Von der Belle Époque bis in die 60er-Jahre Kunstsammlungen Chemnitz zeigen Plakatkunst: "Achtung Werbung!"

Das Werbeprinzip "Sex sells" ist schon sehr alt. 1891 war es, als der französische Grafiker und Drucker Jules Chéret erstmals eine junge Frau verführerisch ins schummrige Licht einer roten Lampe zauberte, um sie für Sicherheits-Petroleum werben zu lassen. Später ging es auf Werbeplakaten eher sachlich zu. Wie sehr sich Werbung in den vergangenen 150 Jahren verändert hat, zeigt die Ausstellung "Achtung Werbung" in Chemnitz – mit Plakaten von der Belle Époque bis in die 60er-Jahre.

Maciej Hibner, Plakat für Sopot, Polen, 1963 4 min
Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz

Der Ursprung der modernen Plakatwerbung kommt aus Frankreich. Die einzigartige Verbindung von künstlerischer Grafik und Werbebotschaft löste aber schnell auch andernorts Begeisterung aus. Über 6.000 Werbeplakate der frühen und späteren Jahre werden im Archiv der Kunstsammlungen Chemnitz gehütet. Die Schönsten werden nun gezeigt. In einer chronologischen Auswahl von der Belle Époque bis in die 60er-Jahre.

Künstlerplakate made in France – nun in Chemnitz

Darunter finden sich echte Kunstwerke, Ikonen dieses Genres. Vor allem die Plakate aus der Zeit um 1900, dem frühen Jugendstil, sind brillant. Alfons Mucha zeigt die französische Schauspielerin Sarah Berhardt in einem pittoresken Blumenmeer in ihrer Glanzrolle als Tosca. Eine Göttin schaut da mit einem Blick voller Erotik herab auf den Betrachter. Wie zu hören, wurden solche Motive damals nicht selten von den Plakatwänden gerissen.

Zu sehen ist ein Plakat für Monaco, geschaffen von Alfons Maria Mucha: eine Frau im hellen Gewand kniet zwischen floralen Mustern und schaut nach oben.
Alfons Maria Mucha, Plakat für Monaco, Monte-Carlo, 1897 Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz

Auch in Deutschland erlebte das Künstlerplakat schon früh seine große Zeit, die auch große Namen hervorbrachte. Ludwig Hohlwein etwa, den die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Antje Neumann-Golle als "den König der Plakatkunst" bezeichnet. Ein Mann, der mit seinen eleganten und technisch raffiniert gestalteten Motiven stilprägend wurde. Und seine Plakate ganz selbstbewusst signierte, seinen Namen dem zu bewerbenden Produkt oder Anbieter sozusagen gleichstellte.

Julius Klinger hingegen setzte gern auf subtilen Witz. Wenn er zum Beispiel einen Tucan für Krawatten werben ließ, die er im Schnabel hält. All die Farbe, die der Vogel sonst selbst auf dem Schnabel und Gefieder trägt, ist dabei in die Krawatten übergegangen.

Die neue Sachlichkeit auf dem Plakat

Ein anderer Trend ging hin zur Reduktion. So zeigte der dritte Mann unter den deutschen Werbegiganten der wilhelminischen Zeit, Lucian Bernhard, gerne nur noch das Produkt und den Namen seines Herstellers. Seien es Gummigaloschen oder Zündkerzen. Sein Kollege Julius Klinger reduzierte später alles nur noch auf den bloßen, freilich kunstvoll gestalteten Schriftzug mit dem Produktnamen. So bei den Plakaten für "Tabu", ein Zigarettenpapier, das man in den 1920er-Jahren noch ganz ohne den Hinweis, das Rauchen tödlich ist, bewerben konnte.

Zu sehen ist ein Plakat von Julius Klinger für Tabu, aus dem Jahr 1919: Der Kopf und Teile des Oberkörpers sind mit scharfen Kanten dargestellt, alles ist in braunen und schwarzen Farben  dargestellt. In der Mitte findet sich der Schriftzug "Tabu".
Julius Klinger, Plakat für Tabu, 1919 Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz

Der Schwerpunkt der Ausstellung bezieht sich auf die frühen Jahre der Plakatwerbung. Doch auch die 60er-Jahre sind präsent und bieten schöne Möglichkeiten des deutsch-deutschen Vergleichs. Etwa bei Plakaten, die für erholsames Reisen mit der Deutschen Bundesbahn oder den Frühjahrsurlaub mit dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund werben.

Wintersport und Winterdienst

Ganz am Ende der Ausstellung fällt ein besonderer Vogel ins Auge. Ein Pinguin, der auf einem Plakat als eleganter Skispringer über einer mondänen Alpenlandschaft für den Wirtschaftswunder-Urlaub in der Schweiz wirbt. Und gleich nebenan hängt ein Artgenosse aus dem realexistierenden Sozialismus der 60er-Jahre. Der auf Glatteis ins Rutschen gekommen ist. Gehstock und Pudelmütze sind ihm entglitten, und die Botschaft des Plakats an den Betrachter lautet schlicht: "streut". Wir halten fest: Werbung muss nicht nur dem Konsum dienen.

Zu sehen ist ein Plakat von Hans Schilter, für Stoos, Schweiz, 1957: ein Pinguin auf Skiern und mit Stöcken fährt einen Hand hinunter. Im Hintergrund sieht man eine verschneite Landschaft.
Hans Schilter, Plakat für Stoos, Schweiz, 1957 Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz

Mehr Informationen zur Ausstellung "Achtung Werbung! Plakate von der Belle Époque bis in die 1960er Jahre"
bis 20. Februar 2022

Kunstsammlungen Chemnitz
Theaterplatz 1
09111 Chemnitz

Öffnungszeiten:
Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr
Mittwoch 14 bis 21 Uhr

Der Besuch ist unter Einhaltung der aktuellen Corona-Schutzverordnung (2G-Regel, Tragen einer FFP2-Maske) möglich.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Januar 2022 | 06:15 Uhr

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