.

Lemberg – auch Ursprung nationalistischer Bewegungen

Das Misstrauen gegenüber Russland ist im Westen tief verankert. Besonders in Städten wie Lemberg (Lviv) sind daraus auch nationalistische Bewegungen entstanden. Die rechte Swoboda-Partei ist zwar die kleinste der Oppositionsparteien, doch sie ist gut organisiert und wichtiger Bestandteil der Protestbewegung. Warum so eine Partei gerade im Westen ihren Ursprung hat, illustriert der Streit um das Wirken des Politikers Stepan Bandera. Während er in Lemberg als Freiheitskämpfer verehrt wird und in Lemberg Andenken an ihn verkauft werden, gilt er in der Ostukraine als Verbrecher und Antisemit. Und tatsächlich soll er verantwortlich für Massaker an Tausenden Kommunisten und Juden am 30. Juni 1941 sein. Um einen unabhängigen ukrainischen Staat zu erreichen, hatte er mal mit den Deutschen und mal mit der Sowjet-Armee zusammengearbeitet. Der aus dem Osten stammende Janukowitsch hatte ihm den Titel "Held der Ukraine" wieder aberkannt.

In den Bergwerken des Ostens

Im Osten des Landes  befinden sich die großen Bergwerke und  die Fabriken der Stahlindustrie. 1.250 Meter sind die Minen hier tief. Die Arbeitsbedingungen unvorstellbar, nur in China sterben mehr Menschen bei Grubenunglücken. Doch die Steinkohle, die sie hier hervor holen, ist gut. Nur ein Teil davon wandert in die großen Heizkraftwerke der Umgebung. Der größte Teil wird in endlosen Güterzügen nach Russland gefahren. Wenn Russland diese Züge nicht mehr annimmt, müssten 80 Prozent der Minen hier schließen, hören die Arbeiter über das örtliche Radio. Überhaupt versteht man nicht, wieso man sich weiter an Europa binden sollte. Viele haben Familienmitglieder in Russland, sprechen selber russisch und finden es genau richtig, dass Janukowitsch die Beziehungen zu Russland pflegte. Als die Proteste begannen, hatte man hier wenig Verständnis für die proeuropäischen Bekundungen auf dem Maidan in der Hauptstadt Kiew. Die Fernsehkanäle der Oligarchen zeigten besonders die Gewalt der Demonstranten, die von westlichen Kräften beeinflusst oder sogar bezahlt seien.

Einigkeit in der Wut gegen Janukowitsch?

Lange schienen die 1.300 Kilometer, die zwischen der östlichen und der westlichen Außengrenze der Ukraine liegen, zu weit auseinander und die unterschiedlichen Interessenslagen unüberbrückbar. Und dann das: Demonstrationen gegen die Regierung im Herzen der Heimat von Janukowitsch. Auch wenn es sich nur um eine Minderheit handelte, wuchs auch dort die Zahl der Demonstranten langsam an. Eines nämlich vereint die stark segmentierten Teile des Landes: der Abwärtsstrudel, in dem sich das Land befindet und der sich in einer politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Krise manifestiert. Bei den Protesten ging es nicht mehr nur um Europa oder Russland, sondern um das autoritäre Gebaren der Regierung, die Gewalt von Polizeikräften und den Umgang mit Korruption. Über die Frage der Außenpolitik war das Land tief gespalten. Aber dass die Korruption unter Janukowitsch nicht abnahm, wurde auch im Osten des Landes registriert. Durch den Machtwechsel in der Ukraine, da ist sich Jakob Mische, vom Informationsportal forumNET.Ukraine sicher, wird die Frage eines europäischen oder russischen Weges wieder in den Vordergrund rücken.

Karte der Ukraine
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