"VERO-Spielzeug will dein Kind!" VERO: Legendäre Holzspielzeug-Klassiker aus dem Erzgebirge

Nicht Lego, sondern Vero Construc war das Zauberwort: Die inzwischen legendäre Baukastenserie des VEB VERO ließ Kinderherzen in der DDR höher schlagen. Der Werbe-Slogan "VERO-Spielzeug will dein Kind!" ging tatsächlich auf. Mit der Vero-Serie wurde das Holzspielzeug im erzgebirgischen Olbernhau neu erfunden – und nicht nur das. Das Kombinat überstand die Wende freilich nicht. Trotzdem lebt die Tradition fort. Denn einige der kreativen Köpfe und großartigen Handwerker wagten den Neustart mit eigenen Unternehmungen im Spielzeugland Erzgebirge.

VERO Olbernhau
Vero Construc war eine auf zwei Grundbaukästen aufbauende Serie. Legendär war der Kasten 600 mit einem Lochstreifengerät, mit dem man zum Beispiel eine Ampel steuern konnte. Aus dem VEB VERO kamen aber auch andere Holzspielwaren oder Modellbahnzubehör. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sich ein bisschen wie ein Baumeister oder Ingenieur fühlen, das konnten Kinder zu DDR-Zeiten mit der inzwischen legendären Baukasten-Serie Vero Construc.

Baumeister sein mit Vero Construc

Ausgestattet mit gelochten Holzleisten, Würfeln, Quadern und Plasteschrauben enthielten sie Anleitungsheftchen für die Konstruktion von einfachen Fahrzeugen bis hin zum Kran oder Riesenrad. Fortgeschrittene rüsteten mit Zahnradgetrieben, Elektromotoren oder Beleuchtung nach, gestalteten ihre eigene kleine Verkehrsanlage oder gar ein Schiffshebewerk! Die auf zwei Grundbaukästen basierende Serie aus den Vereinigten Erzgebirgischen Spielwarenwerke Olbernhau, kurz VERO, stand in vielen Kinderzimmern und würde wohl noch heute als pädagogisch wertvoll gelten. Unverwüstlich wie das Material sind die Erinnerungen:

Wir hatten sogar das batteriebetriebene Lochstreifengerät, mit dem man Motoren und Ampeln programmieren konnte.

Jochen Schmidt, Schriftsteller Über den Vero Construc 600

Vom Bergbau zum Spielzeug und zum VEB VERO

*Mit dem Niedergang des Bergbaus wird das Holzhandwerk für die Erzgebirgler zur Existenzfrage.
*Schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts wird in der Region um Olbernhau und Seiffen auch Spielzeug gefertigt.
*Die erste Fabrik für Spielwaren entsteht 1850 in Oberseiffenbach.
*Die Baukästen und Fröbelgaben von Samuel Friedrich Fischer gelangen in Windeseile zu Weltruhm.
*Nach dem Zweiten Weltkrieg blüht die Spielzeugmacherei auf.
*Das vielseitige, kreative Erbe Einzelner wird zu Volkseigentum.
*Etliche der kleinen Familienunternehmen werden entweder halb- oder ganz verstaatlicht. Am 1. Januar 1966 werden fünf Betriebe aus Seiffen, Olbernhau, Niedersaida, Blumenau und Grünhainichen zum VEB VERO zusammengeführt. Hauptwerk wird die enteignete Wachsblumenfabrik der Familie Jehmlich in Olbernhau.
*Die Spielzeugherstellung im Erzgebirge wird zum sozialistischen Industriezweig.

Kreative Köpfe im Kombinat

Für das Volkseigene Kombinat hatte man ab 1966 mehrere Kleinhersteller von Spielzeugen im Erzgebirge enteignet und zusammengeschlossen. So geht beim Blick auf die kollektive Geschichte oft unter, dass etwa hinter der erfolgreichen Vero Construc-Idee auch großartige Köpfe steckten. Einer der kreativsten war Bernd Scheithauer. Nach seinem Studium an der Fachschule für Spielzeuggestaltung im thüringischen Sonneberg kam er ins Erzgebirge. An der Entwicklung von Vero Construc arbeitete er seit 1968 führend mit. Dass entscheidende Innovationen auf ihn zurückgehen, daran erinnert seine Tochter Katharina: Angefangen hatte alles mit Holzwürfeln, in die Metallgewinde für Schrauben sollten. Bernd Scheithauer aber tüftelte an flexibleren Systemen auf Basis von Plasteteilen:

Plaste-Elemente als flexible Verbindungen – das war etwas ganz Neues. Dafür wurden dann auch Patente erteilt. Gemeinsam im Kollektiv wurde an der Umsetzung gearbeitet. Da gehörten beispielsweise die Sondermaschinenbauer dazu, denn es musste ja eine Form gemacht werden, verschiedene Materialien bis hin zu diesen Plaste-Elementen.

