"Bellum et Artes" Ausstellung in Dresden zeigt, wie die Kunst den Dreißigjährigen Krieg darstellte

Die Rolle der Kunst im Krieg zeigt eine Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) im Residenzschloss. Zu sehen gibt es Selbstinszenierungen siegreicher Kämpfer, aber auch die Gräuel des Krieges. Auch die damals schon aktuelle Beutekunst ist Thema. Die Ausstellung ist Teil des Forschungs- und Ausstellungsprojektes "Bellum et Artes" elf namhafter europäischer Museen und Forschungsinstitutionen, bei dem rund 400 Jahre nach dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges die Rolle der Künste in diesen desaströsen Zeiten untersucht werden soll.

Stefano della Bella: Der Tod reitet über ein Schlachtfeld, 1645/48
Stefano della Bella: Der Tod reitet über ein Schlachtfeld, 1645/48 Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Dieser Krieg war eine europäische Katastrophe. Aber trotz der Verheerungen, des Hungers, der Seuchen – die Künste schwiegen nicht. Diese These belegt die Ausstellung im Dresdner Residenzschloss mit rund 150 Werken, von der kleinen Medaille bis zum großen Gemälde.

Im Krieg schläft die Kunst nicht

"Es gibt ja den Satz aus der Antike, dass während des Krieges die Musen schlafen", sagt Claudia Brink, eine der Kuratorinnen der Staatlichen Kunstsammlungen – sie setzt sofort entgegen, dass dem nicht so war, sondern dass die Künste sehr wohl ihre angestammte Rolle übernahmen, vielleicht in einer etwas anders gearteten Thematik. Und das sei auch in ihrer Ausstellung in Dresden sehr schön sichtbar, sagt sie.

Kunst war systemrelevant – darin waren sich die Herrschenden, die Fürsten und Kriegsherren, einig. Sie setzten sich mit Hilfe der Kunst in Szene, trugen ihre Machtansprüche vor und verschenkten die Arbeiten ihrer Hofkünstler, um für gute Stimmung bei den Verhandlungen zu sorgen.

Frau auf Schlachtfeld
Peter Paul Rubens: Allegorie auf den Krieg, um 1628 Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Ausstellung zeigt meist Perspektiven der Sieger

Die Bildberichterstattung über den Krieg übernahmen damals vor allem die Kupferstecher: minutiös hielten sie die Schlachten fest. Es war meistens die Perspektive des Siegers. Was wir heute hingegen vor allem von der Kunst erwarten – Empathie mit den Opfern, Anklage, Trauerbewältigung, eine Friedensbotschaft – diese Werke zu versammeln, dafür reicht in der Ausstellung ein kleines Kabinett. Aber das hat es in sich! Dort sind auch die Gräuel des Krieges sichtbar. Da sind die allegorisch-emblematischen Darstellungen der großen Tragödie, z.B. durch Künstler wie Rubens, der auch aktiv in diplomatischer Mission unterwegs war, leichter zu verarbeiten.

Diese ungeheure Brutalität! Es gibt zum Beispiel eine Szene, da wird gezeigt, wie ein verzweifelter Soldat Menschenfleisch isst. Das ist dokumentiert, Künstler dokumentieren ja auch immer als Zeitzeugen die Schrecknisse. Und das schon in dieser Zeit, in diesem 17. Jahrhundert. Wir kennen das aus der Moderne.

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Beutekunst gab es auch im 17. Jahrhundert

Die Ausstellung zeigt auch, dass damals alle immer in Bewegung waren: die Heere, die Exilanten, Flüchtlinge – und auch die Künstler. Wer keine Aufträge mehr erhielt, musste sich anderswo verdingen. Auch als Söldner.

In Bewegung war auch die Kunst, vielfach wurde sie zur Beute! Das war in Grenzen legal. Ein Salbölgefäß aus Mantua, eine Gartenplastik aus dem Palais Waldstein sind beredte Beispiele für die verschlungenen Wege dieser Transfers.

Drei Männer
Bildnis mit Johann Georg I. von Sachsen, Gustav Adolf von Schweden und Georg Wilhelm von Brandenburg Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Dass der Umgang mit dieser Beutekunst des 17. Jahrhunderts bis heute kaum erforscht ist, erwähnt Susanne Jäger, Kuratorin vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa. Der Bevölkerung von heute sei zu vermitteln, dass das Teil des gemeinsamen europäischen Kulturerbes ist, sagt sie, zudem die Parallelen, die es zwischen der damaligen Situation und der heutigen gibt.

Diplomatie statt Waffenklirren

Mann
Der sächsische Kurfürst Johann Georg I. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Die schon damals bedeutende Kunstsammlung der sächsischen Kurfürsten wurde nicht geplündert. Die Stadt blieb von Kampfhandlungen weitgehend verschont.

Der sächsische Kurfürst Johann Georg I., der mal mit dem Kaiser war, mal gegen ihn, kam in der Geschichtsschreibung lange nicht gut weg: ein Zauderer und "Bierjörgel", war das vernichtende Urteil.

Doch dieses Bild gehört geradegerückt.

Die Geschichtswissenschaft liebt gerne Sieger, sie liebt Helden. Sie liebt komischerweise nicht Menschen, die Kriege verhindern wollen oder die Kriege beenden wollen. Und das war eben der Bierjörgel oder Johann Georg I. Der war ein Mensch, der eben Neutralitätspolitik gemacht hat.

Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer

Ob die Bürger von Bautzen, das der Kurfürst 1620 in Allianz mit den Habsburgern belagerte und in Flammen aufgehen ließ, Johann Georg I. auch so gesehen haben, sei dahingestellt.

Das Ende dieses Dreißigjährigen Krieges mit den Friedensschlüssen in Münster und Osnabrück war nicht nur auf allseitige Erschöpfung zurückzuführen, sondern auch auf politisches Handeln, das den Ausgleich suchte. Und auch das haben die Künstler gefeiert!

Die Ausstellung Bellum et Artes
Sachsen und Mitteleuropa im Dreißigjährigen Krieg

8. Juli 2021 bis 4. Oktober 2021
Residenzschloss Dresden

Öffnungszeiten:
täglich außer dienstags, 10-17 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | 07. Juli 2021 | 19:00 Uhr

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