Einweihung am 9. Oktober 1971 Vor 50 Jahren: Wie der "Nischel" nach Karl-Marx-Stadt kam

Viele Jahrhunderte trug die Stadt Chemnitz ihren Namen, bis sie 1953 in der DDR zu Karl-Marx-Stadt umbenannt wurde. Um den bärtigen Philosophen zu ehren, wurde am 9. Oktober 1971 ein gigantisches Denkmal aufgestellt. Entworfen hatte es der sowjetische Bildhauer Lew Kerbel. Die Stadt hat die kurzzeitige Umbenennung zwar 1990 per Volksabstimmung rückgängig gemacht, der "Nischel", wie das Karl-Marx-Monument auch genannt wird, blickt aber noch immer auf die Stadt. Nun wird der "Nischel" 50 Jahre alt.

Zwischen dem zukünftigen Interhotel (l) und dem Sitz des Rates des Bezirks (r) steht das von dem sowjetischen Bildhauer Prof. Lew Kerbel geschaffene Monument von Karl Marx, nach dem Chemnitz im Jahr 1953 in Karl-Marx-Stadt umbenannt wurde. Aufnahme vom 09.11.1971.
Das Karl-Marx-Denkmal ist die zweitgrößte Porträtbüste der Welt, die größte ist ein Lenin-Denkmal in Ulan-Ude (Sibirien) Bildrechte: dpa

1953 werden die Chemnitzer ungefragt zu Karl-Marx-Städtern. Dabei war der Philosoph nie in der Stadt. Knapp 90 Jahre nach seinem Tod soll er aber in die Stadt an der Chemnitz kommen: als überlebensgroße Statue. Daraus wird am Ende nur ein Kopf, volkstümlich "Nischel" genannt. Eingeweiht wird Chemnitz' populärstes Fotomotiv vor 50 Jahren, am 9. Oktober 1971.

Marx wollte keinen Personenkult

Karl-Marx-Denkmal
Was wohl Philosoph Karl Marx über das Denkmal gedacht hätte? Bildrechte: imago/Uwe Meinhold

Schon Karl Marx warnt in einem Brief zur Vorsicht vor den Parteigenossen aus Deutschland. Die neigen nämlich zum Personenkult. Er und Engels hingegen "geben keinen Pfifferling für Popularität. Im Widerwillen gegen allen Personenkult habe ich während der Zeit der Internationale die zahlreichen Anerkennungsmanöver, womit ich molestiert ward, nie in den Bereich der Publizität dringen lassen. Ich habe auch nie darauf geantwortet, außer hie und da durch Rüffel."

Doch im 20. Jahrhundert ist Marx tot und kann sich nicht mehr gegen den Personenkult durch eine gigantische Statue wehren. Zwanzig Varianten modelliert der von SED-Chef Walter Ulbricht persönlich auserkorene sowjetischen Künstler Lew Kerbel. Darunter gigantische Statuen, die aber bei den Chemnitzern auf keine Gegenliebe stoßen.

Karl Joachim Beuchel ist damals Stadtbaudirektor von Karl-Marx-Stadt. 1967 schlägt ihm Kerbel bei einem Besuch in Moskau eine neue Variante vor und erfragt Beuchels Meinung dazu:

Er zeigte mir ein Modell des Monuments als Kopf auf einem Postament. Mein erschrockenes Gesicht genau beobachtend, meinte der Bildhauer schließlich, es sei auch für ihn ein ungewöhnlicher Entwurf.

Karl Joachim Beuchel, ehemaliger Stadtbaudirektor von Karl-Marx-Stadt

Kunst, brachial wie ein Hammerschlag

Es dauert, bis die Genossen in Chemnitz und Berlin sich mit dem ungewöhnlichen Entwurf anfreunden können. Entscheidend ist wohl das Votum von Kunstfreund Ulbricht, der seinen Marx kennt:

Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet.

Karl Marx

Der Hammer, mit dem die Wirklichkeit gestaltet wird, ist in dem Fall die Abrissbirne und der Bagger, die das kriegszerstörte Chemnitzer Zentrum nach sowjetischem Vorbild ummodeln. Inklusive großer Plätze und breiter Boulevards für Kundgebungen vor steinernen oder bronzenen Arbeiterheroen.

Probleme beim Aufbau

Als sich am 9. Oktober 1971 eine Viertelmillion Menschen vor Marx sammeln, ist Ulbricht als SED-Chef schon entmachtet und Erich Honecker hält die Einweihungsrede:

Erich Honecker
Erich Honecker Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Stadt und ihr Bezirk, unsere ganze Deutsche Demokratische Republik sind stolz auf dieses Kunstwerk. Wir ehren Karl Marx, in dem wir sein Antlitz, aus ehernem Metall geformt, im Herzen dieser Stadt aufstellen, die seinen Namen trägt.

DDR-Staatschef Erich Honecker bei der Einweihung des Denkmals

Gegossen wird der 40 Tonnen schwere und sieben Meter hohe Kopf in Leningrad. Zerlegt in 95 Einzelteile, rollt er auf Lkws nach Karl-Marx-Stadt, wo man vor dem Problem steht, die Einzelteile zusammenzufügen. Beim Zusammenschrauben bleiben Spalten, also wird der VEB Germania beauftragt, den Kopf zusammenzuschweißen. Auf einem Sockel aus ukrainischem Granit blickt Marx seither über die Stadt.

Karl-Marx-Denkmal wird in Karl Marx Stadt eingeweiht
Erich Honecker und andere DDR-Prominenz bei der Einweihung des Karl-Marx-Denkmals Bildrechte: imago images/Werner Schulze

Dieses Denkmal wird fortan das Bild des neuen Zentrums dieser Stadt prägen, die zu den ältesten und traditionsreichsten Kampfstätten in der Geschichte der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung gehört.

Erich Honecker

Heute ein Touristenmagnet in Chemnitz

Mit dieser Weissagung liegt Erich Honecker richtig. Der "Nischel" wird zum berühmtesten Karl-Marx-Städter und übersteht im Gegensatz zu den meisten anderen Marx-, Engels- und Lenindenkmälern auch die Wende. Heute ist er das populärste Fotomotiv der "Stadt mit Köpfchen".

Miniaturbüsten des Karl-Marx-Monuments
Miniaturbüsten des Karl-Marx-Monuments Bildrechte: dpa

Kunst und Kultur in Chemnitz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Oktober 2021 | 06:40 Uhr