Von Historiker entwickelt Audiowalk in Buchenwald: Auf Spuren des Bauhäuslers und KZ-Häftlings Franz Ehrlich

Ein neuer Audiowalk widmet sich dem vergessenen Bauhäusler Franz Ehrlich in Buchenwald. Dieser musste als KZ-Häftling den bekannten Schriftzug "Jedem das Seine" im Tor des Häftlingslagers gestalten. Doch auch nach seiner Entlassung arbeitete Ehrlich freiwillig weiter als Architekt für die SS. An sieben Stationen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers kann man nun mehr über sein widersprüchliches Leben zwischen Widerstand und Kollaboration erfahren.

Das Hauptgebäude auf dem Gelände der Gedenkstätte Buchenwald: ein langgestreckter Flachbau mit einer Turmuhr in der Mitte.
Ein neuer Audiowalk führt über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

"Jedem das seine" steht in schmiedeeisernen Buchstaben am Tor von Buchenwald, sie sind elegant gebogen, das A weckt Erinnerungen an den Schriftzug am Bauhaus-Gebäude in Dessau. "Es ist eine moderne Schriftart, einerseits. Andererseits ist sie aber auch künstlerisch verspielt", sagt Jens-Uwe Fischer. Der Hamburger Historiker beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Mann, der diesen Schriftzug entworfen hat: mit dem Architekten und Designer Franz Ehrlich.

Bauhaus-Künstler und KZ-Häftling: Franz Ehrlich

Franz Ehrlich war von 1937 bis 1939 in Buchenwald inhaftiert, weil er sich am antifaschistischen Widerstand beteiligt hatte. Im Baubüro des KZ musste er Zwangsarbeit leisten und entwarf Schränke und Sitzmöbel, Kronleuchter, Vasen und ganze Gebäude für die SS-Angehörigen und ihre Familien.

Gedenken Buchenwald
Der Audiowalk führt u.a. zum Tor von Buchenwald, dessen Inschrift Franz Ehrlich entworfen hat. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Nach seiner Entlassung suchte er aber nicht das Weite: Er arbeitete als freier Mann weiter für die SS, erst in Buchenwald, dann in Berlin. "Das ist das Spannende an dieser Person", erklärt Fischer, "dass er sich immer wieder aufrappelt und einen unbändigen Drang nach Karriere hat. Er will irgendeinen großen Bau realisieren. Das hat etwas Tragisches. Aber er wird die ganze Zeit über dadurch angetrieben".

Gedenken Buchenwald 4 min
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Ein neuer Audiowalk in Buchenwald informiert über das widersprüchliche Leben des Bauhaus-Künstlers Franz Ehrlich. Er gestaltete als Häftling das Tor des Lagers – und blieb nach seiner Entlassung Architekt der SS.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 30.11.2022 12:00Uhr 04:00 min

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Audio

Audiowalk auf dem Gelände des ehemaligen KZ Buchenwald

Ein Gestalterleben voller Widersprüche, brüchig und krass zugleich – das Fischer nun mit dem neuen Audiowalk einem breiten Publikum vermitteln möchte. Mit dem Smartphone geht es über das Gelände, an sieben Stationen wird aus dem Leben des Bauhäuslers erzählt.

Es sind kurze Häppchen, verständlich aufbereitete Texte, die zeigen, wie Ehrlich sich erst unfreiwillig, dann freiwillig in das Gefüge des KZ einbrachte. Zum Beispiel auch mit der Bärenburg – dem modernistischen Bärengehege, das er für den Zoo von Buchenwald entwarf. Heute sind von der Bärenburg nur noch Ruinen übrig. Nüchtern und klar wird im Audiowalk das Geschehene nacherzählt.

Ehemaliger Bärenzwinger neben dem Häftlingslager in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte KZ Buchenwald
Eine Station des Audiowalks in Buchenwald: Die ehemalige Bärenburg und der SS-Zoo, entworfen von Franz Ehrlich. Bildrechte: imago/Maria Gänßler

Zwischen Widerstand und Kollaboration mit der SS

Darüber hinaus thematisiert Jens-Uwe Fischer immer wieder auch die Rezeption von Ehrlichs Wirken. Denn lange Zeit wurden die modernen Gestaltungselemente, die Ehrlich im KZ unterbrachte, als ein Akt des Widerstands gesehen: Er habe der SS-Symbole der Menschlichkeit quasi untergejubelt. Fischer stellt diese Rezeption in Frage und findet Unterstützung bei Jens-Christian Wagner, dem Leiter der Gedenkstätte Buchenwald.

Franz Ehrlich ist eine außerordentlich ambivalente Figur, weil er im Spannungsverhältnis zwischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten und Kollaboration mit der SS angesiedelt ist.

Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald

"Das sind für uns gerade die interessanten Fragen, diese Grauzonen auszuleuchten", so Wagner. Auch das schwierige Feld zwischen Zwang auf der einen Seite und Freiwilligkeit auf der anderen Seite sei zu beleuchten.

Ausstellung in Weimar zu Nationalsozialismus und Bauhaus geplant

Wagner will künftig häufiger Menschen wie Franz Ehrlich in den Fokus stellen. Er will Schwarz-Weiß-Denken aufbrechen und Widersprüche zulassen. Wie auch die Klassik Stiftung Weimar, die bei dem Audiowalk ebenfalls als Kooperationspartner mit an Bord ist.

Ein Mann hält sein Smartphone in die Kamera, im Hintergrund ist das Tor von Buchenwald mit der Inschrift "Jedem das Seine" zu sehen.
Der Historiker Jens-Uwe Fischer hat den Audiowalk zu Franz Ehrlich konzipiert. Er hat außerdem ein Buch über den Bauhäusler verfasst. Bildrechte: Mareike Wiemann, MDR

Man wolle die Verstrickungen von Bauhaus und Nationalsozialismus in einer großen Ausstellung im Jahr 2024 thematisieren, sagt Annette Ludwig, Leiterin der Direktion Museen. "Das liegt uns wirklich am Herzen, dass wir die Verbindungen näher untersuchen und nach ersten grundlegenden Untersuchungen in den 90er-Jahren dieses komplexe Thema wieder zurück auf die Agenda holen."

Audiowalk lässt sich von überall hören

So ist dieser Audio-Walk eine Art Vorgeschmack auf ein neues Kapitel, das Gedenkstätte und Klassik Stiftung gemeinsam angehen wollen. Um ihn zu hören, muss man übrigens nicht direkt vor Ort in Buchenwald sein: Franz Ehrlichs Geschichte lässt sich überall – in deutsch oder englisch – auf dem eigenen Smartphone entdecken.

Weitere Informationen Audiowalk über den Bauhäusler Franz Ehrlich und seine Zeit im Konzentrationslager Buchenwald

Der Audiowalk führt durch die Gedenkstätte Buchenwald in Weimar, kann aber auch von zu Hause gehört werden.

Dauer: 60 Minuten

Der Audiowalk kann im AppStore und PlayStore kostenlos als App heruntergeladen werden.

Redaktionelle Bearbeitung: Valentina Prljic

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. November 2022 | 08:10 Uhr

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