Porträt Wie der Direktor des Mauritianums Altenburg zum Artenschützer wurde

Naturkundemuseen dokumentieren gewöhnlich den Schwund von Arten - ein Umstand, den Mike Jessat vor 15 Jahren nicht mehr hinnehmen wollte. Der Direktor des Altenburger Naturkundemuseums Mauritianum wurde zum Artenschützer. Wir haben mit ihm das Naturschutzgebiet Haselbacher Teiche besucht, das er seit vielen Jahren beobachtet und renaturiert hat.

Die Haselbacher Teiche sind noch ein absoluter Geheimtipp. Blaue Seen, dazwischen üppiges Grün, keine Autos sind zu hören, dafür aber Vogelzwitschern und Froschquaken. Dieses Naturschutzgebiet, direkt an der thüringisch-sächsischen Grenze gelegen, ist in den vergangenen Jahren zum Eldorado für Ornithologen geworden.

Rosalie und ihre Artgenossen haben viel dazu beigetragen: Die Waliser Schwarzhalsziegen weiden gemütlich auf einer Wiese mit üppig wachsendem Gras. Sie freuen sich, als Mike Jessat das Tor aufschließt und Wasser nachfüllt. Die Ziegen fungieren hier im Naturschutzgebiet als eine Art Dienstleister, erklärt Jessat: "Wenn wir bestimmte Flächen nicht beweiden lassen würden, dann würden sie zuwachsen, Endzustand wäre Wald. Wir wollen hier im Teichgebiet aber eine Mischung von Wiesen und Leichtgehölzen haben. Daher ist sanftes Beweiden am Besten."

Mike Jessat rechts im Bild füttert ein paar Ziegen
Waliser Schwarzhalsziegen sorgen dafür, dass sich am Thüringer Naturschutzgebiet Haselbacher Teiche seltene Tierarten ansiedeln können. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Getümmel im Schilf

Die Ziegen, aber auch Schafe und Wasserbüffel schaffen ideale Bedingungen dafür, dass sich andere, seltene Tierarten hier ansiedeln. Die Wasserbüffel etwa bewegen sich stetig durch die verschilften Uferbereiche der Teiche. Dort, wo sie entlang laufen, fließt immer wieder Wasser nach. Gerade für Vogelarten, die im Schilf brüten, wie die Große Rohrdommel, die Wasserralle oder das Kleine Sumpfhuhn ist es überlebenswichtig, dass durch die Büffel eben keine tote Schilfmatte entsteht.

Eine Gruppe Reiher am Ufer
Wasserbüffel halten das Schilf an den Haselbacher Teichen intakt – so können hier viele Vogelarten leben, etwa diese Silberreiher ... Bildrechte: Wilfried Zimmermann

Viele neue Arten siedeln sich an

Mike Jessat kann immer neue Tiergattungen aufzählen, die er in den vergangenen Jahren in den Haselbacher Teichen entdeckt hat. Die Knäkente lebt hier nun, die Fluss-Seeschwalbe, der Grauspecht, Moorfrösche quaken vor sich hin, Ameisenlöwen buddeln Löcher in den Sand. Unzählige gefährdete Vogel-, Insekten- und Amphibienarten haben hier ein Zuhause gefunden.

Fast schon ein Wunder, denn zu DDR-Zeiten wurde hier intensive Karpfenmast betrieben, mit Pelletfütterung und Futterautomaten. Das Ökosystem brach völlig zusammen. Dann übernahm der Naturschutzbund Deutschland das Gelände als Pächter und begann es mit viel großem Engagegement zu renaturieren.

Ein Schwimmvogel auf einem Teich
... oder solche Haubentaucher. Bildrechte: Wilfried Zimmermann

Das Mauritianum ist aktiv dabei

Schon damals war Mike Jessat mit an Bord, als Landesvorsitzender des Nabu: "Der Nabu hat hier einiges geschafft. Das Problem ist aber, dass er ein rein ehrenamtlicher Verein ist. Er kann große EU-Artenschutzprojekte in Millionenhöhe einfach nicht stemmen, also mussten wir nach einer anderen Lösung suchen."

So kam das Museum Mauritianum dazu – es beantragte EU-Fördergelder, brachte die Wasserbüffel in die Haselbacher Teiche und untersuchte dann in einem Forschungsprojekt, welche Effekte die Tiere auf ihre Umwelt haben. Möglich war diese Art von Museumsarbeit, weil das Haus seit 15 Jahren nicht mehr vom Kreis, sondern von einem Verein getragen wird, der Naturforschenden Gesellschaft.

Ein Blässhuhn auf einem Nest
Ein Bleßhuhn mit Jungen auf seinem Nest Bildrechte: Wilfried Zimmermann

Die Artenschutz-Arbeit trägt Früchte

So ergebe sich immer ein Potpourri an Maßnahmen um jedes Artenschutzprojekt herum, umschreibt es der studierte Museologe Jessat, bestehend aus Öffentlichkeitsarbeit, Publikationstätigkeit, Forschungstätigkeit. Jedes Projekt werde zudem im Mauritianum in Sonderausstellungen abgebildet.

Das Museum betreut neben den Haselbacher Teichen noch weitere Projekte, etwa drei Natura-2000-Stationen. Auf dieser Schiene fährt es ziemlich erfolgreich, das Budget hat sich seit dem Trägerwechsel verzehnfacht, die Zahl der Mitarbeitenden ist gewachsen. Ganz wichtig ist außerdem für Mike Jessat, dass ihn die Arbeit seitdem sehr viel mehr erfüllt:

Wir haben uns früher im Museum immer als Sterbebegleiter bezeichnet: als jemand, der dokumentiert, dass wieder eine Art ausgestorben ist, wieder eine vom Aussterben bedroht ist. Da wollten wir einfach raus. Und das ist uns, denke ich, ganz gut gelungen.

Mike Jessat, Direktor des Mauritianums Altenburg

Und so kommen immer wieder neue Projekte hinzu, das Mauritianum verändert die Landschaft. Für Jessat, der seine Berufslaufbahn einst im Tagebau begann, eine späte Genugtuung. Die Rolle des Sterbebegleiters will er nie wieder einnehmen.

Mike Jessat beobachtet Tiere
Mike Jessat beobachtet wilde Tiere an den Haselbacher Teichen. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Mai 2022 | 18:30 Uhr

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