1.000 Jahre Domweihe Merseburger Zaubersprüche erstmals wieder ausgestellt

Der Merseburger Dom gilt als einer der bedeutendsten Kathedralbauten Deutschlands. Weil er vor genau 1.000 Jahren geweiht wurde, wird in Merseburg gefeiert. Neben einem großen Umzug mit Gottesdienst und einem Festprogramm, wird nun der wertvollste Schatz des Doms ausgestellt: die Merseburger Zaubersprüche. Sie wurden vor genau 180 Jahren entdeckt – und zum Weihefest 2021 wird dieses Unikat für kurze Zeit im Original zu sehen sein.

Merseburger Dom
Vor 1.000 Jahren geweiht: Der Kaiserdom in Merseburg. Er beherbergt einen echten Schatz: die Merseburger Zaubersprüche, die nun bis zum 31. Oktober im Original für Besucherinnen und Besucher zugänglich sind. Bildrechte: Vereinigte Domstifter, F. Matte

Erstmals seit knapp 20 Jahren kann man die berühmten Merseburger Zaubersprüche für einen Monat im Original sehen. Marcus Cottin, Leiter des Stiftsarchivs, wacht sozusagen über den wohl größten Schatz des Domes: "Wir müssen ja sonst die Handschrift ganz stark schonen. Die darf eigentlich gar nicht mehr im Original gezeigt werden, weil eben durch die Lichteinflüsse, durch das Bewegen die Seiten angegriffen sind. Aber in dieser besonderen Zeit, tausend Jahre nach der Weihe, wollen wir wirklich ein ganz besonderes Geschenk bereiten. Und das ist die ja Zeigung, die Weisung möchte man fast sagen, wie bei Reliquien der Originalhandschrift."

Die Zaubersprüche in Merseburg: eine Handschrift aus dem 10. Jahrhundert

Als eine der ältesten althochdeutschen Handschriften hat solch ein Original tatsächlich eine Wirkmacht, vor allem mit dem Wissen, wie man die Sprüche gefunden hat: Denn sie stehen im sogenannten Codex 136, ein Pergament-Band, der im 10. Jahrhundert vermutlich im Kloster Fulda geschrieben worden ist, eigentlich als liturgische Textsammlung.

Doch fand man eben dort diese zwei heidnischen Zaubersprüche, sagt Domstiftsdirektor Holger Kunde: "Auf einer leeren Seite plötzlich, nach dem alles in christlicher Manier beschrieben worden ist, finden sich diese zwei Zaubersprüche aufgezeichnet, die dann am Ende wiederum mit einem christlichen Text abgeschlossen werden. Das ist so eine Art Synkretismus, eine Verschmelzung von beiden: Wenn das eine nicht hilft, dann hilft das andere, so könnte man es vielleicht sagen. Das ist also ein einzigartiges Dokument. Auch im weltweiten Gefüge von Zaubersprüchen."

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In mitteldeutschen Museen schlummern viele Objekte, die Besucher nur selten zu sehen bekommen. So, wie die Originale der althochdeutschen Merseburger Zaubersprüche, die die Stiftsbibliothek im Merseburger Dom beherbergt.

Mo 23.12.2019 14:22Uhr 05:43 min

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Wobei Zaubersprüche sowieso schon besonders sind – allein wegen ihrer Popularität – Harry Potter lässt grüßen. Doch was heute in fiktionalen Büchern fortlebt, war vor über 1.000 Jahren Realität: Die Merseburger Zaubersprüche spiegeln uns die Lebenswelt des frühen Mittelalters, als man Magie und Zauber ernst nahm, sie eine existentielle Rolle spielten. Das macht sie denn auch so einzigartig, dass die Vereinigten Domstifter in diesem Jahr den Antrag zum Weltdokumentenerbe gestellt hat.

Magie löst weltliche Probleme

"Das Besondere an dem Text ist, dass hier noch heidnisches Personal handelt: Also Wodan, Sunna, Sinthgunt. Das sind alles germanische Gottheiten, die bis zur Entdeckung der Merseburger Zaubersprüche, zum Teil auch gar nicht bekannt waren und damit aus einer Zeit berichten, die weit vor der Aufzeichnung der Zaubersprüche liegt. Also wie könnten diese Götter wirken? Warum schreibt man ihnen Zauberkräfte zu? Welche Rolle haben Sie überhaupt in der germanischen Götterwelt. Das zeigt sich zum Beispiel bei Wodan sehr schön, der als einziger dann den Zauber bewirken kann", erklärt Marcus Cottin.

Da geht es einmal um die Befreiung von Gefangenen, und um die Heilung eines Pferdefußes. Das mag uns heute etwas fern liegen, sagt der Domstiftsarchivar, doch Pferde waren als Fortbewegungsmöglichkeit unglaublich wichtig: "Hier wird eben in dem Zauberspruch berichtet, dass sich zwei Götter in den Wald begeben. Und da wird dem Pferd der Fuß verrenkt. Das ist natürlich ein Problem. Wir wissen ja auch, dass Pferde sehr anfällig sind, wenn sie ihre Knochen verletzen. Insofern war es ein großer Zauber, ein Pferd, einen Pferdefuß heilen zu können."

Gesprochen und gesungen

All das kann man seit kurzem auch bestens nachlesen – denn es gibt eine neue Medienstation zur Entstehung und Rezeptionsgeschichte. Und natürlich werden sie auch vertont, denn die Zaubersprüche müssen in ihrer Anwendung gesprochen worden sein. Marcus Cottin erklärt: "Die Wissenschaft erkennt da auch einen Stabreim in den Texten, so dass es sehr gut gesprochen werden kann. Aber möglicherweise ist es auch gesungen worden und diese Rhythmik und der Klang, die haben immer wieder dazu herausgefordert, das auch unterschiedlichst zu interpretieren, bis dahin, dass Mittelalterbands, die wir heute in großer Zahl kennen, immer wieder die Merseburger Zaubersprüche vertont haben." 

Eine der vielen Interpretationen kommt von der Band in Extremo – und die wird im Rahmen des Festprogramms sogar live zu hören sein.

Angaben zur Ausstellung Die Merseburger Zaubersprüche im Original
2. bis 31. Oktober 2021
Marienkapelle im Merseburger Dom

Öffnungszeiten:
Montag bis Samstag: 10 bis 18 Uhr
Sonntag, kirchl. Feiertag: 11 bis 18 Uhr

Das Weihefest findet vom 1. bis 3. Oktober 2021 statt. In Extremo tritt mit den vertonten Zaubersprüchen am 2. Oktober, 22 Uhr auf.

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Der Merseburger Dom – Teil des Dom-Schloss-Ensembles. 30 min
Der Merseburger Dom – Teil des Dom-Schloss-Ensembles. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Oktober 2021 | 08:40 Uhr