Kunstprojekt "Nordost-Südwest" in Dresden: zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum

Nord, Ost, Süd, West – seit Menschengedenken geben die vier Himmelsrichtungen Orientierung. Kulturell und politisch stehen sie aber auch für Grenz- und Konfliktlinien. Hier eine Annäherung und neue Erfahrungsräume zu schaffen, das versucht derzeit eine Kunstprojekt in Dresden. Unter dem Titel "Nordost-Südwest" zeigen internationale Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten in der robotron-Kantine, aber nicht nur dort, sondern verteilt über die gesamte Stadt.

Ein Werbeplakat für das Kunstprojekt Nordost-Südwest. 4 min
Bildrechte: MDR/Grit Krause

Wer mit offenen Augen durch das Dresdner Zentrum geht, wird sie kaum übersehen: Installationen, aufgestellt an markanten Plätzen im Stadtraum, zum Beispiel der kleine, selbst gezimmerte Holz-Kiosk am Schloss. Er trägt die in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und damit einhergehender Verunsicherung verheißungsvolle Aufschrift "Kiosk der einfachen Antworten".

"Wir haben natürlich nicht die einfachen Antworten", desillusioniert Tim Kellner vom Rostocker Künstlerkollektiv SCHAUM, der den Kiosk errichtet hat – unweit vom Theaterplatz, wo oft genug schon demonstriert wurde auf der Suche nach einfachen Antworten.Das sei auch der Grund, warum der Kiosk geschlossen sei", erklärt er. "Wenn man anfängt, nach den Fragen zu suchen, die diese Antworten ergeben könnten, hat man schon verloren. Also muss das Ding einfach geschlossen bleiben.

Ein weiß bemaltes, verschlossenes Kiosk-Häusschen.
Der "Kiosk der einfachen Antworten" ist am Schloss zu finden. Bildrechte: MDR/Grit Krause

Geschichte ist nicht in Stein gemeißelt

Nur wenige Minuten zu Fuß davon entfernt findet man die Arbeit von Rana Haddad und Pascal Hachem aus Beirut auf dem Schlossplatz an der Augustusbrücke: 56 Steinblöcke, darauf handgravierte Buchstaben, die von den Passanten wie beim Scrabble immer wieder zu neuen Wörtern zusammengesetzt werden können. Der Titel: "Die Geschichte ist nicht in Stein gemeißelt".

Die Leiterin des Kunsthauses Dresden und Initiatorin des Projekts, Christiane Mennicke-Schwarz, sagt: "Bei der Arbeit hat es uns besonders berührt, dass die Künstlerinnen sich für die Frage des Steins auch für Dresden interessiert haben. Dieses große Thema der Rekonstruktion hat sie beeindruckt, aber gleichzeitig vor die Frage gestellt, ist die Geschichte dann schon geschrieben? Und in der Arbeit liegt eigentlich eine große Ermutigung zu sagen: Nein, die Geschichte ist eben nicht in Stein gemeißelt, sie wird beständig neu geschrieben und wir sind alle Teil davon."

Die Arbeit korrespondiert mit einer weiteren Installation des Künstlerduos in der robotron-Kantine: sechs von einem Elektromotor gesteuerte Hammer, die nacheinander auf eine Wand des Ausstellungsraumes schlagen. Mit den durchdringenden Schlägen erfährt man so nahezu körperlich die rücksichtslose Überbauung und die Auslöschung des architektonischen Erbes Beiruts nach dem Bürgerkrieg.

Ein Kunstprojekt aus zwei Netzen.
Šejla Kamerić, HOOKED, 2010-2022, Bildrechte: MDR/Grit Krause

Kunstprojekte an mehr als 20 Orten

Die robotron-Kantine ist das Epizentrum, von dem aus sich die Fäden zu den 20 anderen Orten des Dresdner Kunstprojektes ziehen, zu den Installationen im Stadtraum, ebenso wie zu Galerien und zum Festspielhaus Hellerau, die als Partner mit im Boot sind.

Die Koordinaten des Titels "Nordost-Südwest" reichen zudem weit über die Stadtgrenzen hinaus. Sie verknüpfen Dresden mit künstlerischen Positionen aus dem Libanon, Polen und Bosnien und suchen den Dialog zwischen Ost und West, zwischen dem globalen Süden und dem Norden. Projektinitiatorin Mennicke-Schwarz sagt: "Ich glaube, dass in vielen Punkt die Erfahrung des Kriegs, den wir aktuell erleben, noch einmal deutlich macht, dass diese Auseinandersetzung mit Flucht, mit Migration, die auch in diesem Projekt eine wichtige Rolle spielt, die Auseinandersetzung mit Krieg, kein abgeschlossenes Thema ist, und auch ein Thema ist, dass uns verbindet. Wir werden das nicht los, und es tut gut, sich dem gemeinsam zu widmen."

Das seien auch die Botschaften, die in den künstlerischen Arbeiten steckten – zumindest in denen, in denen Krieg und Flucht be- und verarbeitet werden. Das sind unter den zumeist Videoarbeiten und Installationen in der robotron-Kantine der überwiegende Teil.

Kunst zur kollektiven Trauerbewältigung

Bewegend und aufwühlend ist beispielsweise das mobile Monument "Što te nema?/Wo bist du gewesen?" der bosnischen Künstlerin Aida Šehović. Über 8.000 kleine Porzellan-Kaffeeschalen hat sie gesammelt und in Metallregalen archiviert, eine Erinnerung an die Opfer des Genozids in Srebrenica und damit ein Ort der kollektiven Trauer und Traumabewältigung.

Viele kleine Porzellanschalen liegen in einem Regal.
Aida Šehović, SPATIUM MEMORIAE (ŠTO TE NEMA), fortlaufend seit 2006 Bildrechte: MDR/Grit Krause

Wie nah man sich trotz der sehr unterschiedlichen Erfahrungen ist, hat Christiane Mennicke-Schwarz überrascht. "Wir hatten uns alle gemeinsam viel stärkere Übersetzungsschwierigkeiten vorgestellt, auch auf bestimmte Themen zu gehen, Krieg, Trauer, Zusammenleben mit Geflüchteten und das war beeindruckend, dass es ganz im Gegenteil sehr inspirierend war, gemeinsam über diese großen globalen Situationen nachzudenken.

Mehr Informationen "Nordost Südwest" – Ausstellungen und Kunst im öffentlichen Raum

Bis 6. November 2022, unter anderem in der robotron-Kantine und am 30. September und 1. Oktober mit einem Performance-Festival auch im Festspielhaus Hellerau.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. September 2022 | 07:15 Uhr

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