Werkstatt-Besuch Erste Hilfe im Advent: Leipzigerin rettet Modellbahnen

Modelleisenbahnen sind nicht nur für Modellbau-Fans interessant. In der Adventszeit und zu Weihnachten besinnen sich viele Menschen auf die Eisenbahnen und holen sie vom Dachboden oder aus dem Keller – und müssen dann feststellen: Die alten Schätze, vielleicht noch aus DDR-Zeiten, sind nicht mehr fahrbereit und brauchen eine Reparatur. Dann kommt Claudia Riedel-Schneider ins Spiel. Die Feinmechanikerin kann die kleinen Lokomotiven und Waggons wieder rund laufen lassen. Ein Werkstatt-Besuch im Leipziger Stadtteil Gohlis.

In der Modellbahn-Werkstatt von Claudia Riedel-Schneider laufen die Drähte heiß. Alle paar Minuten unterbricht ein Anruf die Arbeit der Feinmechanikerin. Ein ungeduldiger Kunde am anderen Ende der Leitung möchte wissen, wann seine Modelleisenbahn wieder rund läuft. "Ich habe die Steuerung bestellt, die ist aber noch nicht da", erklärt sie am Telefon. Sie habe beim Hersteller nachgehakt, versichert sie ihm: "Die wollen sie mir noch bis Weihnachten schicken."

Spezialisiert auf DDR-Modelle

Sie muss den Kunden vertrösten, wie öfter in letzter Zeit – denn es gibt eine große Nachfrage nach ihrem Service. Claudia Riedel-Schneider ist spezialisiert auf Reparatur und Wartung von Modelleisenbahnen. Vor allem für die alten DDR-Modelle. Im Stadtteil Gohlis im Norden von Leipzig betreibt sie eine Werkstatt, die bis zur Decke gefüllt ist mit Aktenordnern, Werkzeug und Ersatzteilen.

Eine Frau mit Ihrer Modelleisenbahn
Feinmechanikerin Claudia Riedel-Schneider verteidigt mit ihrer Arbeit die Familientradition. Bildrechte: Milan Schnieder/MDR

In der Mitte steht ein Tisch, auf dem sie ringförmig zwei Gleise angebracht hat. Die haben je nach Modell unterschiedliche Spurbreiten "Das ist eine kleine Dampflok in der Spurbreite TT", erklärt sie an ihrer Werkbank, "Die haben wir auseinander genommen, sauber gemacht, neue Kohlen rein, neue Schleifer, neue Haftreifen und jetzt eine neue Verkabelung. Jetzt will ich sie gleich mal aufs Probegleis setzen."

Feinmechanikerin mit Liebe fürs Detail

Riedel-Schneider setzt die Bahn auf zwei etwa 30 Zentimeter lange Gleise, die vor ihr auf der Werkbank liegen. Dann drückt sie mit den Fingern zwei Acht-Volt-Drähte auf die Gleise. "So probiere ich, ob sie einwandfrei läuft – und das tut sie auch", erläutert sie. "Jetzt kann ich den Rest zusammenbauen und dann gehen wir auf die große Piste hinter uns."

Das Modell, das sie hier im Auftrag eines Kunden überholt und reinigt, wurde von der DDR-Firma Berliner TT-Bahnen in den 70er-Jahren hergestellt. Die Bahn stand lange auf dem Dachboden, doch zu Weihnachten möchte er zusammen mit seinen Enkelkindern damit spielen.

Eine Frau mit Ihrer Modelleisenbahn
Noch mindestens zehn Jahre will Claudia Riedel-Schneider die Modelleisenbahnen ihrer Kundschaft reparieren. Bildrechte: Milan Schnieder/MDR

Familientradition seit 57 Jahren

Die Modellbahn-Leidenschaft wurde Claudia Riedel-Schneider sozusagen in die Wiege gelegt. "Unsere Firma gibt es seit 57 Jahren", konstatiert sie.

Ich bin damit groß geworden und habe schon als Kind fasziniert meinem Vater zugeschaut, wie der Eisenbahnen repariert hat.

Claudia Riedel-Schneider Feinmechanikerin

Der Vater, selbst Feinmechaniker, machte sich 1965 in Leipzig selbstständig. Die Auflage, den Bevölkerungsbedarf erfüllen zu helfen, bediente er mit dem Angebot Modelleisenbahn-Reparatur. "Ich habe dann bei meinem Vater gelernt: Feinmechaniker", erzählt Riedel-Schneider. Nach drei Jahren machte sie ihren Meister – und sich selbständig: "Die Eisenbahn ist auch an mir kleben geblieben. Als mein Vater aufhörte, habe ich weitergemacht."

Stammkunde teilt Essen und Erinnerungen

Dann kommt der 86-jährige Herr Herwig mit einer warmen Mahlzeit zur Tür herein. Er bringt schon seit 40 Jahren seine Eisenbahn zu "Frau Schneider". Und heute auch was zu essen. "Ich bin früher Bahnpost gefahren", erzählt er und wie er 45 Jahre auf der Schiene verbrachte, erst in der DDR, dann zehn Jahre im wiedervereinigten Land: "Während der Fahrt haben wir die Post sortiert. Zuletzt von Hamburg bis nach Basel in einer Nacht auf dem Postzug. Das hat mir auch Spaß gemacht. Die Modelleisenbahn bedeutet mir immer eine schöne Erinnerung an das, was ich in meiner Lebenszeit geschafft habe."

Die Tradition, alle Jahre wieder das Wohnzimmer mit der DDR-Modelleisenbahn zu schmücken, hat die Wende überdauert. In Zeiten des Corona-Lockdowns besinnen sich besonders viele Menschen darauf.

Nachfolgerin nicht in Sicht

Noch mindestens zehn Jahre will Claudia Riedel-Schneider die Modelleisenbahnen ihrer Kundschaft reparieren. Dann geht sie in Rente. Ob es dann eine Nachfolge für die Werkstatt geben wird, ist unklar. Außer ihr gibt es nicht mehr viele Feinmechanikerinnen und Feinmechaniker, die sich auf diesen Service spezialisiert haben.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Dezember 2021 | 06:10 Uhr