Bergbau Faszination Mondlandschaft: Der Tagebau in der Bildenden Kunst

Der Abbau von Braunkohle ist ein gewaltiger Eingriff in die Natur. Wo früher Felder, Wälder und teilweise auch Dörfer standen, lassen Tagebaulöcher kraterähnliche Mondlandschaften zurück. In der mitteldeutschen Braunkohleregion haben sich davon zahlreiche Bildende Künstler wie etwa Hanno Rauch, der Vater von Neo Rauch, oder die Malerin Barbara Raetsch inspirieren lassen. Ein Überblick über den Einfluss das Tagebaus auf die Bildende Kunst.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gibt wohl keinen brachialeren und bildgewaltigeren Eingriff in die Natur als den Tagebau: die Landschaft als Mondlandschaft, die Erde offen verwundet. Das hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Künstlerinnen und Künstler in den mitteldeutschen Braunkohlerevieren inspiriert.

Performance im stillgelegten Tagebau

Ein angestrahlter Abraumbagger
Der mit Scheinwerfern angestrahlte Abraumbagger in der Performance "Abraumbrücke 18" Bildrechte: Sylvia-Schade

Vor mehr als 20 Jahren zum Beispiel gab es ein riesiges Spektakel mitten im Zwenkauer Tagebau: die Performance "Abraumbrücke 18". Dutzende Tänzerinnen und Tänzer in weißen Einmalanzügen bewegten sich in der Tagebaulandschaft. Hinter ihnen stand noch ein riesiger Abraumbagger. Festgehalten wurde das Ganze auf Video.

Einer der Initiatoren, der Leipziger Architekt Gunnar Volkmann, erinnert sich, wie der 500 Meter lange, liegende Koloss im Hintergrund mit Scheinwerfen angestrahlt wurde. "Das war schlussendlich auch das Abschiedsbild, wo der Bagger dann noch einmal leuchtete, vor diesem dunklen Tagebau." Das Areal war damals gerade stillgelegt worden. "Diese Stille und eine vollkommen künstliche Landschaft, die sich extra terrestrisch befinden könnte, das war extrem faszinierend", sagt Volkmann.

Mehrere Menschen in weißen Einmalanzügen bei einer Choreographie.
Es wirkt fast, als wären sie auf dem Mond: Menschen in Einmalanzügen performten im Zwenkauer Tagebau, kurz nach dessen Stillegung Bildrechte: Uwe-Frauendorf

Tagebau in der Bildenden Kunst

Die Tagebaulandschaft diente so einigen Künstlerinnen und Künstler als Inspirationsquelle. Der Maler Alfred Ahner dokumentierte um die Mitte des 20. Jahrhunderts den Abbau rund um Altenburg. Hanno Rauch, Vater von Neo Rauch, fertigte etwa zur gleichen Zeit Landschaftsstudien in den Tagebauen rund um Leipzig an. Und in der Lausitz malte Barbara Raetsch in den 80ern gleich mehrere Monate in einem stillgelegten Tagebau Ölgemälde.

Eines dieser Werke hängt aktuell im Weimarer Schiller-Museum in der Sonderausstellung "Ich hasse die Natur", die sich mit dem spannungsvollen Verhältnis zwischen Mensch und Natur beschäftigt. Kurator Thomas Schmuck sagt: "Es ist - wenn ich das mal so sagen darf - kein typisches DDR-Bild. Weil es eher nicht Produktionszahlen oder den Fortschritt in der Gewinnung von irgendwelchen Rohstoffen glorifiziert, sondern eigentlich eine zerstörte Landschaft zeigt – eine ausgeräumte Landschaft, eine nicht sehr anheimelnde Landschaft."

Raetsch zeigt in ihrem Bild, wie das Tagebauloch einen Querschnitt des Untergrunds freilegt. Eine Erdschicht nach der anderen wird sichtbar. Ein winziger gelber Bagger verliert sich geradezu in der Landschaft. Barbara Raetsch erinnert sich noch genau, wie das damals war: "Der stillgelegte Tagebau mit seinen geradezu abstrakten Formen und diesen spröden Farben, von Grau über Ocker bis fast schon zum Schwarz."

Ölgemälde einer Tagebaulandschaft
Künstlerin Barbara Raetsch malte monatelang in einem stillgelegten Tagebau. Bildrechte: Barbara Raetsch, Große Tagebaulandschaft, 1982, Leihgabe des Kunstfonds, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Herbert Boswank

Die Künstlerin wollte unbedingt abbilden, was sie sah, und nicht zuallererst Kritik üben. "Einfach nur mit erhobenem Zeigefinger an ein Thema rangehen, sowas habe ich nie gemacht, sondern immer nur wenn das Bedürfnis da war, mich mit einem Thema künstlerisch auseinanderzusetzen. Natürlich war dann das Ergebnis – auch wenn es nicht beabsichtigt war – schon auch ein Ergebnis, das seine kritische Seite hatte."

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Faszination und Entsetzen

Über die Jahre lässt sich gut beobachten: Wenn Künstlerinnen und Künstler sich dem Tagebau widmen, dann aus einem Wechselspiel an verschiedenen Motiven. Da ist einerseits die pure Faszination für diese gewalttätig geformten Landschaften, die – in einen rosa Sonnenuntergang getaucht – durchaus auch mal wirken können wie ein romantisches Gemälde von Caspar David Friedrich. Andererseits ist da das Entsetzen über den Raubbau an der Natur und das sich Einmischen wollen mit eigenen künstlerischen Mitteln.

Nach und nach machen die Tagebauen neuen Seenlandschaften Platz. Die Abraumbagger werden abgerissen, die Tagebaukrater verschwinden im Wasser. Zurück bleiben Landschaften, die natürlich wirken und es doch nicht sind. Und auch das ist wieder Inspirationsquelle für Kunstschaffende aus der Region.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Juli 2021 | 07:10 Uhr

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