Sonderausstellung Mit Kunst gegen Google und Waffensysteme: Der Chemnitzer Simon Weckert

Mit wenigen Handys trickste er Google aus und zog weltweit Aufmerksamkeit auf sich. Mit seinen Arbeiten hinterfragt der Künstler Simon Weckert unser Verhältnis zu Technologie, Big Data und Künstlicher Intelligenz. Geboren wurde der Ausnahme-Künstler im heutigen Chemnitz. Die Kunstsammlungen widmen ihm daher bis zum 9. Januar 2022 eine Sonderausstellung.

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"Time Warp" ist eine Video-Arbeit von Simon Weckert. Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Nur mit einem Handwagen, der mit 99 Smartphones beladen ist, sind Simon Weckert und sein Kumpel in Berlin unterwegs. Bei allen Handys ist Google-Maps aktiviert. Und plötzlich denkt der Algorithmus, da bewegen sich 99 Autos sehr langsam. "Nach einer gewissen Zeit haben wir gemerkt: Interessant, die Straße färbt sich gerade rot", erinnert sich der Künstler. Rot heißt Stau und deswegen leitet die App den Verkehr um. Dieses Video ist eine Kunstaktion – und ein Hack, der um die Welt geht.

Simon Weckert
Simon Weckert Bildrechte: Simon Weckert

Denn mit diesem Video triumphiert der Künstler über den mächtigen Algorithmus des Weltkonzerns Google. Und er hält uns als Gesellschaft den Spiegel vor: wie sehr wir zu Marionetten der Online-Dienste geworden sind und der Technik Macht über unser Leben geben. "Als erstes generieren oder bauen wir Technologie und danach verändert die Technologie uns", bringt es Weckert auf den Punkt. "Das ist ein Satz, den ich sehr verinnerlicht habe und bei dem ich selber merke, wie ich mein Denken und Handeln immer mehr der Technologie anpasse – obwohl es eigentlich anders sein sollte. Das muss als allererstes ich für mich selbst verstehen, was das mit mir macht. Aber ich habe auch den Drang, diese Geschichten weiterzuerzählen."

Ein Mann zieht einen Handwagen über eine leere Straße.
Mit einer Aktion legte Simon Weckert Google herein und wurde berühmt. Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Googles Weltbild hinterfragen

In einem Werk zeigt Weckert, wie der Kartendienst Google Maps umstrittene Grenzverläufe unterschiedlich anzeigt, je nachdem von welchem Land aus man sich einloggt. Mal gehört dieses Gebiet zu Indien, dann ist es plötzlich chinesisch – abhängig vom Zugriffsstandort. Das Kunstwerk zeigt, wie Grenzen im digitalen Raum plötzlich veränderbar, mehrdeutig, fragil werden können.

Um diese Grenzfälle aufzuspüren, hat Simon Weckert ein Programm geschrieben. Aber: Ist das Kunst? "Programmieren ist ein kreativer Prozess. Und genau das habe ich gemacht", stellt der Künstler klar. "Im Endeffekt habe ich ein Programm geschrieben, das alle Ländergrenzen abgescannt hat mit dem Blick von den verschiedenen Google-Maps-Versionen. Das ist vergleichbar mit Skizzen oder Zeichnungen anfertigen. Der kreative Prozess ist auf jeden Fall dasselbe, der im Kopf stattfindet."

Kunstinstallation Google Borders - Simon Weckert
In einer Installation zeigt Simon Weckert, wie politisch Google ist. Bildrechte: Collage: VG Bild-Kunst

Wie der Chemnitzer das Programmieren entdeckte

Der 32-Jährige verbindet das Programmieren und Hacken mit künstlerischem Ausdruck. Er hebt die Technik in einen neuen Kontext und schafft an dieser Schnittstelle digitale Kunst – die gesellschaftskritische Botschaften transportiert. Beispielsweise durch einen Riesen-Kasten mit acht Fächern als Metapher für unsere hyperfunktionalen Smartphones.
Es ist eine unhandliche Kiste, die im Großen zeigt, wie viel Ballast wir in unseren kleinen Geräten mitschleppen. Es sind Geschichten aus der digitalen Welt – in der Simon Weckert aufgewachsen ist.

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"Time Warp" ist eine Video-Arbeit von Simon Weckert. Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

"Bis ich 18 oder 19 Jahre alt war, habe ich in Chemnitz gelebt und bin viel in der Kulturszene auch unterwegs gewesen." Dort fängt Weckert an, digitale Kunst zu machen. "Es ging schon los damit, eigene Partys zu machen. Dann habe ich irgendwann eigenen Sound gemacht. Dann hatte ich Lust eigene Visuals zu machen – also Projektionen für die Veranstaltung. Da bin ich in so eine Programmiersprache reingerutscht, bei der ich gemerkt habe, hier kann man selber diese Visualisierungen live zur Musik programmieren. Darüber bin ich in die Kunstrichtung gekommen."

Zwischen Mensch und Maschine

Gesichter
In "This [] Does Not Exist" lässt Weckert künstliche Gesichter erschaffen. Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Ekstatisch flirrende Bilder treffen auf philosophische Fragen. In einer weiteren Arbeit zeigt der Künstler mehrere Gesichter, die er alle selbst erschaffen hat – real ist keines von ihnen. "Diese Arbeit ist so programmiert, dass ich zwei reelle Gesichter genommen habe, um dieses Netzwerk zu trainieren. Aber die Personen, die in der Arbeit selbst zu sehen sind, existieren im reellen Leben gar nicht. Dieses Netzwerk stellt sich im Endeffekt vor – man sagt auch, dass es träumt – wie könnte eine Person aussehen."
Was wie eine technische Spielerei wirkt, zeigt, wie sich die Gewissheit, was real ist und was fake, im digitalen Raum immer mehr auflöst. "Können wir diesen Bildern, die wir auf unseren digitalen Displays sehen, noch vertrauen? Inwieweit müsste ich eigentlich so ein Content vorher prüfen, bevor ich so was überhaupt als glaubwürdig einstufen kann?", fragt Weckert kritisch.

Trompete, Fahne, Mikrofonständer
"Zapfenstreich" ist ein Kommentar auf Automatisierung im Krieg. Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Mit dem Kunstwerk "Zapfenstreich" gelingt ihm ein trotziger Kommentar auf automatische Waffensysteme, die per Knopfdruck aus der Ferne töten. Bei seiner Installation spielt eine Trompete automatisch die Zapfenstreich-Melodie – ein Festakt für den abwesenden Soldaten durch die Maschine, die zuvor schon das Töten übernommen hat. Der Mensch hat das System verlassen, er taugt nur noch als Opfer.
Das ist vielleicht nicht sehr subtil, aber eindringlich. Simon Weckert findet starke Bilder für komplexe Zusammenhänge. Er erzählt mit seiner Kunst die gespenstische Digitalisierung der Welt konsequent zu Ende. Und er stellt die Frage, ob wir mit diesen Konsequenzen leben wollen.

Informationen zur Ausstellung Die Einzelausstellung "Ubuntu – The other me!" ist noch bis zum 9. Januar 2022 an den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen.

Museum Gunzenhauser
Stollberger Straße 2
09119 Chemnitz

Öffnungszeiten:
Dienstag und Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr
Mittwoch von 14 bis 21 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 14. Oktober 2021 | 22:05 Uhr