Katharina Scheithauer, Spielzeuggestalterin Über die Arbeit ihres Vaters

In Ost und West beliebt

Der Vero Construc Grundkasten aus den 1970er Jahren
Der Vero Construc Grundkasten aus den 1970er Jahren Bildrechte: dpa

Katharina Scheithauer trat in die Fußstapfen ihres Vaters, sie studierte Spielzeuggestaltung und war ab Ende der 1980er-Jahre beim VEB VERO, dessen Geschichte dann aber bereits 1991 nach 25 Jahren endete.

Heute verwaltet sie für die Museen in Olbernhau und Seiffen den Nachlass ihres Vaters Bernd, der 2011 starb.

Seit rund 20 Jahren gibt es im Heimatmuseum von Olbernhau übrigens eine Dauerausstellung zur VERO-Geschichte, die Klein und Groß zum Spielen einlädt – und Erinnerungen weckt. Vor der Vitrine mit den Bausteine-Kästen denkt Katharina Scheithauer an ihre Zeit als "Lehrmädel" in Blumenau. Auf dem enteigneten Grund der Firma Engel war damals eine moderne Fabrik für Bausteine mit zentraler Trommelpolier- und Lackieranlage entstanden. Da es in der DDR zu wenig helles Holz für die Produktion der Bausteine gab, wurde dort beispielsweise Buche gebleicht, wie Friedmar Gernegroß erklärt. Er gehörte bis 1983 zur Forschungs- und Entwicklungsabteilung der VERO, die sich ganz auf die Neuentwicklung von Spielzeug konzentrierte:

Das Positive war ja, dass wir selbst Kinder hatten und unsere Ideen ausprobieren konnten. Wir haben auch manche Sachen gemacht, wo wir dachten: 'Oh, ganz doll.' Und die Kinder haben dann gesagt: 'Was sollen wir damit?'

VERO wurde nicht nur zum weltgrößten Hersteller von Holzbaukästen. Für seine von Millionen Kindern geliebten Holz-Spielzeuge erhielt VERO mehrfach Auszeichnungen. Gekauft wurden die Produkte auch im Westen.

Bis zur Wende. Die Vero Construc-Baukästen gibt es heute nur noch als Liebhaberstücke via Internet.

Anfang und Ende von VERO

*1972 rollt die letzte große Enteignungswelle durch das Erzgebirge.
*VERO, seit 1969 bereits ein Kombinat, wächst noch einmal: Zum VEB Kombinat VERO Olbernhau gehören schon bald 99 Betriebsstätten, in denen 10.000 verschiedene Artikel hergestellt werden.
*Die Holzspielwaren verkaufen sich in Ost und West.
*Olbernhau wird Anfang der 1970er-Jahre der Sitz von zwei Kombinaten - den Vereinigten Erzgebirgischen Spielwarenwerken Olbernhau (Vero) und dem Kombinat Erzgebirgische Volkskunst (EVK). Eine ganze Abteilung mit Formgestaltern, Konstrukteuren, Sondermaschinenbauern, technischen Zeichnern und anderen Experten entsteht, die sich um die Neuentwicklung von Spielzeug kümmert.
*1980 schließlich – wird auch der VEB Modellspielwaren Marienberg, vormals Auhagen, in das Kombinat VERO Olbernhau überführt.
*1981 wird das Kombinat VERO selbst "gefressen" und unter Leitung des riesigen Kombinats Spielwaren Sonneberg gestellt.
*Die Produkte reichen nun von Perlen bis zu Kinderzimmermöbeln.
*1989 erwirtschaften 3300 Arbeitskräfte und Heimarbeiter, darunter 1900 Frauen 16 Millionen Valutamark.
*Schon im Dezember 1991 schließt der letzte Betriebsteil.

