Retrospektive bis 13. Juni verlängert Erfurt: Fotos von Hans-Christian Schink können endlich gezeigt werden

Hans-Christian Schink gehört zu den renommiertesten Fotografen seiner Generation. Er war Stipendiat an legendären Häusern wie der Villa Massimo in Rom und bekam hochdotierte Preise. Seine Arbeiten bewegen sich meist im Spannungsfeld von Natur und Zivilisation – so auch seine aktuelle Schau in Erfurt, die nach langem Lockdown nun endlich für Publikum zugänglich ist. Die Retrospektive zeigt die Vielfalt und Qualität von Schinks fotokünstlerischem Schaffen: Noch bis zum 13. Juni kann die Ausstellung "SO WEIT. Fotografien seit 1990." in der Kunsthalle Erfurt besucht werden.

Ein Werk des Fotokünstlers Hans-Christian Schink
Bildrechte: Hans-Christian Schink

International bekannt geworden ist Hans-Christian Schink in den 90er-Jahren mit seinem Foto-Zyklus "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit". In meisterhaft komponierten Bildern zeigt er hier, wie die gewachsene Kulturlandschaft von der Infrastruktur überformt wird.

Stillleben: Schwan unter Autobahn

Ein Werk des Fotokünstlers Hans-Christian Schink
"A 20, Peenebrücke Jarmen" mit Schwan rechts im Bild Bildrechte: Hans-Christian Schink

Man sieht Autobahntrassen, die die Natur durchschneiden – oder gigantische Brückenpfeiler, die Täler überspannen. Wie etwa bei einer großformatigen Farbfotografie. Da begegnen einem die monströsen Stützen aus Beton – und die ragen aus einer Flusslandschaft heraus. Doch dann stutzt man mit einem Mal – denn im Wasser schwimmt ein Schwan. Und dieser Schwan – der hat auch Hans-Christian Schink irritiert, als er das Bauwerk fotografieren wollte.

Das Wasser war sehr ruhig. Ich habe meine Kamera aufgebaut und in dem Moment schwamm der Schwan ins Bild, den ich dort eigentlich gar nicht haben wollte. Da ich nun aber keine Steine nach Tieren werfe, wollte ich mich gedulden. Er ließ sich aber sehr viel Zeit und irgendwann habe ich dann doch einmal draufgedrückt, und tatsächlich verschwand er dann.

Hans-Christian Schink Fotograf

"So weit" Hans-Christian Schinks Retrospektive in Erfurt

Ausstellung
Seit November wartet die Retrospektive "So weit. Fotografien seit 1990" in der Kunsthalle Erfurt auf Eröffnung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Werk des Fotokünstlers Hans-Christian Schink
Zu sehen darin sind auch Hans-Christian Schinks Fotos von Verkehrsbauten in Ostdeutschland seit den 1990er-Jahren, mit denen er bekannt wurde. Hier zu sehen: Wie die "A 71, bei Traßdorf" entsteht und dabei die Landschaft mit Wucht zerschneiden wird. Bildrechte: Hans-Christian Schink
Fotograf in Landschaft
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Werk des Fotokünstlers Hans-Christian Schink
Seine Motive findet er in einem Umkreis von 50 Kilometern. Zum Beispiel: "Zwischen Lemmersdorf und Kleisthöhe" Bildrechte: Hans-Christian Schink
Ausstellung
Seit November wartet die Retrospektive "So weit. Fotografien seit 1990" in der Kunsthalle Erfurt auf Eröffnung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Werk des Fotokünstlers Hans-Christian Schink
"A 20, Peenebrücke Jarmen" mit Schwan hinten rechts Bildrechte: Hans-Christian Schink
Christian Schink
Der gebürtige Erfurter in der immer noch nicht eröffneten Retrospektive. Sie zeigt: Schink hat die Wucht neuer Architektur und so soziale Umbrüche ins Bild gesetzt – und er ging auf Reisen.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Foto in einer Ausstellung
In seinem Projekt "1h" porträtierte Schink die Sonne – rund um die Welt an 37 Orten. Dazu reiste er in 90 Tagen in die entlegensten Ecken der Welt – z.B. an die Küste von Neuseeland. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Werk des Fotokünstlers Hans-Christian Schink
"Three Sisters" heißt dieses Bild. Schink erklärt: Eine Stunde Belichtungszeit des Sonnenlaufs ergibt per Solarisation einen schwarzen Balken. Bildrechte: Hans-Christian Schink
Christian Schink
Seit 20 Jahren mit dabei ist seine Großbildkamera, die große Vergrößerungen erlaubt, aber auch viel Vorplanung der Motive erfordert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Großer Aufwand für die Reduktion aufs Wesentliche

Der Schwan verschwand, doch das Bild ist geblieben. Und so das Foto plötzlich aufgeladen mit der Tradition der deutschen Landschaftsmalerei und der Romantik. Zugleich ist es eigentlich ganz untypisch für die meist kühl-reduzierten Arbeiten des Künstlers.

