"Einige waren Nachbarn" Ausstellung zum Holocaust in Dresden und Eisenach: Wie Deutsche zu Mitwissern und Tätern wurden

Wie war der Holocaust möglich? Einer Antwort auf diese Frage nähert sich die Wanderausstellung "Einige waren Nachbarn". Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem die vielen "normalen Menschen", die das Naziregime unterstützt haben – oder die zumindest schwiegen, und so die Ermordung von sechs Millionen Juden mit ermöglichten. Nach vielen Stationen in Deutschland ist die Schau aktuell im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden und im Marstall des Thüringer Museums in Eisenach zu sehen. Ab dem 2. Mai kommt sie ins Rathaus Pirna.

Schaulustige sehen 1942 zu, wie die Polizei Jüdinnen und Juden zur Deportation auf Lastwagen verlädt 4 min
Schaulustige sehen zu, wie die Polizei Jüdinnen und Juden zur Deportation auf Lastwagen verlädt. (Kerpen, Deutschland, 1942) Bildrechte: Stadtarchiv Kerpen
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Wie war der Holocaust möglich? Einer Antwort auf diese Frage nähert sich die Wanderausstellung "Einige waren Nachbarn". Im Mittelpunkt stehen "normale Menschen", die das Naziregime unterstützt haben – oder schwiegen.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 04.03.2022 15:30Uhr 04:12 min

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"Davon haben wir nichts gewusst" – dieser Satz wurde im Nachkriegsdeutschland immer dann bemüht, wenn es um den Holocaust ging. Allerdings war die Judenverfolgung im Dritten Reich ein öffentliches Ereignis, und zwar eines, das von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung damals sehr wohl registriert wurde und dem sie zustimmten, beziehungsweise daran mitwirkten. Auf den Fotografien in der Ausstellung "Einige waren Nachbarn. Täterschaft, Mitläufertum und Widerstand" wird das nur zu deutlich.

Fotos belegen Mittäterschaft

So zeigt beispielsweise ein Bild Schaulustige bei der Deportation von Juden in Lörrach 1940, während ein anderes Foto wiederum, das damit korrespondiert, eine dicht gedrängte Menschenmenge, ebenfalls in Lörrach, nur einen Monat später, bei der Versteigerung des Hab und Guts der Deportierten festhält.

An anderer Stelle wird eine junge Frau, eskortiert von SA-Männern, auf einem Prangermarsch durch die Stadt geführt, weil sie mit einem Juden verlobt war. Flankiert wird der Menschenzug von zwei jungen Mädchen, die fröhlich in die Kamera lächeln – ein irritierendes Moment angesichts der Situation.

Nach der Annexion Österreichs sehen Anwohner 1938 zu, wie österreichische Nationalsozialisten Juden zwingen, den Bürgersteig zu schrubben.
Nach der Annexion Österreichs sehen Anwohner zu, wie österreichische Nationalsozialisten Juden zwingen, den Bürgersteig zu schrubben. (Wien, März 1938) Bildrechte: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Volksfeststimmung vs. Holocaust

Der Historiker Daniel Ristau sagt dazu: "Die Stärken der Fotografien liegen vor allem darin, dass sie an ganz vielen Stellen irritieren. Weil sie eben nicht nur Personen zeigen, die verfolgt worden sind und damit nicht nur das klassische Bildgenre zeigt, also die Vernichtungslager, die Leichenberge, die brennenden Synagogen, sondern es werden die Menschen gezeigt, die da mitgelaufen sind – und die an ganz vielen Stellen offenbar in Volksfeststimmung gewesen sind."

Die Ausstellung "Einige waren Nachbarn" fragt nicht nur nach der Rolle einer Führungselite, sondern ebenso der ganz gewöhnlichen Menschen, die durch ihre Unterstützung oder ihr Stillschweigen den Holocaust mit ermöglicht haben. Und auch danach, warum sich nur sehr wenige widersetzten und Juden geholfen haben.

Dabei widmet sich die Präsentation mit über 20 Bildtafeln sowohl der Situation in Deutschland, als auch der in den besetzten Gebieten sowie den Ländern, die mit dem Naziregime kollaboriert haben, beziehungsweise Verbündete waren.