Die Tradition lebt

Zu den wenigen Orten, an denen in Olbernhau als Hauptsitz des einstigen Kombinats, heute noch Spielzeug hergestellt wird, gehören die Flade Werkstätten. Gefertigt werden dort hochwertige Spieluhren in Handarbeit und limitierter Stückzahl. Markenzeichen der von Kerstin Drechsel geführten Manufaktur sind die Figuren mit dem blonden Flachshaar. Das Erscheinungsbild geht auf Entwürfe ihrer Eltern zurück.

Kerstin Drechsel 45 min
Kerstin Drechsel Bildrechte: MDR

Die Figurenbildnerei hat eine lange Tradition im Erzgebirge als Kunst-Handwerk im wahrsten Sinne des Wortes. In jeder fertigen Figur stecken mehrere hundert Handgriffe von erfahrenen Holzspielzeugmacherinnen und -machern.

Als einer der bedeutendsten Spielzeugdesigner des Erzgebirges gilt Kerstin Drechsels Vater, Helmut Flade. 1961 wurde er Leiter des Seiffener Instituts für Spielzeug, 1966 dann einer der Gründerväter von VERO. Dort leitete er die Abteilung Forschung und Entwicklung. 1987 verließ er VERO allerdings frustriert und ermüdet von Kombinatsbürokratie, Parteiklüngel und Demontage der von ihm und vielen Wegbegleitern geprägten Spielzeugmarke, wie sich seine Tochter erinnert. Doch ihm gelang ein freiberuflicher Neuanfang und ein Neustart nach der Wende. Heute führt Kerstin Drechsel gemeinsam mit ihrem Sohn Florian die Manufaktur, die inzwischen 12 Angestellte beschäftigt.

Lichterhäuser, klingende Bausteine, Auhagens Modellbahnzubehör

Spielzeug-Klassiker aus dem Erzgebirge
Lichterhäuser aus Olbernhau Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Birgit Uhlig bewahrt in einer Olbernhauer Seitenstraße den Brauch der Erzgebirgischen Lichterhäuser. Als Wirtschafts-Ingenieurin arbeitete sie 18 Jahre bei VERO. Allein ihr ist es zu verdanken, dass das Archiv der Produktentwicklung, die sogenannte Erzeugnis-Dokumentation, des VEB VERO der Nachwelt erhalten geblieben ist.

Barbara Seidler war 16 Jahre lang als Sekretärin in den Olbernhauer Spielwarenwerken tätig. Als Autodidaktin entwickelte sie im Jahr 2000 Lernspielzeuge – klingende Bausteine –, die sogar das japanische Kaiserhaus begeistern. Der Weg zum Erfolg führte für sie und ihren Mann Werner über einen äußerst steinigen Weg.

Ute Hofmann-Auhagen
Ute Hofmann-Auhagen sorgt weiter für Kindheitsträume in H0, TT oder N Bildrechte: MDR

Klein beginnen Vater Rudolf Auhagen und Tochter Ute nach der Wende von vorn. Das traditionsreiche Familienunternehmen stellte in Marienberg seit den 1950er Jahren auch Zubehör für Modelleisenbahnen her. 1972 kam es zur Enteignung. Im Eilverfahren wurde aus Auhagens Familienbesitz der VEB Modellspielwaren Marienberg, 1980 folgte die Übernahme durch VERO, das selbst wiederum 1981 unter Leitung des riesigen Kombinats Spielwaren Sonneberg gestellt wurde. Mit 70 holt sich Rudolf Auhagen den Familienbesitz 1990 zurück. Von den ehemals 138 Beschäftigten konnten nur 13 bleiben. Die Startbedingungen waren denkbar schlecht. Doch das Konzept, Kindheitsträume im im Maßstab H0, TT oder N lebendig werden zu lassen, geht auf. Zu den Modellbau-Wochenend-Workshops reisten die Fans - vor Corona - sogar an aus der Schweiz. Von der Idee bis zur Verpackung – bei Auhagen geschieht alles unter einem Dach. 32 Arbeitsplätze gibt es heute.

Programmtipp

VERO construc mit Video
VERO construc Bildrechte: MDR
MDR FERNSEHEN Di, 12.01.2021 21:00 21:45
  • Stereo
  • Audiodeskription
  • 16:9 Format
  • HD-Qualität
  • Untertitel
  • VideoOnDemand

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke wo du lebst | 12. Januar 2021 | 21:00 Uhr

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