Bildgeschichte Zurück "Am Strand" von Usedom: Womacka und das berühmteste Paar der DDR

Es ist bis heute eines der populärsten und umstrittensten Ost-Gemälde: "Am Strand" von Walter Womacka (1925-2010). Dabei sieht es eigentlich ganz harmlos aus – das berühmteste Paar der DDR am Ostseestrand. Vor 60 Jahren begann die beeindruckende Karriere des Werks auf der 5. DDR-Kunstausstellung in Dresden. Walter Ulbricht bekam es später geschenkt und schenkte es weiter. Nach der Wende landete es im Depot der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, um triumphal wiederaufzutauchen. So wie ein lange unbekannter "Zwilling", heute zu sehen am authentischen Ort auf Usedom in einer kleinen Schau, arrangiert vom Womacka-Freundeskreis e.V.. Die einen werden sentimental vor diesem Gemälde, andere – wie der Leipziger Künstler Maix Mayer – fühlen sich provoziert.

Gemälde "Am Strand": Im Hintergrund schlagen Wellen auf den Strand. Im Vordergrung liegt ein Mann in rotem Hemd und blonden Haaren auf dem Bauch und stützt sich auf den Armen ab. Daneben sitzt eine Frau in blauer Hose und rotem Hemd, mit brauner Föhnfrisur, das rechte Knie an die Brust gezogen.
Walter Womackas Gemälde "Am Strand" ist das meistreproduzierte Gemälde aus DDR-Zeiten Bildrechte: Walter Womacka

Auf Usedom und auf schmalem Grat – zwischen Küste und Bodden –, zwei Etagen über Fitness und Wellness, befindet sich der Galeriebereich des Hotels Seerose am Kölpinsee. Dort zu sehen ist ein berühmtes Paar: "Am Strand".

Der Freundeskreis Walter Womacka hat die kleine Dauerausstellung eingerichtet, ein provisorisches Refugium für Bilder des 2010 gestorbenen Künstlers. Vorsitzender Gerd Schulz erklärt dazu: "Das ist ein sehr authentischer Ort, weil viele Bilder, Strandbilder, unmittelbar bei uns vorm Haus entstanden sind, praktisch 20 Meter von der 'Seerose' entfernt." Entstanden ist "Am Strand" 1962. Auf der 5. DDR-Kunstausstellung in Dresden war dieses Bild des damals 37-jährigen Malers, der unter anderem in Weimar und Dresden studierte, für zwei Drittel der Besucher das beste.

"Kein Zweifel, in diesem stimmungsvollen Bild 'Am Strand' wagte sich Walter Womacka mit Erfolg an die zeitgemäße Gestaltung des ewigen Themas junger Liebe", hieß es auch in der offiziellen Berichterstattung des Deutschen Fernsehfunks (DFF).

Ein Hotelkomplex am Strand
Am authentischen Ort zeigt das Hotel Seerose auf Usedom das zweite Original von Womacka. Bildrechte: artour / MDR FERNSEHEN

Womacka im Hotel: Freundeskreis zeigt das zweite Original auf Usedom

Die Karriere des Bildes beginnt als Geschenk an Walter Ulbricht. Der gibt es an die Dresdner Museen weiter. Es wird als Druck, Postkarte, in Kalendern und Illustrierten drei Millionen Mal gedruckt werden, es hängt in Schulen und Büros. Von einem Sammler aus Taiwan stammt die auf Usedom erstmals gezeigte zweite Version von "Am Strand". Er hatte sie zusammen mit anderen Bildern dem Freundeskreis zunächst geliehen – und dann ein generöses Angebot gemacht, wie Gerd Schulz vom Freundeskreis erzählt: "Nachdem die Ausstellung etwa ein halbes Jahr lief, hat er mir mitgeteilt, dass er uns als Verein die Bilder gerne schenken würde. Und so hab' ich jetzt sozusagen den 'Zwilling' hier im Hotel hängen."

Ein Mann sitzt in schwarzem Anzug und Hemd vor einem Fenster
Gerd Schulz ist Vorsitzender des Womacka-Freundeskreises Bildrechte: artour / MDR FERNSEHEN

Zwei Originale von "Am Strand" und Run auf den "Schnee von gestern"

Walter Womacka hat das Paar "Am Strand" zweimal gemalt. Seine Tochter und sein jüngerer Bruder standen ihm Modell. Partei- und Staatschef Walter Ulbricht, Förderer des Malers, bekam das erste Original 1963 vom Politbüro zum 70. Geburtstag geschenkt und gab es nach Dresden an die Staatlichen Kunstsammlungen.

Die hatten Womacka jedoch schon beauftragt, "Am Strand" noch einmal zu malen. Jetzt brauchten sie das zweite Original nicht mehr, Womacka behielt es. Zuletzt gehörte es einem taiwanesischen Sammler, der es dem Freundeskreis schenkte.

Der Dresdner Galerist Holger John entdeckte es bei einem Usedom-Urlaub im Hotel "Seerose". Er zeigte es 2018 in der Ausstellung "Schnee von gestern", der Ansturm war riesig. Für John wirkt das meistreproduzierte Gemälde aus DDR-Zeiten wie ein "Aushängeschild einer neuen deutschen Jugend nach dem Krieg": "Man suchte damals auch ein neues Menschenbild", erklärte er im MDR-Gespräch.

