"Abstrakt und Disko" Wie die Dresdner Malerin Henriette Grahnert Malerei auf die Kunstfläche schickt

Henriette Grahnert gehört zweifellos zu den interessantesten Malerinnen der Neuen Leipziger Schule. Die gebürtige Dresdnerin war in den vergangenen Jahren in der ganzen Welt unterwegs. Dabei hat eine ganz eigene Bildsprache entwickelt, die Abstraktion und Gegenständlichkeit verschmilzt – und durch doppelbödigen Witz besticht. Das Leonhardi-Museum in Dresden würdigt Henriette Grahnert nun mit einer großen Solo-Schau mit dem Titel "Abstrakt in Disko".

Modernes Kunstwerk: Aus mehreren gestreiften Bildelemente entsteht eine tanzende Figur mit Sonnenbrille
Henriette Grahnert: "Der Rotzer", Acryl auf Leinwand, 2022 Bildrechte: Henriette Grahnert/Uwe Walter

Der Disko-Hit "Sunny" von Boney M. könnte ein Soundtrack für das titelgebende Bild der Ausstellung "Abstrakt in Disko" sein. Denn bei diesem Gemälde von Henriette Grahnert trifft die Welt der modernen Malerei auf die glitzernde Welt der Popkultur – und im Zeichen der Diskokugel – da wird die abstrakte Kunst gehörig in die Mangel genommen. "Ich habe die Malerei in die Disko geschickt, auf der Tanzfläche ordentlich durcheinander gewirbelt und auf der Farbfläche fliegt eine tanzende Figur dem Betrachter entgegen", erklärt die Künstlerin selbst.

Reise durch die Geschichte der Kunst

Gemälde: Im Hintergrund eine stilisierte Backsteinwand, darüber wilde, breite Pinselstriche in Violett. Comic-Hände, ein Bein in Nadelstreifenanzug und ein schwarzer Strich bilden eine Figur.
Das Bild "Abstrakt in Disko" gab der Dresdner Ausstellung den Titel. Bildrechte: Henriette Grahnert/Uwe Walter

Die  abstrahierte Figur – die frenetisch tanzt und die Hände nach oben reckt – erinnert von weitem durchaus an die zuckenden Bewegungen eines John Travolta. Doch zum anderen verkörpert das farbintensive Bild auch eine Explosion von verschiedenen Malstilen der Nachkriegsgeschichte, so die Künstlerin: "Man sieht Anklänge an den Abstrakten Expressionismus mit ganz wild gestisch aufgetragenen Farbspuren. Da sind streng abgeklebte Elemente in den Bildern, die an Farbfeldmalerei erinnern. Es gibt Comic-Versatzstücke, die an Pop-Art erinnern."
Aus dem Patchwork der Stile und aus geometrischen Mustern entstehen oftmals die Figuren auf den Gemälden. Und so geht Henriette Grahnert bei diesen Porträts ihren eigenen Weg. Denn erst aus der Abstraktion entwickelt sie die gegenständliche Figur.

Malerei voller Ironie und Gesellschaftskritik

Es sind Bilder voller Ironie und doppelten Böden. Das Ganze wird verstärkt durch die beziehungsreichen Titel. Eine Arbeit heißt beispielsweise "Der Link zum Pink". Ein anderes Gemälde hat den Titel "Wenn Locken locken". In beiden Fällen paart sich die Geschichte der abstrakten Malerei mit subversivem Bildwitz.

Ironisch setzt sich Henriette Grahnert auch mit den Sprachklischees im digitalen Zeitalter auseinander. Und da nimmt sie auch die modischen Superlative auf die Schippe, die überall in der Werbung und in den Medien grassieren. Es reicht bei weitem nicht mehr, okay zu sein – das Ganze muss immerzu gesteigert werden.  Und so heißt ein Bild: "Okay, okayer, am okayesten". So beschreibt es auch Grahnert selbst: "Ein Element auf dem Bild zeigt eine Hand mit drei Daumen nach oben, ein bisschen dem Like-Symbol von Facebook entlehnt. Das ist die Zuspitzung der ewigen Suche nach Zustimmung, die besonders für unsere Jugend wichtig ist."

Collage besteht aus mehreren Abbildungen von gemauerten Wänden, stilisierten Regenbögen und einem verfremdeten Like-Symbol.
In ihren Collagen verarbeitet Henriette Grahnert auch Gesellschaftskritik. Bildrechte: Henriette Grahnert/Uwe Walter

Facettenreiche Ausstellung in Dresden

Henriette Grahnert liebt wilde Collagen aus unterschiedlichen Formen und Stilen. Zum anderen gibt es aber auch ganz reduzierte Bilder – und die werden zugleich zu überraschenden Metaphern, wie zum Beispiel ein kleines Gemälde mit dem Titel "Dekolleté": "Man sieht eine rote Farbfläche, die aufklafft wie die geöffnete Bluse einer Frau, die ihr Dekolleté zeigt. Gleichzeitig ist es ein abstraktes Bild, weil es das Innere offenbart."

Gemälde aus Farbflächen: Von einer braunroten Wand scheint ein rechteckiges Stück abzufallen, dahinter ist die Wand rosa-rot.
Gerade der Titel "Dekolleté" macht das Gemälde so anspielungsreich. Bildrechte: Henriette Grahnert/Uwe Walter

"Abstraktion und Disco" ist eine facettenreiche Ausstellung, die die Malerin im Dresdner Leonhardi-Museum präsentiert. Für sie bedeutet es auch ein Nachhausekommen in ihre Geburtsstadt – nach den langen Jahren in Leipzig ist sie wieder nach Dresden gezogen, wo sie unweit des Museums wohnt.

Informationen zur Ausstellung Die Ausstellung "Abstrakt in Disco" mit Arbeiten von Henriette Grahnert ist noch bis zum 8. Januar 2023 in Dresden zu sehen.

Adresse:
Leinhardi-Museum Dresden
Grundstraße 26
01326 Dresden

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr
Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Oktober 2022 | 12:10 Uhr

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