Open Air "Nabucco" bei den Erfurter Domstufen-Festspielen: Große Bilder, wenig Feinheiten

Nach zwei Jahren mit Corona-Auflagen können die Erfurter Domstufen-Festspiele wieder ohne Einschränkungen stattfinden. Pro Vorstellung haben mehr als 2000 Menschen Platz auf der Tribüne und die Tickets gingen laut dem Erfurter Theater schneller weg als vor der Pandemie. Auf dem Spielplan steht "Nabucco" von Giuseppe Verdi – somit kann die Premiere von 2020 nachgeholt werden. Doch die politische Situation hat sich geändert und der Krieg in der Ukraine hat Einfluss genommen.

Sänger auf einer Bühne
Bildrechte: Lutz Edelhoff

Es herrscht Gedränge auf dem Erfurter Domplatz. Vereinzelt stehen noch Menschen vor der aufgebauten Mauer und fragen nach Karten, während der Großteil des Publikums zielstrebig durch den Eingang geht. Vorfreudige Anspannung auf das kommende Event ist zu spüren.

Noch vor allen Grußworten zieht das Programmheft Parallelen zu Gegenwart: "Derlei Kriegsverbrechen durchziehen die gesamte Menschheitsgeschichte und sind auch aktuell an vielen Orten der Welt zu beobachten." Dieser Aktualitätsbezug wird auch in der Inszenierung erkennbar sein.

Große Symbole auf den Erfurter Domstufen

Die Bühne wurde von Bühnenbildner-Legende Peter Sykora gestaltet, der unter anderem für die Ausstattung des Zeittunnel-Rings von Götz Friedrich an der Deutschen Oper verantwortlich war. Über die Erfurter Domstufen baute der inszwischen 78-jährige Sykora nun blaue Treppen, die rechts und links von schwarzen Wänden begrenzt wird. An den Türen prangen Davidsterne. Am Ende der Treppe steht eine goldende Wand, die an die Klagemauer in Jerusalem erinnert, der riesige Davidstern davor vervollständigt das Setting.

Mehrere Menschen in weißen Gewändern stehen auf einer blauen Treppe um einen Mann mit weiß geschminkten Kopf, der vor einem Davidstern sitzt.
Die Erfurter "Nabucco"-Inszenierung verweist viel auf die jüdische Tradition. Bildrechte: Lutz Edelhoff

Dazu gehören auch die Kostüme von Sykora und Norman Heinrich: Die Hebräer treten in langen und schlichten Gewändern auf und feiern am Anfang eine anscheind traditionelle jüdische Hochzeit. Dazwischen laufen schon die angreifenden Babylonier: Ganz in schwarz gekleidet, mit Schlagstöcken bewehrt und mit Militärhelmen auf den Köpfen. Auf ihren Armbinden züngeln Flammen zu Ehren ihres Gottes Baal. Die Farben Schwarz, Rot und Gelb wecken beim Publikum vielleicht auch andere Assoziationen – spätestens, wenn die Angreifer den Davidstern zertrümmern.

Bezug zum Ukraine-Krieg

Eine Frau mit weiß geschminktem Kopf und einem ausladendem roten Kostüm steht vor der Statue eines Mannes, der eine Fackel schwingt.
Ausstatter Peter Sykora suchte eine Statue, die von jüdischen Menschen abgelehnt werden würde und bildete eine Plastik des umstrittenen Arno breker nach. Bildrechte: Lutz Edelhoff

Regisseur Guy Montavon geht aber noch weiter mit der Aktualisierung. Beim ersten Chor sind auf den Monitoren keine Übertitel zu lesen, sondern das Zitat "Ich will alle vernichten", das Nabucco und Putin zugeschrieben wird. Werden so die Allmachtsfantasien und die Gewalt des babylonische Tyrann mit dem russischen Autokraten gleichgesetzt? Rund um die Bühne werden plötzlich Stacheldrahtzäune hochgezogen. Im zweiten Teil erscheint eine riesige Prometheus-Statue, ähnlich einem Werk, das Goebbels für sein Propaganda-Ministerium in Auftrag gegeben hatte.
Zumeist aber orientiert sich Regisseur Guy Montavon am Libretto und erzählt die bekannte Geschichte: Die Babylonier nehmen die Hebräer gefangen. Als Nabucco sich zum Gott erklärt, wird er erst von einem Blitz getroffen und schließlich von seiner Ziehtochter Abigaille vom Thron verdrängt. Seine andere Tochter Fenena ist inzwischen aus Liebe zum Hebräer Ismaele zum Judentum konvertiert. Reuevoll kehrt Nabucco zu ihr zurück und verbündet sich mit den ehemaligen Feinden.

