"Zwischen Skyline und Latrine" Chemnitzer Ausstellung zeigt, wie spannend Städtearchäologie sein kann

Chemnitz ist auf dem Weg zur europäischen Kulturhauptstadt – und auch das dortige Staatliche Museum für Archäologie (smac) ist mit seiner neuen Schau involviert: "Die Stadt. Zwischen Skyline und Latrine" ist eine archäologische Tiefenbohrung über die Bedeutung von Städten. Ausgehend von der Stadtarchäologie im Freistaat sollen hier urbane Prozesse erlebbar werden, die auch in anderen Teilen der Welt zu der Entwicklung der unterschiedlichsten Metropolen geführt haben.

Guckkastenbild von Meißen, 1770  4 min
Bildrechte: Stadtarchiv Meißen

Am Anfang steht das mythenträchtige Lackprofil. Bei dem Lackprofil handelt es sich um den archäologischen Schnitt durch die Erdschichten. Man sieht hier in einem gläsernen Kasten die freigelegten geologischen Schichten der Stadt Bautzen, die vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichen. Und die wiederum sind die Überreste der verschiedensten Katastrophen, erklärt Jens Beutmann, Kurator der Schau und Ausstellungsleiter am smac:

"Zerstörungsschichten schlagen sich immer am stärksten nieder: Kriegszerstörungen, Brandhorizonte – das sind genau die Dinge, die starke Spuren hinterlassen. Das ist das, was dem Archäologen in einem sogenannten Profil am stärksten auffällt. Für den Archäologen oft ein Glücksfall, weil in diesen plötzlichen katastrophalen Ereignissen – Pompeji ist das ganz klassische Beispiel – ein Zeitschnitt konserviert wird."

Die Herausbildung erster Skylines

Das archäologische Profil konserviert die Spuren der Vergangenheit. Erdschicht türmt sich auf Erdschicht – und so entsteht eine ungeheure Verdichtung der menschlichen Geschichte unter der Oberfläche. Zugleich aber wachsen die Städte auch im Verlauf der Jahrhunderte immer mehr in die Höhe. Und so bildet sich langsam so etwas wie eine Skyline heraus. So zum Beispiel bei der Stadt Meißen. Seit dem Mittelalter ist hier eine unverwechselbare Silhouette entstanden, die dann im 16. Jahrhundert immer mehr an Strahlkraft gewonnen hat, weiß Katja Manz, Geografin und Kuratorin der Schau:

Älteste Stadtansicht Meißens, Holzschnitt Hiob Magdeburg, 1558, Meißen
Älteste Stadtansicht Meißens, Holzschnitt Hiob Magdeburg, 1558. Bildrechte: Stadtarchiv Meißen

"Wir haben hier die älteste Stadtansicht, ein Holzschnitt aus dem Jahr 1558. Auch da sieht man schon den Burgberg und die Brücke. Weiter sieht man, wie die Stadtansicht zur Massenware wird. Inspiriert wurden natürlich auch Künstlerinnen und Künstler, die ganz klassisch auf dem Meißner Porzallen Stadtansichten gezeichnet haben."

Die Skyline auf Meißner Porzellan – so sieht es aus, das Stadtmarketing im Barock-Zeitalter.

Mittelalterliche Latrinen als verborgene Speicher

Die Städte sind also Orte der Verdichtung – und die kann man auch ablesen an der Höhe ihrer Häuser. Aber auch unter der Erde liegen die Orte der Verdichtung. Und das wiederum verkörpern die mittelalterlichen Latrinen. Wie zum Beispiel auch eine Latrine aus Dresden aus dem 16. Jahrhundert, deren Bedeutung Jens Beutmann hervorhebt:

Funde aus einer Dresdner Latrine. um 1600, Fundort: Dresden, Breite Str. 12 (heute Altmarktgalerie)
Funde aus einer Dresdner Latrine um 1600. Bildrechte: Landesamt für Archäologie Sachsen

"Latrinen sind ein typisches Merkmal der Stadtarchäologie. Man findet immer auch Latrinen, in die nicht nur die Fäkalien, sondern alle Abfälle hineingeworfen wurden. Man hat ein breites Spektrum von Hausgegenständen: Zum Beispiel haben wir eine große Anzahl an Ofenkacheln gefunden, auf denen der Name 'Endres der Heffer' steht, der Mitte des 16. Jahrhunderts Hoftöpfer in Dresden war – einer, der so bekannt war, dass er seinen eigenen Namen auf die Kacheln brachte, weil das offensichtlich sein Markenzeichen war."

Überreste der Kulturhauptstadt Chemnitz

Die Latrine als verborgener Speicher der Stadtentwicklung – mit faszinierenden Fundstücken aus den verschiedensten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Und so stellt sich zugleich auch die Frage, was denn die Archäologen in den kommenden Jahrhunderten ausbuddeln werden – zum Beispiel von der Kulturhauptstadt Chemnitz des Jahres 2025? Die Antwort von Jens Beutmann fällt vieldeutig aus.

Modell von Chemnitz und seinen Vorstädten um 1760, ca. 1960 gebaut
Modell von Chemnitz und seinen Vorstädten um 1760 – welche Zeugnisse werden die modernen Gesellschaften hinterlassen? Bildrechte: László Tóth, Kunstsammlungen Chemnitz, Schloßbergmuseum

"Vor 20 Jahren hätte ich die Frage mit 'Müllkippen' beantwortet. Da findet sich der ganze Zivilisationsschutt. Aber heutzutage wird der Müll größtenteils verbrannt. Ich habe den Verdacht, von uns findet man vielleicht gar nicht mehr so viel, es sei denn, es kommt zu irgendwelchen Katastrophen und Städte werden zerstört und gehen völlig ein – dann wird man deren Ruinen finden. Aber wenn unsere Zivilisation so weiter geht wie die letzten 800.000 Jahre, dann kann ich mir vorstellen, dass von uns an materieller Kultur gar nicht so viel übrig ist."

Im Zeitalter von Müllverbrennung und Mülltrennung verschwinden die Zeugnisse unserer Kultur. Ein veritabler Horror für die Geschichtswissenschaft und die Archäologie. Und so ist auch dieser Aspekt einer der zahlreichen Denkanstöße, der die Chemnitzer Schau bereithält – bei diesem essayistischen Ausflug in die Stadtentwicklung der vergangenen Jahrhunderte. Und von den Gipfeln der Skyline bis hin zu den Tiefen der Latrine – da bietet sie auch immer wieder überraschende Perspektiven.

Blick in die Ausstellung. Sie ist einer Stadt nachempfunden, mit Häuserschluchten, Freiflächen und einem zentralen Platz, der hier zu sehen ist.
Ein Blick in die digitale Ausstellung. Sie ist einer Stadt nachempfunden, mit Häuserschluchten, Freiflächen und einem zentralen Platz, der hier zu sehen ist. Bildrechte: LfA/smac, Johannes Richter

Informationen zur Ausstellung Die Ausstellung "Die Stadt. Zwischen Skyline und Latrine" ist bis zum 26. September 2021 zu sehen.

Adresse:
Staatliches Museum für Archäologie (smac)
Stefan-Heym-Platz 1,
09111 Chemnitz

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen: 10 bis 18 Uhr
Donnerstag: 10 bis 20 Uhr
Montags geschlossen (außer an Feiertagen)
geschlossen am Karfreitag, 24./25./31. Dezember und 1. Januar

Eintrittspreise:
regulär 7 Euro
ermäßigt 4 Euro
Familien 10 Euro
Eintritt frei für Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. April 2021 | 07:10 Uhr

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