"Kein Netz Nirgends!" Radikal analoges Sommerfestival in Leipzig

Von Internet hat Heike Hennig erstmal genug und initiiert ein analoges Sommerfestival. Dazu verteilt die Leipziger Choreografin im Clara-Zetkin-Park Flyer, auf denen eine Telefonnummer steht. Nur wer dort anruft, bekommt Auskunft zum Festprogramm – denn online wird diesbezüglich nichts zu finden sein. Schluss mit Videocalls, bei "Kein Netz Nirgends!" sollen sich die Menschen wieder in die Augen schauen. Im Gespräch mit André Sittner erklärt Heike Hennig, warum.

Die Leipziger Regisseurin und Choreografin Heike Hennig
Heike Hennig möchte mit ihrem Festival die menschlichen Sinne wieder wachmachen, wie sie sagt. Bildrechte: Joachim Blobel

MDR KULTUR: Frau Hennig, Sie sind heute schon auf ungewöhnliche Weise gestartet: Sie verteilen nämlich Handzettel im Leipziger Clara-Zetkin-Park, stecken dort an Parkbänke und an Äste von Bäumen diese Zettel. Und da steht dann drauf "Wir wollen nicht verzagen und ein Festival im Grünen wagen." Dann gibt es eine Telefonnummer als Kontakt, das ist doch sehr klassisch: Eine analoge Methde ohne Kartenvorverkauf im Netz, auf einer Homepage zum Beispiel, per Email – Also, ganz ohne Netz, wie der Titel es verspricht, oder?

Heike Hennig: Ganz genau. Ja, wir haben uns gedacht, nach einem Jahr Zoom, Skype, Computer, alles online, da war die Sehnsucht groß, das Netz abzuschalten. Raus aus dem Netz, rein in den Park und eben Aktion: Pure Aktion, miteinander sprechen, miteinander in Kommunikation treten, in die Augen schauen. Und in diesem Projekt geht es auch darum, Menschen ohne Netz zu erreichen, vielleicht auch ältere Leute, die kein Internet haben. Deshalb haben wir uns überlegt, ein Sommerfestival der schönen Künste mit ganz vielen verschiedenen Künstler und Aktionen auf den Decken. Wir sagen "Wilkommen auf den Decken, Kunst bezwecken"! Wir haben acht-neun schöne bunte Decken und man wird uns hoffentlich auch entdecken und mit uns Kunst machen.

Und auf den Aushängen, die sie gemacht haben, da stehen zwei Telefonnummern, also zumindest ein Telefonnetz sollte man haben. Wenn man eine davon anruft, was passiert dann?

Ja, da sind zwei freundliche Menschen, die erzählen, was man alles buchen kann und woran man teilnehmen kann. Sie erklären die Zeit und was man mitbringen soll und sind bereit, auf die Auskunft und auf die Anmeldung. Langsam füllen sich unsere Listen. Ich kann vielleicht kurz erzählen, was wir machen beim "Sommerfestival der schönen Künste".

Wilkommen auf den Decken, Kunst bezwecken!

Heike Hennig, Choreografin und Begründerin des Festivals
Flyer des Sommerfestivals Kein Netz Nirgends! in Leipzig
Die Handzettel des analogen Sommerfestivals sind im Clara-Zetkin-Park zu finden. Bildrechte: Heike Hennig

Wir haben Zeichnen im Park, eine tänzerische Wiesengymnastik, wir haben eine tollen Künstler dabei, der Schlosser und Künstler ist, der macht Schmieden und Bewegung. Wir haben Text im Sinn, wir haben Dichten, wir haben "Wandern im Takt: Unterwegs mit Schubert und Maler", und wir haben Musizieren, einen ganz ungewöhnlichen Klangvortrag, eine akustisch-musikalische Performance. Ja, es gibt ganz verschiedene Sachen und wir hoffen, dass genug Leute sich melden und mitmachen. Neben den Workshops gibt's auch Blitzaktionen, zum Beispiel eine Skater-Choreografie um die Fontäne oder wir gehen in ein Seniorenheim und dort tritt ein Streichquartett auf. Diese Dinge sind nicht angekündigt, die erlebt man dann nur im Park wenn man dort vorbeigeht.

Und Sie haben gesagt, es sind Workshops, also man muss nicht unbedingt Vorkenntnisse mitbringen, denn das wird einem dort beigebracht?

Genau, es ist komplett ohne Vorkenntnisse, denn es geht um die wirkliche Begegnung und nicht um großes Können, da es ein Austausch auf Augenhöhe ist.

Flyer des Sommerfestivals Kein Netz Nirgends! in Leipzig
Wer einen Flyer im Park findet, darf ihn mitnehmen – und die Infos gerne weitererzählen. Bildrechte: Heike Hennig

Und das Ganze heißt "Kein Netz Nirgends!", es ist also auch die Vorstellung vom analogen Theater, im Grunde genommen auch so ein bisschen die Rückkehr zu den Wunrzeln, oder?

Ja, schon. Wir haben uns natürlich überlegt, wie geht es jetzt eigentlich weiter? Ich freue mich natürlich auf Theater auf der Bühne, aber die meisten Sachen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, waren immer interdisziplinär draußen im Außenbereich. Man sieht uns wenn man unterwegs sind. Da kann man mit allen Sinnen wahrnehmen und wir hoffen, dass es eine Mixtur wird von Künsten und Möglichkeiten, uns wieder wahrzunehmen als Mensch.

Und wie erleben Sie es ganz persönlich, jetzt nach dieser langen Durststrecke wieder aktiv zu werden und im ureigensten Metier unterwegs zu sein?

Ich freu mich total! Ich bin so froh, wieder alles zu erleben und alle meine Sinn wachzumachen. Ich kann sagen, es ist pure Freude auf das eigene Festival und auf die Kunst meiner Kollegen.

Mehr Informationen "Kein Netz Nirgends! Ein Festival der schönen Künste" – Nicht verzagen, ein Festival im Grünen wagen.
Freundliche Information und Anmeldung unter
0177/3364470 (Montag und Donnerstag 16 bis 18 Uhr)
0177/3350399 (Dienstag und Mittwoch 18 bis 20 Uhr)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Mai 2021 | 08:40 Uhr

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