Schwächen der Erfurter Inszenierung

Für den berühmten Gefangenenchor wird dann der gesamte Domplatz in blaues und gelbes Licht getaucht – die Farben der Ukraine. Ein starkes Symbol, das das Publikum mit lautem Applaus begrüßt. Aber gerade weil diese Bezüge in die Gegenwart nur vereinzelt auftauchen, sind sie so schwierig: Wird hier das Leid der Jüdinnen und Juden mit dem der Menschen in der Ukraine gleichgesetzt? Wie dann aber umgehen mit dem positiven Schluss bei Verdi, wo der geläuterte Nabucco mit den Hebräern ein neues Reich gründen will? Auch das Programmheft stellt die Frage, ob der positive Schluss heute noch funktionieren kann. Die Inszenierung versucht das zu lösen (wie, das soll hier nicht verraten werden), bleibt in der szenischen Umsetzung aber zu ungenau.

Menschen in weißen Gewändern drücken sich an Wände oder kauern auf einem blauen Treppenaufgang. Menschen in schwarz bedrohen sie.
Die Regie bei den Erfurter Domstufen-Festspielen gerät sehr statisch. Bildrechte: Lutz Edelhoff

Das Problem dieser Produktion ist die mangelnde Personenführung: Guy Montavon baut auf große Bilder und Effekte wie Feuerfontänen und Blitzlichter. Darunter leiden die Figuren, denen mitunter die Motivation für ihre Handlung fehlt. Das zeigt sich auch am Gefangenenchor: Als die Hebräer ihre Wärter erblicken, hasten sie die Treppen hinunter, jedoch nicht so als würden sie fliehen, sondern als ob sie ihren Platz für das nächste Bild suchen. "Va' pensiero" wird dann auch komplett im Sitzen gesungen – die Botschaft muss für sich selbst stehen.

Überzeugendes Opernensemble

Das wird durch die Leistung der Sängerinnen und Sänger ausgeglichen. Die Sopranistin Katia Pellegrino meistert die herausfordende Partie der Ziehtocher Abigaille mit Bravour und beeindruckend vielfältigem Stimmeinsatz: mal grell und scharf, dann wieder samten und warm. Das äußert sich auch im Spiel mit expressionistischen Gesten und ganz in sich gekehrt wirkenden Bewegungen. Federico Longhi verkörpert überzeugend beide Seiten des Nabucco – den gewalttätigen Tyrannen sowie den geläuterten und humaneren Herrscher. Stimmlich bewältigt er die Titelrolle mit der nötigen Italianità. Das Liebespaar – Brett Sprague als Hebräer Ismaele und Katja Bildt als Königstocher Fenena – wirkt da leider weniger überzeugend.

Ein Sänger mit weiß geschminkten Kopf und Anzug stützt sich trauern an einem Pfosten mit Stacheldraht.
Federico Longhi überzeugt als Nabucco mit viel Bühnenpräsenz. Bildrechte: Lutz Edelhoff

Das Orchester spielt im Theatersaal und wird auf den Platz übertragen. Das funktioniert dank guter Technik, die sich nach der Overtüre eingepegelt hat, erstaunlich gut. Dennoch bleibe Feinheiten und Klangfarben bei dieser Übertragungsvariante ein stückweit auf der Strecke. Dafür konzentriert sich Dirigent und Generalmusikdirektor Myron Michailidis auf die starken Momente und Melodien der Partitur. "Nabucco" im Schatten des Erfurter Doms ist ein stimmungsvolles Open-Air-Event, das mit großen Effekten überzeugen will, aber vor allem szenisch zu wenig auf Details achtet.

Weitere Informationen "Nabucco" von Giuseppe Verdi bei den Erfurter Domstufen-Festspielen

Musikalische Leitung: Myron Michailidis, Harish Shankar, Yannis Pouspourikas
Inszenierung: Guy Montavon
Ausstattung: Peter Sykora, Norman Heinrich

Alle Rollen sind mehrfach besetzt:
Nabucco: Federico Longhi, Siyabulela Ntlale, Todd Thomas
Ismaele: Andrei Manea, Yu Shao, Brett Sprague
Zaccaria: Ramaz Chikviladze, Kakhaber Shavidze, Mikhail Svetlov
Abigaille: Oksana Kramareva, Gabrielle Mouhlen, Katia Pellegrino
Fenena: Katja Bildt, Florence Losseau, Valeria Mudra
Oberpriester des Baal: Vittorio de Campo, Rainer Zaun
Abdall: Richard Carlucci, Jörg Rathmann
Anna: Stephanie Johnson, Ann Tröger

Weitere Termine:
16., 17., 19. bis 24., 26. bis 31. Juli, 3. bis 7. August, jeweils 20.30 Uhr
Eventuell sind noch Restkarten verfügbar.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 16. Juli 2022 | 09:10 Uhr

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