"1 h(our)" oder: Die Sonne einfangen

Ein Werk des Fotokünstlers Hans-Christian Schink
"Three Sisters": Aus der Serie "1 h(our)". Schinks Fotos komprimieren Zeit, Licht und Energie – und sie irritieren.  Bildrechte: Hans-Christian Schink

Ganz anders verfährt Hans-Christian Schink bei einem Zyklus, der international für Aufsehen gesorgt hat. Denn hier hat der Fotograf die Technik der Solarisation auf innovative Weise weiterentwickelt. Dabei fotografiert er eine Stunde lang die Sonne und ihren Lauf. Und diese einstündige Sonnenbahn – die sieht dann plötzlich  aus wie ein fremdartiger dunkler Balken am Himmel – und der erinnert an ein UFO, das plötzlich in einer schwarz-weißen Landschaft aufkreuzt. Für diese geheimnisvolle Serie mit dem Titel "1 h(our)"  ist Hans Christian Schink in die entlegensten Ecken der Welt gereist – wie z.B. auch an die Küste von Neuseeland.

Es gibt eine spezielle Felsformation, die im Uferwasser steht, ein sehr spitzer steiler Felsen, der mir als Kulisse für die Sonnenwanderung, diese Sonnenlinie, gut geeignet erschien. Solche Stellen musste ich erstmal entdecken – und erreichen können. Ich betreibe ja relativ großen Aufwand, arbeite mit zwei Großformatkameras, zwei Stativen und dem entsprechenden Equipment, was ich dann über mehrere Kilometer vor Ort bringen muss.

Hans-Christian Schink Fotograf

"Hinterland": Bilder, wie in der Romantik gemalt

Viel einfacher und praktischer war die Arbeit dagegen für den Fotozyklus mit dem Namen "Hinterland". Denn dafür ist Hans-Christian Schink in seiner neuen Heimat unterwegs. Seit fünf Jahren lebt der Künstler in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. Und dort sucht und findet er seine Bilder in einem Umkreis von 50 Kilometern. Und da ist er zum Beispiel auch fasziniert von verschneiten Feldern und Wäldern. Oder von alten Weiden mit dicken Stämmen. Auch die hält der Fotograf dann in seinen  Bildern fest. Inzwischen nähert er sich diesen Bäumen auch mit einem ganz handfesten Ansatz und bringt sich gewissermaßen selbst in die Landschaft ein:

Weil sich niemand um die Pflege der alten Kopfweiden kümmert, die über Jahre und Jahrzehnte nun ausgewachsen sind, beschneide ich sie. Mit dem doppelten Effekt, dass ich so zur Landschaftspflege beitrage und zum anderen Kaminholz bekomme.

Hans-Christian Schink Fotograf

Landschaftspflege und Brennholzgewinnung – das ist das eine. Und zum andern schafft sich der Fotograf so auch seine Motive, die er dann in subtilen Aufnahmen festhält. Ein Kreislauf, wie er kaum nachhaltiger sein könnte.

Mehr Informationen zur Ausstellung Hans-Christian Schink
"SO WEIT. Fotografien seit 1990"

Kunsthalle Erfurt
Fischmarkt 7, 99084 Erfurt

Bis 13. Juni 2021 für Publikum zugänglich

Buchtipp Hans-Christian Schink: "Hinterland"
mt einem Gedicht von Oswald Eggers
148 Seiten, 76 Abbildungen
Hartmann Books

Die Dramaturgie der Foto-Serie "Hinterland" ergibt sich erst in der Buchausgabe. Sie ist kein Porträt der Region, sondern subjektiv Hans-Christian Schink, der die Spuren des Menschen darin "sammelt".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. April 2021 | 12:10 Uhr

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