Gedenk- und Bildungsstätte "Andreasstraße" Wie Jochen Voit in Erfurt an die Geschichte der SED-Diktatur erinnert

Die Gedenk- und Bildungsstätte "Andreasstraße" in Erfurt erinnert an die Unterdrückung und den Widerstand während der SED-Diktatur in Thüringen im Zeitraum von 1949 bis 1989. Jochen Voit leitet den Erinnerungsort nun im zehnten Jahr. Im Interview mit MDR KULTUR erzählt der Historiker nicht nur von seiner neu erschienenen Graphic Novel mit dem Titel "Ernst Busch – der letzte Prolet", sondern auch über seine erinnerungskulturelle Arbeit in der Erfurter Gedenkstätte "Andreasstraße".

Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße
Die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße am Erfurter Domplatz. Bildrechte: imago/VIADATA

Am 4. Dezember 1989 wurde in Erfurt Weltgeschichte geschrieben: Als an diesem Tag aus den Schornsteinen der Stasi-Zentrale in der Andreasstraße schwarze Rauchschwaden loderten, beschloss eine Reihe Erfurter Bürgerinnen und Bürger die voranschreitende Aktenverbrennung zu verhindern.

In den frühen Morgenstunden jenes Dezembertages besetzten sie das Gebäude der Stasi. Dabei handelte es sich wohlgemerkt um die erste Besetzung einer Stasi-Bezirksverwaltung während der Friedlichen Revolution.

Niemand wusste, wie es ausgeht. In Leipzig, in Suhl, in Rostock, durch die ganze DDR – aber in Erfurt ging es los!

Jochen Voit Leiter der Gedenkstätte "Andreasstraße" in Erfurt

Erinnerungsort in Erfurt

Heute erinnert am historischen Originalschauplatz, der vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR (Stasi) betriebenen ehemaligen Untersuchungshaftanstalt in der Andreasstraße 37a, eine Gedenk- und Bildungsstätte an die Unterdrückung und den Widerstand während der SED-Diktatur in Thüringen. Seit nunmehr zehn Jahren wird der Erinnerungsort von Jochen Voit geleitet, der nicht nur Historiker, sondern auch Szenarist des Comics "Ernst Busch – der letzte Prolet" ist.

Unbedarfter Zugang

Geboren wurde Jochen Voit im mittelfränkischen Nürnberg, 26 Jahre nach der Gründung der SED. Seine Herkunft aus dem Westen erlaubte ihm, wie er sagt, sich der SED-Vergangenheit Thüringens mit einer "gewissen Unbedarftheit" auf eine "neutralere Art" zu nähern: "Ich habe einen Hintergrund, der mich mit der DDR immer relativ versöhnlich in Kontakt gebracht hat, weil meine Eltern 68er und links waren."

Den immer wieder kursierenden Irrglauben, bei der "Andreasstraße" würde es sich um eine "Stasi-Gedenkstätte" handeln, empfindet Jochen Voit als unerträglich: "Wir gedenken doch nicht der Stasi. Die Stasi ist zwar ein Teil der DDR gewesen, aber nicht der wichtigste. Wir in der 'Andreasstraße' wollen erzählen, wie schnell man mit der SED-Diktatur in Konflikt geraten konnte. Letztendlich gibt es Orte, die das Thema Staatssicherheit viel besser vermitteln können als wir", betont der Historiker mit Nachdruck.

Wir gedenken doch nicht der Stasi. Die Stasi ist zwar ein Teil der DDR gewesen, aber nicht der wichtigste.

Jochen Voit Leiter der Gedenkstätte "Andreasstraße" in Erfurt
Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße
Bis 1989 zählte das Stasi-Gefängnis in der Andreasstraße mehr als 5.000 Inhaftierte. Bildrechte: imago/VIADATA

Aus eben diesem Grund ist die erinnerungskulturelle Arbeit Voits in der Gedenkstätte "Andreasstraße" viel breiter angelegt: Denn sie fasst nicht nur die Unterdrückung durch die Stasi, sondern auch die Geschichte der politischen Häftlinge und die freiheitbringende Besetzung des Gebäudes ins Auge.

Ausstellungen in der Gedenkstätte "Andreasstraße"

Eine umfangreich geplante Schau zur Geschichte der SED, die 1946 in Gotha und Berlin gegründet wurde, musste coronabedingt vorerst auf 2022 verschoben werden. Bis dahin lohnt ein Besuch der ständigen Dauerausstellung "Haft, Diktatur, Revolution: Thüringen 1949-1989". Die Ausstellung informiert im ehemaligen Gefängnisgebäude über die Unterdrückung politisch Andersdenkender und die persönlichen Schicksale der Inhaftierten. Der Weg durch die Ausstellung führt von der Repression zur Friedlichen Revolution, der sich der Bereich im gläsernen Kubus, dem modernen Anbau der Gebäudes, widmet.

Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße
Der "Kubus der Friedlichen Revolution", designt vom Illustrator Simon Schwartz und der Agentur freybeuter. Bildrechte: imago/VIADATA

Neben der Dauerstellung gibt es in der "Andreasstraße" ständig wechselnde Sonderausstellungen zu besichtigen. Ab dem 23. September beleuchtet die Sonderausstellung, "Gewalt und Freundschaft – Kambodscha und die DDR im Zeitalter der Ideologien", gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die weitgehend vergessene Beziehungsgeschichte zwischen Kambodscha und der DDR.

Mehr Informationen Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße
Stiftung Ettersberg

Andreasstraße 37a
99084 Erfurt

Öffnungszeiten:
Dienstag, Donnerstag: 12 bis 20 Uhr
Mittwoch, Freitag, Samstag, Sonn- und Feiertage: 10 bis 18 Uhr
Führungen nach Vereinbarung

Am Wochenende findet jeweils um 14 Uhr eine öffentliche Führung statt. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. September 2021 | 11:00 Uhr

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