Jugendliche können historische Perspektive einnehmen

Es sind vor allem Schülerinnen und Schüler, Jugendliche, die mit der vom United States Holocaust Memorial Museum konzipierten Wanderausstellung angesprochen werden sollen. Ristau und sein Dresdner Verein HATiKVA, der sich mit der Vermittlung jüdischer Geschichte und Kultur beschäftigt, haben dafür entsprechende Bildungsangebote entwickelt.

Anwohner sehen 1940 zu, wie die Polizei Sinti und Roma für die Deportation in das von Deutschland besetzte Polen zum Bahnhof eskortiert.
Anwohner sehen zu, wie die Polizei Sinti und Roma, die als "Zigeunerplage" und "rassisch minderwertig" verachtet wurden, für die Deportation in das von Deutschland besetzte Polen zum Bahnhof eskortiert. (Hohenasperg, Deutschland, 18. Mai 1940) Bildrechte: Bundesarchiv, R 165 Bild-244-42

Schüler und Schülerinnen seien kompetente Bildbetrachter, die auf solchen Fotos durchaus erkennen könnten, was passiert so der Historiker Ristau. Sie könnten die Gesichter der Menschen sehen, wer das ist, und das auch ohne umfangreiches Vorwissen zum Thema. Dadurch rege man die Jugendlichen letztlich an – bezogen auf die Gegenwart – über eigene Einflussmöglichkeiten nachzudenken.

Eine Ahnung vom wirklichen Geschehen bekommen

Gerade in den Alltagszenen, in den konkreten Situationen sieht auch Nora Goldenbogen, die Vorsitzende des sächsischen Landesverbands jüdischer Gemeinden, die Stärke der Ausstellung. Denn so schaffe man eine Identifikation mit den Menschen und bekomme eine Ahnung davon, wie es den jüdischen Kindern, Frauen und Männern damals ergangen ist. Was sicher schwieriger nachzuempfinden sei anhand der Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden.

Busse 1942 in Paris mit denen man Juden transportiert, die von der französischen Polizei verhaftet wurden.
Busse der Öffentlichen Nahverkehrsgesellschaft von Paris, mit denen man Juden transportiert, die von der französischen Polizei, verhaftet wurden. (Paris, 16.-17. Juli 1942) Bildrechte: Bibliothèque Historique de la Ville de Paris

Antisemitismus ist noch immer aktuell

"Einige waren Nachbarn" ist nach der Sonderausstellung "Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus" im Jahr 2006 das zweite Kooperationsprojekt, bei dem das Deutschen Hygiene-Museum (DHM) mit dem United States Holocaust Memorial Museum zusammengearbeitet hat. Gleichzeitig stellt man sich damit immer auch der eigenen Geschichte als Täterinstitution im Dritten Reich, so die Direktorin des DHM, Iris Edenheiser.

Als gegenwartsbezogenes Museum verbinde sich damit aber auch die Frage, was das mit uns heute zu tun habe. Anhand der aktuellen Entwicklungen wird das deutlich, denn Verschwörungsmythen erfahren derzeit mehr Zulauf und antisemitische Einstellungen sind heute bis in die Mitte der Gesellschaft hinein verbreitet. Gleichzeitig belegen Zahlen aus dem Bundesinnenministerium, dass 2021 mehr als 3.000 antisemitische Straftaten begangen worden seien – eine Zunahme um 30 Prozent.

Wenn man, so Direktorin Edenheiser, die Ausstellung "Einige waren Nachbarn" in diesem gesellschaftlichen Umfeld präsentiere, gehe es zunächst um die Auseinandersetzung mit dem historischen Holocaust – aber darüber hinaus auch um unsere Haltung gegenüber dem gegenwärtigen Antisemitismus.

Über die Ausstellung "Einige waren Nachbarn. Täterschaft, Mitläufertum und Widerstand"

Wanderausstellung des United States Holocaust Memorial Museum.

Eintritt frei

Ausstellungsorte:
4. März bis 1. Mai 2022
Deutsches Hygiene-Museum Dresden

23. Februar bis 31.März
Marstall des Thüringer Museums in Eisenach

2. Mai bis 30. Juni 2022
Rathaus in Pirna

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. März 2022 | 17:40 Uhr

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