Porträt Wie dieser Dresdner Maler zum Leiter der einzigen Privatgalerie der DDR wurde

Kunstbetrieb, Kunstvertrieb – diese Worte mochte Johannes Kühl nicht. Er war selbst Maler und Zeichner, vor allem aber Galerist – der einzige in der DDR, der eine private Galerie führte: Die "Kunstausstellung Kühl" in Dresden. Am 28. Juni 1922 wurde Johannes Kühl geboren.

Johannes Kühl, Kunsthändler, Maler und Besitzer der einstigen Privatgalerie zu DDR-Zeiten, ist in der Dresdner Kunstszene ein Geheimtip. Der 70jährige übernahm die Galerie von seinem Vater, der sie 1924 gegründet hatte.
Johannes Kühl (1922-1994) leitete ab 1965 die Galerie "Kunstausstellung Kühl", die sein Vater rund 40 zuvor gegründet hatte. Bildrechte: dpa

Seiner lebenslangen Profession ging der Dresdner Johannes Kühl schon mit zehn Jahren nach, Anfang der 30er-Jahre. Da zerlegte er einen Bildband in seine Bestandteile, verteilte die einzelnen Bilder im Raum. So wie er das von seinem Vater Heinrich kannte. Denn schon der war Galerist.

Der Weg von Johannes Kühl führt zunächst direkt zur Kunst. 1938, als 16-Jähriger, beginnt er Malerei und Grafik zu studieren. Kühl wird sich später zwischen zwei Leidenschaften entscheiden – und die Kunst aufgeben. Keine leichte Entscheidung, so vermutet der Dresdener Künstler Wieland Förster. Kühl habe eine "enorme jugendliche Begabung" als Maler und als Zeichner gehabt: "Wie er sein Leben aufgebaut hat – als Galerist, der seine eigene Begabung zurückgestellt hat, und wie er damit gelebt hat, das weiß ich bis heute nicht", so Förster: "Ich glaube nur, dass Johannes Kühl wusste, wieviel Einsamkeit in jedem wirklich echten Künstler steckt."

Kühl übernimmt 1965 die Galerie seines Vaters

1944 muss Kühl, nun Anfang 20, in den Krieg. Dessen Schrecken lernt er in der Gefangenschaft kennen: Tausende Tote, Kälte, Hunger. Zurück in Dresden, malt Kühl Zerstörung und Wiederaufbau seiner Heimatstadt, malt realistisch und dann auch gegenstandslos, abstrakt – eine Richtung, die der bald ausgegebenen offiziellen Kunstauffassung zuwiderläuft. Kühl wird von den Funktionären gescholten.

Er sucht Verbündete, schließt sich der Künstlergruppe "Das Ufer" an, begründet die Genossenschaft Bildender Künstler in Dresden mit. Dort lernt ihn der Maler Werner Wittig kennen. Kühl habe "die Künstler sehr gut lenken und beraten können", so Wittig – "in künstlerischer, aber auch in ökonomischer Hinsicht". In oft heißen Diskussionen habe Kühl "immer das Richtige und das Gute in Ruhe gesagt."

Nebenher unterstützt Kühl auch seinen Vater. Als der 1965 stirbt, übernimmt der Sohn die Galerie in der Zittauer Straße ganz – die einzige Privatgalerie in der DDR, eine geduldete Exotin, der Kühl das Überleben sichern kann. Heiner Protzmann, der Direktor der Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, drückt das bei einer Ausstellungseröffnung nach 1990 so aus: "Johannes Kühl, der wie nur sehr wenige in Dresden durch Jahrzehnte ungünstiger Winde mutig Segel und Fahne der Modernität gehisst und so seinen Teil an der heroischen Kontinuität ihrer Fahrt durch die Diaspora erworben hat."

Galerist Johannes Kühl spricht zur Ausstellungseröffnung Johannes Beutner im Jahr 1990
Johannes Kühl versammelte in seiner Galerie neben Werken der klassischen Moderne auch Kunstwerke junger Dresdner Maler und Grafikerinnen. Bildrechte: Kunstausstellung Kühl

Erster Vorsitzender des Neuen Sächsischen Kunstvereins ab 1990

Seine Galerie führt Johannes Kühl auch im vereinigten Deutschland weiter. Und obwohl er sich nach Ämtern nicht sehnt, sagt Kühl nicht nein, als er 1990 erster Vorsitzender des Neuen Sächsischen Kunstvereins werden soll. Eine Idealbesetzung, so urteilt damals der Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Werner Schmidt: "Er verkörpert ein Haus, das auf Jahrzehnte lange zurück bis kurz nach 1918 in Dresden mit der Kunst in Sachsen aufs Engste vertraut ist. Und er selbst hat die größten Verdienste, dieses ehrwürdige Institut, die Kunstausstellung Kühl fortgeführt zu haben. Er ist selbst Künstler. Er ist die Integrität in Person."

Nach dem plötzlichen Tod von Johannes Kühl im September 1994 übernimmt seine Tochter Sophia-Therese Schmidt-Kühl die Galerie, nun in dritter Generation. Inzwischen befinden sich die Räume in der Nordstraße, nahe beim alten Standort.

Ausstellung über Johannes Kühl Noch bis zum 16. Juli zeigt die Kunstausstellung Kühl die Ausstellung "Der Maler Johannes Kühl. Hommage zum 100. Geburtstag. Teil I: Werke bis 1945".

Ort:
Nordstraße 5, 01099 Dresden

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, 11 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 16 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Juni 2022 | 06:40 Uhr

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