Künstlerinnen-Kollektiv Mensch-Tier-Verhältnis: Arbeiten von Neozoon im Dresdner Hygiene-Museum

Gerade im Lockdown haben Haustiere für viele Menschen eine neue Bedeutung erhalten. Gleichzeitig fragt sich die Menschheit angesichts des neuen Virus', ob sie wirklich Macht über die Tierwelt haben. Das Künstlerinnen-Kollektiv Neozoon beschäftigt sich bereits seit Jahren mit dem gestörten Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Mit ihren Werken sind sie aktuell in der Sonderausstellung "Future Food" im Dresdner Hygiene-Museum zu sehen.

Installation der Künstlergruppe - NEOZOON - zeigt mit Pelzen behangene Schaffiguren auf dem Schlossplatz in Berlin
Installation von Neozoon in Berlin Bildrechte: imago/PEMAX

Wir lieben das Tier. Oder wir verteufeln es. Das Künsterlerinnen-Kollektiv Neozoon aus Dresden und Berlin spürt solche digitalen Mensch-Tier-Absurditäten auf und macht daraus wiederum eigene Kunst. Sie schneiden zahlreiche Videos zusammen, in dem Katzenliebhaber ihre Haustiere regelrecht anbeten und Küsschen geben. Auf der anderen Seite behaupten Menschen auf Portalen im Internet tatsächlich, dem Antichrist begegnet zu sein: Sie beschreiben ein animalisches Wesen mit Hörnern, Hufen und Fell.

Neozoon stellt mit ihrer Kunst Fragen: Kommen Tiere in den Himmel? Sind uns die Tiere ebenbürtig? Und wenn ja, warum essen wir sie dann? Oder verschicken sie lebendig mit der Post? Sie wollen zeigen, dass wir ein Problem mit unserem Verhältnis zum Tier haben: "Bei Plattformen wie beispielsweise Youtube sieht man auch sehr gut das Nebeneinander: Da findest Du eben die Essensvideos, neben den Jagdvideos, neben den Pet-Liebhabervideos. Wir selbst äußern uns gar nicht so sehr, das äußert sich von alleine", sagt Friederike Kersten von Neozoon.

Arbeiten des Künstlerkollektivs Neozoon
Neozoon verbindet Videoschnipsel zu neuen Collagen. Bildrechte: Kollektiv Neozoon

Die Krone der Schöpfung

Der gefährliche Irrglaube, wir könnten die Natur beherrschen, hat Neozoon zu einer Film-Collage inspiriert: Die Betrachterinnen und Betrachter sehen Jagdszenen wie in einem Videospiel aus der Ego-Perspektive. Dazu sind Kommentare von fanatischen amerikanischen Prediger zu hören, die schreiend erklären, dass der Mensch über die Erde herrsche.

Die Grundlage der Kunst von Neozoon ist Found Footage, also gefundenes Bildmaterial. Die privaten Videos im Netz erzählen, wie der Mensch das Tier sieht. Die Kunst ist dann, die Fundstücke zu perfiden Filmen zu montieren, die sein Verhalten entlarven. Der Mensch ist besessen vom "Willen zur Macht", wie Nietzsche es nennt. Neozoon hat dafür bizarre Beweise gesammelt.

Arbeiten des Künstlerkollektivs Neozoon
Das Thema Jagd beschäftigt Neozoon immer wieder. Bildrechte: Kollektiv Neozoon

In diesem Beziehungsverhältnis ist es der Mensch, der uns interessiert. Wie kommt es, dass er auf dem Weg dahin ist, sich selbst auszurotten? Warum erobert er die Welt so, als sei er die Krone der Schöpfung, lässt andere Kreaturen leiden? Das ist so das, was uns antreibt.

Michaela Metzger, Neozoon

Kunst aus Fundstücken

Auch das Projekt mit den sündhaft teuren Hermes-Tüchern, edlen Sammlerstücken, zeigt ein verstörendes Zusammenspiel. Fotos von Großwildjägern, die ihre Trophäen zeigen, werden auf die Modetrophäen gedruckt. Die edle Luxus-Faser ziert nun eine blutige Sieger-Pose. Neozoon lässt uns auch hier an der Spezies Mensch zweifeln. "Wir wollten diesen idyllischen Hintergrund aufbrechen", erklärt die Künstlerin Michaela Metzger. "Da fehlte ein Stück weit Realität – unserer Meinung nach – und die haben wir dann angebracht. Und was wir da angebracht haben, ist ja gefunden im Internet. Wir haben das dann aufgeprintet – das heißt, das Hermes-Tuch ist damit, wenn man so will, auch zerstört. Es hat seinen Wert, den es mal hatte, verloren."

Arbeiten des Künstlerkollektivs Neozoon
Die Installation "Manteltier" Bildrechte: Kollektiv Neozoon

2009, als Neozoon sich auf die künstlerische Jagd begab, traten sie nur mit Maske in die Öffentlichkeit. Mehrere Koffer und Säcke voller edler Pelze, die eigentlich auf dem Müll landen sollten, waren die ersten "Fundstücke" für mehrere Jahre Kunst-Arbeit. Es entstanden selbst fahrende Pelzmützen, ein "Lachender Fuchs" oder die verstörende Installation "Das Manteltier": Alte Pelzmäntel werden mithilfe von Elektronik scheinbar wieder lebendig und bewegten sich in einem Gehege im Allwetterzoo Münster. "Die eine Spezies einzusperren und die andere Spezies läuft vor den Käfigen", beschreibt Friederike Kersten ihre Sicht auf Zoos. "Die Spezies Mensch möchte eigentlich immer auf diese Unterscheidung hinarbeiten: Wir sind nicht Tiere."

Das Tier Mensch

Zwei Künstlerinnen in einem Studio
Michaela Metzger (links) und Friederike Kersten (rechts) von Neozoon Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Künstlerinnen leben in Berlin und Dresden. Den momentanen Haustierboom beobachten sie mit Befremden. Vor allem unser Bestreben, die Tiere uns gleich zu machen, während wir unsere eigenen animalischen Wurzeln dabei konsequent verleugnen.

Doch so einfacht geht das nicht: "Diese Wurzeln, die wir in uns haben, die sind einfach da und die lassen sich auch nicht weg reden und auch nicht durch irgendwelche wissenschaftlichen Grenzen und auch nicht durch gesellschaftliche Strukturen", meint Michaela Metzger. "Oder durch Haarentfernung", ergänzt Friederike Kersten. "Auch dadurch lässt es sich nicht entfernen. Die Wurzeln sind da und die bleiben da", beschließt Metzger. Schauen wir also genau hin, wie wir mit den Tieren umgehen – und was wir vielleicht von ihnen lernen könnten.

Weitere Informationen Arbeiten von Neozoon sind bis zum 22. August in der Sonderausstellung "Future Food" im Deutschen Hygiene-Museum zu sehen.

Lingnerplatz 1
01069 Dresden

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 10-18 Uhr
Am Montag geschlossen

Museen in Dresden

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | artour | 20. Mai 2021 | 22:05 Uhr

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