Interview Abschied aus der Schatzkammer: Direktor des Grünen Gewölbes geht in den Ruhestand

1993 kam der Kunstwissenschaftler Dirk Syndram nach Dresden und fand hier seine berufliche Lebensaufgabe: Er konzipierte die Einrichtung des Grünen Gewölbes in den historisch wiederhergestellten Räumen des Dresdner Residenzschlosses. Ausgewählte Exponate präsentierte er in zeitlos modernen Sälen im Neuen Grünen Gewölbe. Mit dem von ihm eingeführten Begriff der Schatzkunst belebte er die wissenschaftliche Diskussion zur Kunst der frühen Neuzeit. In den Folgejahren konnten auch die Türckische Cammer, die Rüstkammer, Kunst um 1600 in der Ausstellung "Weltsicht und Wissen" und 2019 die Paraderäume August des Starken im Dresdner Schloss eröffnet werden. Jetzt verabschiedet sich Dirk Syndram in den Ruhestand. Birgit Fritz, Landesredakteurin für MDR KULTUR in Sachsen, hat mit dem scheidenden Direktor gesprochen.

Der Pretiosensaal im Historischen Grünen Gewölbe im Dresdner Residenzschloß. 25 min
Der Pretiosensaal im Historischen Grünen Gewölbe im Dresdner Residenzschloss. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Als Sie 1993 nach Dresden kamen war der Wiederaufbau des Schlosses bereits beschlossene Sache. Um die Konzeption wurde noch gerungen, auch um das Geld. Die Rüstkammer war noch in der Ostgalerie der Galerie Alte Meister und das Grüne Gewölbe hatte einen Auftritt im Albertinum. Da einzusteigen war für einen 37-Jährigen eine tolle Aufgabe und sicherlich auch eine Herausforderung. War Ihnen damals schon klar, dass das sozusagen Ihre berufliche Lebensaufgabe sein wird?

Dirk Syndram: Nein, aber dass es ein großer Glücksfall ist. Ich bin sehr gerne zum Grünen Gewölbe gekommen und für einen jungen Kunsthistoriker, der ich damals war, war das Grüne Gewölbe auch von der Ferne her eine Offenbarung, weil es wirklich ein Schatzkammermuseum ist. Ich hatte mir schon gedacht, als ich dann Direktor des Grünen Gewölbes wurde: 'Was Besseres kann dir nicht passieren' – und das hat gestimmt.

Hat Sie das Ausmaß der Bestände überrascht? Viele Werke waren ja noch im Depot und hatten einen großen Restaurierungsbedarf. Ein überwältigendes Erbe – war Ihnen das vorher klar?

Das war mir so nicht klar. Ich habe natürlich die sehr schöne von Menzhausen erarbeitete Ausstellung im Albertinum gesehen, die schon versuchte, das historische Grüne Gewölbe – also die barocke Schatzkammer August des Starken – mit Wandteilen anschaulich zu machen und das Ganze in einen Zusammenhang zu stellen. Ich habe mein Büro 1993 noch im Albertinum gehabt und dort eben auch ein Depot. Sie glauben gar nicht, wie viel kleine, wunderschöne Stücke man in einem kleinen Depot zusammenbringen kann. Es hat lange gedauert, bis ich festgestellt habe, was wir alles haben. Heutzutage sind alle von den wirklich wichtigen Objekten ausgestellt, nur ein kleiner Teil ist noch im Depot.

Der Thron des Großmoguls Aureng-Zeb oder Der Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb
"Hofstaat zu Delhi" von Johann Melchior Dinglinger Bildrechte: dpa

