NÄCHSTE GENERATION Körper als Skulpturen: Haben wir ein Selbstoptimierungs-Problem?

Die Leipziger Künstlerin Jantje Almstedt setzt sich in ihren Installationen mit der neuen Scham vor Natürlichkeit auseinander. Der eigene Körper soll perfekt trainiert und glatt rasiert bei Instagram präsentiert werden. Haare, Schweiß, Fett und Falten haben da keinen Platz. Was macht das mit Personen und mit der Gesellschaft?

Jantje Almstedt wurde 1988 in Dagobertshausen geboren und studierte Kommunikationsdesign und Keramik u.a. an der Burg Giebichenstein in Halle/Saale. Bildrechte: MDR/Sabrina Gebauer

Ein Stück brauner Ton klatscht auf die Töpferscheibe in Jantje Almstedts Atelier in Leipzig. Daraus formt sie Muskelmasse, einen Torso für ihre aktuelle Installation zum Thema Bodybuilding – einem Sport, bei dem der eigene Körper als Skulptur wahrgenommen und ausgeformt wird.

"Zwei Drittel der Jugendlichen fühlen sich in ihren Körpern nicht wohl irgendwie. Jeder siebte ist in einem Fitnessstudio angemeldet. Das sind immense Zahlen und für ganz viele Menschen ist es halt einfach ein Thema, sich in ihrem Körper nicht richtig wohl zu fühlen", so die Künstlerin.

Das Bodybuilding an sich ist natürlich eine extreme Form davon, den Körper dann wirklich auf ein Ideal so hin zu optimieren. Ich finde es spannend, weil man in diesen Körpern der Bodybuilder einfach einen immensen Innendruck auch spürt.

Jantje Almstedt, Künstlerin

Jantje Almstedt
Mit ihren Skulpturen versucht die Künstlerin, den Druck darzustellen, unter den sich Menschen mit ihren Körpern stellen. Gefördert wird sie derzeit von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Bildrechte: MDR/Sabrina Gebauer

Diesen Druck macht die 33-Jährige in ihren Skulpturen sichtbar: Da sind Tonfiguren, die von Therra-Bändern gefesselt sind oder Tonmassen, die sich zwischen Stangen herauspressen. Diese Skulpturen sollen Teil ihrer Installation werden. Insgesamt wird diese an einen Calesthenics-Platz erinnern, also einen Outdoor-Trainingsplatz mit Gerüsten aus Metall, an denen Menschen trainieren können.

Fitness als Symbol für die Gesellschaft

Während es in den 80er-Jahren beim Bodybuilding vor allem darum gegangen sei, viel Masse aufzubauen, gehe der Trend heute zur Funktionalität, also u.a. den Calesthenics-Plätzen, wo die Muskelfunktion im Mittelpunkt stehe. Almstedt sieht darin ein Sinnbild für die heutige Gesellschaft: "Im Endeffekt soll der Körper möglichst leistungsstark sein. Der Körper ist ja quasi wie das erste Aushängeschild."

Man symbolisiert mit dem Körper: Ich bin bereit, ich bin stark, ich bin kontrolliert. Ich bin jederzeit für alles zu haben, ich bin für den Arbeitsmarkt voll verfügbar.

Jantje Almstedt, Künstlerin

Im Umkehrschluss bedeute das für Leute, die aus biologischen, psychischen oder anderen Gründen keinen trainierten Körper hätten, oft eine Diskriminierung. "Weil denen sozusagen vorgeworfen wird, dass sie faul wären, dass sie unkontrolliert sind, dass sie gierig sind. Und da will ich eine Sensibilisierung schaffen."

Jantje Almstedt
Die Inspirationswand im Atelier der Künstlerin im Leipziger Stadtteil Böhlitz-Ehrenberg. Bildrechte: MDR/Sabrina Gebauer

In der Rauminstallation will sie auch Spiegel aufstellen, sodass das Publikum sich selbst reflektiert und Teil des Kunstwerks wird – genau das macht das Medium Rauminstallation für die Künstlerin so attraktiv: "Man wird komplett davon umgeben, also man kann sich eigentlich gar nicht mehr davon distanzieren."

