Gotha 50 Millionen für Schloss Friedenstein: Investitionsstau kann gelockert werden

Statt einer Stiftung hat die Bundesregierung dem Land Thüringen für ihre Schlösser 100 Millionen Euro Fördergelder versprochen. Allein 50 Millionen gehen an das Schloss Friedenstein. So können das Schloss und die anderen Gebäude fertig saniert werden und über die Region hinausstrahlen, meint Tobias Pfeifer-Helke, Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha, im Interview mit MDR KULTUR.

Schloss Friedenstein in Gotha, Südseite 6 min
Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha /Lutz Ebhardt

MDR KULTUR: Hält die Freude über diese Nachricht noch an?

Tobias Pfeifer-Helke: Seit letzter Woche sind wir in einem großen Glücksrausch.

Wieso kriegt das Schloss Friedenstein so viel und andere Schlösser und Anlagen so wenig?

Das ist natürlich eine Diskussion, die uns seit der letzten Woche verfolgt. Es gab eine erste Tranche für den Friedenstein im Umfang von 60 Millionen. Die Schlösserstiftung ist gerade dabei, das Schloss zu sanieren und hat staatliche Gutachten eingeholt, die Decken geöffnet und die Fußböden angeschaut. Dann haben sie im Laufe des ersten Bauabschnittes festgestellt, dass diese 60 Millionen für die Sanierung des Schlosses ausreichen werden. Eine Baustelle, die nicht fertig saniert und restauriert ist, macht sich aus kulturpolitischer Sicht schlecht. Deswegen ist die Summe so gewaltig ausgefallen.

Schloß Friedenstein in Gotha
Schloß Friedenstein in Gotha Bildrechte: imago/imagebroker/Bahnmüller

Man muss sich vorstellen, dass die Thüringer Burgen, Schlösser und Gärten einen enormen Investitionsstau haben. Mit diesen 100 Millionen des Bundes, zu denen noch 100 Millionen des Landes hinzukommen, kann ein erster großer Investitionsstau abgeräumt werden. Das heißt aber nicht, dass man mit der Situation der Burgen und Schlösser in Thüringen zufrieden sein kann. Also man muss jetzt schon über ein nächstes Sonderinvestitionsprogramm nachdenken. Es macht aber Sinn, dass man sich zuerst mit den großen Liegenschaften, den zentralen Schlössern in Thüringen beschäftigt. Dazu gehört zweifelsohne der Friedenstein als einer der größten frühbarocken Anlagen in Deutschland. Da muss es ein Zeichen geben, das auch in die Region und in das Land strahlt.

Zur Bedeutung des Schlosses Friedenstein: Nehmen wir an, ein Mensch aus Frankreich, der vor allem Versailles gut kennt, kommt zu Besuch. Wie würden Sie die Bedeutung erklären?

Die Antwort wäre natürlich, dass Friedenstein für den europäischen Gedanken, der auch unser heutiges Leben betrifft, viel wichtiger ist, weil hier viele europäische Ideen vorgedacht wurden. Der Herzog hat eine Kunstkammer eingerichtet, in der enzyklopädisch das Wissen der Welt gesammelt werden sollte. Um 1800 war Gotha ein Hotspot der Wissenschaft: Hermann Francke, der später die Franckeschen Stiftungen in Halle gegründet hat, kam aus Gotha und hat sich hier ersten Realienkunde-Unterricht geben lassen. Friedenstein war ein in der Mitte Europas und in der Mitte Deutschlands gelegenes kulturelles Zentrum und eine bedeutende Residenz im alten Reich.

Herzogliches Museum Gotha, Gemäldegalerie, Altdeutscher Saal mit dem Tafelaltar und Liebespaar.
Blick in das Herzogliche Museum in Gotha Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha/Lutz Ebhardt

Schon länger wird in Thüringen über eine institutionelle Förderung nachgedacht. Wie weit ist man da?

Das ist eine sehr erfolgreiche Entwicklung. Wir werden demnächst die Verhandlungen mit dem Bund aufnehmen, für eine dauerhafte Finanzierung in einer Höhe von ungefähr 3,5 Millionen Euro. Dieses Geld ist dringend notwendig, um die Sammlungen, die Einrichtung und das Haus auf ein nationales Niveau zu heben, so wie das Paul Raabe in den 90er-Jahren bereits im sogenannten Blaubuch, in dem die wichtigsten kulturellen Einrichtungen in Ostdeutschland verzeichnet sind, bereits angemahnt und gefordert hat. Da sind wir nun einen wichtigen zentralen Schritt weitergekommen und freuen uns auf die Verhandlungen mit dem Bund. Das ist der richtige Weg und wir müssen sicherstellen, dass der Bund sich dauerhaft in Gotha engagiert.

Das Interview führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Dezember 2020 | 08:10 Uhr

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