Die Aufgabe der ersten sieben, acht Jahre war es gewesen, nicht nur das Museum im Albertinum weiterzuführen, sondern auch die einzelnen Stücke kennenzulernen. Und ich hatte früh die Idee, das Grüne Gewölbe in zwei Teilen zu präsentieren: Einerseits im Historischen Grünen Gewölbe, das möglichst nah herankommen sollte an das, was August der Starke zwischen 1723 und 1729 geschaffen hat. Und dann ein weiteres Museum, das heutige Neue Grüne Gewölbe, in dem die einzelnen Objekte so ausgestellt werden, dass sie sich optimal präsentieren können. Was mir vorschwebte, war eine Präsentation der Objekte, die aus Kunsthandwerk wirklich Schatzkunst gemacht haben. Im Laufe meiner Forschung habe ich gemerkt, dass das, was wir da haben, nicht einfach von einem wohlmeinenden Kunsthandwerker gemacht wurde, sondern so eine Arbeit von Dinglinger, die kostete schnell so viel wie ein ganzes Haus in Dresden.

Bleiben wir beim Begriff der Schatzkunst, den Sie für sehr verschiedene Dinge nutzen: für Nautiluspokale und für komplizierte kleine Automaten – was bringt denn dieser Begriff?

Das Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe im Dresdner Schloss der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
Das Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe. Bildrechte: dpa

Schatzkunst ist schon ein Luxusobjekt, ein Sammlungsobjekt. Bleiben wir bei den Nautilusschalen: Diese kamen von weit her, aus Indonesien. Heute fliegt man hin und am nächsten Tag möglicherweise wieder zurück. Aber damals musste man Wochen und Monate mit dem Schiff dorthin fahren, um überhaupt so etwas als Handelsware zu erlangen. Sie sind dann eben auf den Markt gekommen, sind verziert worden und sehen aus, als seien es Pokale, aus denen man trinken kann. Aber da hat niemand draus getrunken, es waren einfach Objekte des Sammelns, so ähnlich, wie es heute eben Gemälde von Andy Warhol oder von Beuys sind. Etwas, das man in seine Schatzkammer gestellt hat. Diese Schatzkammern waren weit verbreitet und gehörten zum guten Ruf eines jeden Fürsten.

August der Starke hat wie immer übertrieben: Der hatte damals schon die größte Schatzkammer und die ist dann Gottseidank bewahrt worden. Schatzkunst ist eigentlich etwas total Unnützes, wie das goldene Kaffeezeug, aus dem man auch keinen Kaffee trinken sollte, weil man sich die Finger verbrennt oder das Emaille dann kaputt geht. Das ist einfach nur ein Sammelstück. Das ist etwas, was dem bürgerlichen Verstand, der immer einen Nutzen haben will, widerstrebt. (...) Neben der Schatzkunst gibt es auch noch Goldschmiedekunst: Silber- und Goldschmiedearbeiten, die man auch damals bei Tische benutzt hat und die auch im Grünen Gewölbe präsentiert wurden. Aber die Schatzkunst, die tut nur immer so, als wenn man sie benutzen könnte und das führt zur Faszination.

Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)

Wie lässt sich denn Ihre Faszination für Schatzkunst auf Besucherinnen und Besucher übertragen, die ja immer diverser werden und vielleicht auch die sächsische Geschichte nicht mehr im Hinterkopf haben?

Wir versuchen es im Schloss mit der Unmittelbarkeit des Objektes: Einerseits mit entspiegeltem Glas, um die Grenzen sozusagen nicht so sehr aufzeigen, sondern das Gefühl zu geben, dass man das Objekt mindestens mit den Augen wirklich ertasten kann. Wo gibt es ein Museum wie das Grüne Gewölbe aus dem 18. Jahrhundert, das man durchschreiten kann und direkt vor den Kunstschätzen steht, ohne dass da Glaswände oder sonst etwas dazwischen ist. Oder gehen Sie mal in irgendeinem anderen Museum durch ein Türkenzelt, das 20 Meter lang ist und gleich um die Ecke ist man auf dem Turnierplatz, und die Pferde galoppieren auf einen zu. Also diese Unmittelbarkeit ist etwas, das wir nutzen, um immer wieder neue Spannung zu erzeugen. Mir war es sehr wichtig, ein Haus zu schaffen, das nicht langweilig ist, das immer wieder neue Sichten ermöglicht.

Das Gespräch führte Birgit Fritz für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. August 2021 | 19:05 Uhr

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