Über das Format "Nächste Generation"

Das dokumentarische Format "MDR KULTUR – Nächste Generation" nimmt die Arbeit junger Kulturschaffender aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in den Blick. Die Werke der Künstlerinnen und Künstler wollen Debatten anregen, verschiedene Aspekte unserer Gesellschaft, wie Gleichberechtigung oder Klimakrise, kommentieren und gleichzeitig Ideen für die Zukunft entwerfen.

Nippel werden zensiert, Sextoys frei verkauft

Jantje Almstedt hat generell das Gefühl, dass Körper in der Öffentlichkeit selten einfach natürlich gezeigt werden. "Da gibt es, glaube ich, eine wachsende Scham auch auf Instagram und so weiter. Es ist total schwierig: Man kann gar nicht jetzt mal eine weibliche Brust mit einem Nippel zeigen. Selbst in einem künstlerischen Aufnahmen werden Nippel sofort zensiert, was irgendwie verrückt ist." Auf der anderen Seite gehe man heute ganz offen beispielsweise mit Sexualität um: Sextoys könne man in jeder Drogerie kaufen, in der Werbung wird viel nackte Haut gezeigt.

Wir sind irgendwie in so einem perfiden Zustand zwischen Offenheit und Prüderie.

Jantje Almstedt, Künstlerin

Diesen Kontrast versucht sie in einer weiteren Installation darzustellen, an der sie aktuell arbeitet: "Touch Me" heißt sie. Dafür baut sie übergroße, bunte Sextoys aus Ton und kontrastiert sie mit Stoffbahnen, auf die Bilder von Hautfalten, Schweiß, oder Haaren zu sehen sind: "Um eben zusammenzubringen, diese quasi Natürlichkeit von Körper und dann aber so eine ganz starke Künstlichkeit dagegen zu setzen, in diesem absolut glatten und ja bunten leuchtenden Sextoys, die eigentlich so gar nichts Körperliches haben. Also die mehr aussehen wie Kinderspielzeug oder das neue iPhone."

Text auf Bild 8 min
Bildrechte: MDR/Sabrina Gebauer

Lieber mal eine Körperparty feiern

Die Installationskünstlerin wünscht sich, "dass wir als Gesellschaft uns auch dahin entwickeln, dass wir einfach die Schönheit in jedem Körper sehen können. Einfach daran, dass sich zum Beispiel ein Mensch in einem Körper wohlfühlt und irgendwie gerne bewegt, dass wir uns alle einfach in unseren Körpern wie sie sind wohlfühlen können, keine Diskriminierung erfahren, andere Menschen wertschätzen können, ja und einfach ganz authentisch mit uns sein können."

In ihrem nächsten Projekt soll es um Body Positivity gehen. Dafür will sie verschiedene Skulpturen bauen mit Hautrollen, Fettmassen, Muskelmassen, ganz dünnen Körpern, dicken Körpern, mit Haaren oder ohne Haare. "Da will ich wirklich einfach die ganze Dimension von Körpern zeigen und sozusagen eine kleine Körperparty schmeißen."

Ausstellungen von Jantje Almstedt:

Bodybuilding-Installation in Halle
im Rahmen der Ausstellung "Graduiert präsentiert" der Burg Giebichenstein,
12. Oktober bis 7. November 2021

Adresse:
Burggalerie im Volkspark
Schleifweg 8a, 06114 Halle (Saale)

Öffnungszeiten:
Eröffnung am 12. Oktober 2021, vorraussichtlich ab 18 Uhr
13. Oktober bis 7. November 2021, täglich 14 bis 19 Uhr


Sextoy-Installation "Touch Me" in Leipzig,
15. bis 31. Oktober 2021

Adresse:
Co-Working Space
Arthur-Hoffmann-Straße 60
04107 Leipzig

Öffnungszeiten:
Eröffnung 15. Oktober 2021, 19 Uhr
Freitags und Samstags, 16 bis 22 Uhr
Sonntags, 14 bis 20 Uhr


Literatur zum Thema:
Jörg Scheller: Body-Bilder. Digitale Bildkulturen
Sachbuch (2021)
Verlag Klaus Wagenbach
80 Seiten, Broschiert
ISBN: 978-3-8031-3704-3

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