"Mit 50 Kubik auf der Überholspur" "Generation Simson": Dresdner Verkehrsmuseum feiert DDR-Kultmoped

Mopeds aus dem Hause Simson werden schon lange nicht mehr hergestellt, sind aber immer noch auf den Straßen präsent und sehr beliebt. Zum Beispiel die Mokicks S 50 und 51, die der kürzlich verstorbene Formgestalter Karl Clauss Dietel und sein Kollege Lutz Rudolph entworfen hatten. Das Verkehrsmuseum Dresden geht dem Mythos der "Generation Simson" in einer Ausstellung nach und zeigt Kult-Modelle aus der DDR und Geschichten von "Simme"-Fans. Die Ausstellung ist bis zum 6. November 2022 zu sehen.

Generation Simson 4 min
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Auch nach dem Ende der DDR erfreuen sich die Simson großer Beliebtheit – denn sie sind schneller und leichter zu warten als andere. Eine Sonderausstellung in Dresden erzählt nun die Geschichte(n) der Zweiräder.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 04.02.2022 06:00Uhr 03:50 min

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Die Geschichte ist paradox: Nahezu gleichzeitig mit der Insolvenz der Suhler Zweirad GmbH im Jahr 2002 setzte eine bis heute ungebrochene Renaissance der Simson-Mopeds ein. Das verdankt sich nicht zuletzt einem Coup der Firma Meyer Zweiradtechnik, kurz MZA. Sie sicherte sich damals die Lizenzen für sämtliche Bauteile und seither produziert und vertreibt MZA alles, was das Simson-Schrauberherz begehrt – vom Auspuff bis zum Zylinder.

Dresdner Ausstellung zeigt Simson-Geschichte in vier Kapiteln

Zwei Menschen gehen auf den Eingang der Dresdner Sonderausstellung zu, der mit einer Collage aus Schwarz-Weiß-Bildern verziert ist.
Die Dresdner Ausstellung "Generation Simson" erzählt die Geschichte der Simson-Werke in vier Kapiteln. Bildrechte: BLEND3/Frank Grätz

Es ist eines von vier Kapiteln, die in der Dresdner Sonderausstellung "Generation Simson – Mit 50 Kubik auf der Überholspur" erzählt werden. Zum Auftakt wirft das Verkehrsmuseum Dresden einen Blick in die Ursprünge des Unternehmens: angefangen bei dem 1856 von den jüdischen Brüdern Löb und Moses Simson gegründeten Familienunternehmen, das in den 30er-Jahren von den Nationalsozialisten enteignet und nach dem Krieg, als Rüstungsbetrieb eingestuft, demontiert wurde.

Bereits ab 1948 begann man im Suhler Werk mit der Entwicklung und Produktion von Zweirädern. Den Anfang machte die legendäre AWO. Ab 1962 konzentrierte man sich dann aber ausschließlich auf Zweitakt-Mopeds. Flaggschiff war ab da die ebenfalls legendäre Vogelserie mit Schwalbe, Spatz und Co. Auf Hochglanz poliert reihen sie sich in Dresden nebeneinander auf und mit ihnen weitere Modelle, die im VEB Fahrzeug und Jagdwaffenwerk Simson Suhl bis 1989 massenhaft vom Band rollten – zeitweise bis zu 200.000 Stück pro Jahr.

Dresdner Ausstellung gibt private Einblicke

In der Ausstellung werden 25 Moped-Modelle präsentiert, die zumeist von privaten Leihgebern stammen. Einige von ihnen kommen in den Hörstationen zu Wort und erzählen von ihrer Leidenschaft zu ihrer "Simme". Dabei gehen die Interviews oftmals weit über herkömmliche Schrauber-Geschichten hinaus, wie im Fall eines originalen SR 1 von 1956 in leuchtendem Diaphan-Blau mit silbernem Tank, das (obwohl fahrbereit) seinen Platz im Wohnzimmer der Familie neben der Couch gefunden hat und nur gelegentlich mal abgestaubt und bei dem Luft aufgepumpt wird.

Dass heute immer noch mehrere 100.000 Simson-Mopeds auf deutschen Straßen unterwegs sind, liegt auch am Design – speziell das der sportiven Mokicks S 50 und 51. Entworfen wurden die Modelle vom kürzlich verstorbenen Formgestalter Karl Clauss Dietel und seinem Kollegen Lutz Rudolph. Ihre ersten Ideen werden in der Ausstellung gezeigt: gezeichnet – vermutlich während eines Barbesuchs – auf zwei Bierdeckeln.

Ein Simson S 50 B steht bereit für die Wiedereröffnung des Verkehrsmuseum Dresden
Ein Moped Simson S 50 B in der Ausstellung "Generation Simson" im Dresdner Verkehrsmuseum. Bildrechte: dpa

Einzigartiges Design aus der DDR

Die beiden Designer setzten bei ihrem Entwurf auf das von Dietel formulierte offene Prinzip: eine Art Baukastenprinzip, bei dem Elemente immer wieder ausgetauscht und modifiziert werden können. Das ist letztlich das, was den Simson-Enthusiasten bis heute zugutekommt, wenn sie an ihren Maschinen herumschrauben. 

Im Dresdner Verkehrsmuseum stehen mehrere Mopeds in hellen Farben nebeneinander auf einem Podest.
In der Ausstellung "Generation Simson" in Dresden werden 25 Moped-Modelle gezeigt. Bildrechte: BLEND3 Frank Grätz

2002 kam schließlich für Simson das Aus, das unter anderem durch einige missglückte Neuentwicklungen verursacht wurde. Die Beliebtheit der "Simme", gerade bei Jugendlichen, hingegen nimmt weiter zu. Sicher auch deshalb, weil man mit diesen Mopeds dank einer Sonderregelung im Einigungsvertrag bis zu 60 km/h fahren darf. Kein Wunder also, dass Schwalbe und S50 bzw. S 51 inzwischen zu Kultobjekten avanciert sind, die auch schon mal zwischen 3.000 und 4.000 Euro kosten können. Ihre Zukunft scheint jedenfalls gesichert – zumindest bis zu dem Tag, an dem der Verbrennungsmotor von unseren Straßen verbannt wird.

Weitere Informationen Die Ausstellung "Generation Simson. Mit 50 Kubik auf der Überholspur" ist nach Verlängerung bis zum 6. November 2022 im Verkehrsmuseum Dresden zu sehen (ursprünglich sollte sie am 14. August enden).

Johanneum am Neumarkt
Augustusstraße 1
01067 Dresden

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr
Am Oster- und Pfingstmontag ist das Museum zusätzlich geöffnet.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Februar 2022 | 06:10 Uhr

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