Womackas "Am Strand": das meistreproduzierte Gemälde aus DDR-Zeiten

Walter Womacka war bekanntlich kein Strandmaler. Er hatte hier seine Datsche und zeichnete die einfachen Fischer, doch er war in Berlin Rektor der Kunsthochschule in Weißensee und langjähriger Vizepräsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR. Er schuf viele Werke für Staatsbauten, etwa den Mosaikfries "Unser Leben" für das Haus des Lehrers am Berliner Alexanderplatz. Bildgewordene Traktate, nur als Denkmal wichtig.

Zu Hause missachtet, in der Welt gefragt?

Als nach 1990 die Ostkunst in die Depots der Museen geschickt wurde, war es freilich eine Genugtuung, dass ein taiwanesischer Geschäftsmann und Mäzen Womackas Bilder erwarb. Zu Hause missachtet, in der Welt gefragt? Die Bildgeschichte von "Am Strand" hat jedenfalls eine asiatische Episode.

Und populär ist es weiterhin, wie sich sowohl bei einer Ausstellung in Dresden als auch auf Usedom zeigte, wie Gerd Schulz erklärt: "Ich erlebe jetzt, dass viele Zugang finden zu dem Bild. Wir haben Drucke verkauft hier im Haus, und der meistgefragte Druck war der vom Bild 'Am Strand'. Und das geht über Alters- oder über Generationengrenzen hinweg und auch über Ost-West."

Geschichten um Walter Womackas Bild "Am Strand"
Womackas Paar "Am Strand" in der zweiten Fassung und zum zweiten Mal aufgelegt als Briefmarke, ein taiwanesischer Sammler schenkte das zweite Original dem Womacka-Freundeskreis. Bildrechte: artour / MDR FERNSEHEN

Leipziger Konzeptkünstler Maix Mayer kontert den roten Pop

Der Fotograf und Konzeptkünstler Maix Mayer befasst sich viel mit jüngerer Geschichte, stellt ihre Relikte in neue Kontexte und probiert neue Perspektiven darauf – auch auf das Paar am Strand: "Das Meer hatte für mich, vom Studium und vom Privaten her, immer eine Bedeutung. Und für viele Leute, die auch gern an die Ostsee gefahren sind, ist das jetzt sozusagen am naheliegendsten, unabhängig mal davon, dass es Womacka ist", sagt Mayer über die Popularität des Bildes, das eigentlich ein unpolitisches gewesen sei.


Und: "Ich habe versucht, das zu kontern, indem ich es überpolitisiere." Mayer überträgt die früheren Bild-Erklärungen in eine neue Ausgabe und dekonstruiert gleichsam, wie Bilder funktioniert haben. Er verleiht in seinen Ausstellungen die alten Reproduktionen und vergleicht den früheren und heutigen Bild-Gebrauch. Und siehe, auch die Bilder verändern sich.

Ein Mann mit weißem Hemd sitzt mit dem Rücken vor seinem Schreibtisch und blickt in die Kamera.
Fotograf und Konzeptkünstler Maix Mayer Bildrechte: artour / MDR FERNSEHEN

In einem anderen Projekt stellt er mit Freunden das Paar in "Am Strand" nach – ein ironisches politisches Statement, das daran erinnert, wie man sich per Ostsee-Trip den offiziösen Berliner Pfingsttreffen entzog. Maix Mayers Serie gibt es – wie das Original und zuletzt auch den "Zwilling" – als Briefmarke, ein weiterer Bezug zum medialen Bilderkult.

Und wenn alle Politik abfällt? Verändert sich das Bild? Es hat Farbe, es lädt ein zu Gefühl. Mit ornamentalen Mündern und Verzeichnungen wird es kein besseres Bild. Drei Akkorde reichen für die Hitparade, aber auch für die Kunstgeschichte? Manch Kritiker erklärt dieses schöne "wahre Leben im falschen" für verlogen. Doch ist es das?

Vier Briefmarken. Auf jeder Marke ist ein Paar mit verschiedenen Frisuren zu sehen.
Maix Mayers Version von Womackas Paar "Am Strand" gibt es als Briefmarke Bildrechte: artour / MDR FERNSEHEN

Womackas Anwesen auf Usedom als Begegnungsstätte?

Die anhaltende Skepsis dürfte verhindern, dass öffentliches Engagement für die Pläne mit dem nach Womackas Tod verlassenen Ferienhaus entsteht. Gerd Schulz vom Freundeskreis würde gerne eine Womacka-Begegnungsstätte schaffen, "wo einerseits sein Atelier sozusagen im Sinne der Erinnerung bleibt und wo andererseits vor allem auch viele junge Künstler, Kunststudenten die Möglichkeit haben, Plainairs durchzuführen. Die Familie steht dem im Moment noch sehr reserviert gegenüber, wir sind da noch in einem Findungsprozess, wenn ich es sehr freundlich formuliere."

Das Haus über dem Strand wäre auch als Luxus-Anwesen zu verkaufen. So klingt der ideologische Kampf mit und um Womacka also in einer Immobilienfrage aus? Für das jetzt sogar doppelte Bild "Am Strand" besteht vorerst keine Gefahr.

Ein Haus mit Reetdach, umgeben von Bäumen.
Womackas Haus über dem Strand auf Usedom Bildrechte: artour / MDR FERNSEHEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 23. Juni 2022 | 22:05 Uhr

Mehr MDR KULTUR