Ausstellung zum Ernst-Rietschel-Kunstpreis für Skulptur 2022 Videospiele im Dresdner Albertinum: Mit US-Künstler Rindon Johnson abtauchen in die Welt der Wale

Das Lutherdenkmal vor der Dresdner Frauenkirche stammt von ihm, auch Goethe und Schiller vor dem DNT in Weimar: Was aber verbindet den sächsischen Bildhauer Ernst Rietschel (1804-1861) mit dem jungen US-Künstler Rindon Johnson? Eine Neuinterpretation der Skulptur, so urteilte die Jury zum Ernst-Rietschel-Preis 2022. So bekam der junge Kalifornier 15.000 Euro Preisgeld und die Chance, eine Ausstellung zu gestalten. Darin trifft eine Glas-Installation auf ein Videospiel zur Erkundung der Welt der Wale. Zu sehen ist die Schau bis 27. November im Albertinum, begleitet von einem spannenden Rahmenprogramm!

Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Unterwassergebirges 4 min
Bildrechte: Courtesy The artist and François Ghebaly 2022

Im Oktober 2021 kam Rindon Johnson zum ersten Mal nach Dresden und war beeindruckt von der Stadt und den Kunstsammlungen. Als designierter Rietschel-Kunstpreisträger und großer Nerd für Kunstgeschichte machte ihn die Option einer Ausstellung im Dresdner Albertinum – in Nachbarschaft zu den Arbeiten von Gerhard Richter – aber durchaus nervös:

"Doch dann stieß ich auf ein Buch über Wale und die Walfangindustrie", sagt Rindon Johnson "und las Geschichten über das Glashandwerk und die letzten Glaswerkstätten. Und dann nahm meine Idee Fahrt auf." 

Der junge US-amerikanische Künstler Rindon Johnson vor dem Dresdner Albertinum
Der junge US-amerikanische Künstler Rindon Johnson vor dem Dresdner Albertinum Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Skulptur als grenzüberschreitende Erkundung: Buntglas und die Sprache der Wale

Johnsons zweiteilige Arbeit, die in einem Raum im Albertinum zu erleben ist, heißt "The Bells Pursuing One Another". Eine fast fünf Meter lange bunt schillernde Schräge aus Tiffany-Glasquadraten trifft hier auf ein Videospiel über Wale im Great Bahama Canyon: "Videospiel ist kein neues Medium für mich", sagt der 32-Jährige Künstler, der seit einigen Jahren in Berlin lebt und arbeitet, "aber derzeit dreht sich bei Videospielen viel um Ego-Shooter und die Idee, ständig etwas zu Jagen oder zu Suchen. Die Art und Weise, wie bestimmte Wale, genauer die Cuvier-Schnabelwale jagen, hat mich sehr fasziniert. Sie jagen, indem sie ihre Stimmen angleichen. Wenn sie gut harmonieren, kann man sie nicht orten und so fangen sie ihre Beute und verstecken sich vor Fressfeinden."

Installation von Rindon Johnson: "The Bells Pursuing One Another" 2022 - "Die größte Glasmalerei, die ich je geschaffen habe."
Installation von Rindon Johnson: "The Bells Pursuing One Another" 2022 - "Die größte Glasmalerei, die ich je geschaffen habe." Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden / Foto: Andreas Diesend

Ich freue mich außerordentlich, diese Auszeichnung entgegenzunehmen. Sie hat mir die Gelegenheit gegeben, meine zweiteilige großformatige Installation 'The Bells Pursuing One Another' zu schaffen, mein Hauptwerk in diesem Jahr.

Rindon Johnson Ernst-Rietschel-Preisträger für Skulptur 2022

Im Videospiel erleben: Wie Wale jagen

Das Videospiel von Rindon Johnson ahmt dieses Jagen der Schnabelwale nach. Ziel des Spiels ist es dabei, gemeinsam mit einem Partnerwal in den Tiefen des Canyons einen Riesenkalmar zu fangen, indem man über Schallwellen miteinander kommuniziert. Kuratorin Astrid Nielsen von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden: "Was vordergründig reines Vergnügen verspricht, evoziert beim Spielen und Betrachten die Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen der Meeresbewohner. Es geht um die massiven Bedrohungen durch die Umweltzerstörung, den Walfang oder die vom Menschen gemachten akustischen Beeinträchtigungen."

Unterwasserwelt in Schwarz-Weiß: Ein Ego-Jagd-Videospiel gehört zur Schau von Rindon Johnson, das Spiel ist in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Jacqueline Kiyomi Gork entstanden.
Unterwasserwelt in Schwarz-Weiß: Zur Schau gehört ein Ego-Jagd-Videospiel, das in Zusammenarbeit von Rindon Johnson mit der Künstlerin Jacqueline Kiyomi Gork entstanden ist. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden / Foto: Andreas Diesend

Was vordergründig reines Vergnügen verspricht, evoziert beim Spielen und Betrachten die Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen der Meeresbewohner.

Astrid Nielsen Kuratorin

Ernst-Rietschel-Preis 2022 für den Kalifornier Rindon Johnson

Rindon Johnson ist in San Francisco, Kalifornien, geboren, studierte an der New York University Tisch School of the Arts und war Stipendiat der Graduiertenschule der Universität der Künste Berlin. Als Autor, Bildhauer und Künstler arbeitet er bevorzugt multidisziplinär. Fasziniert von Sprache, ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, sucht er beständig nach neuen Materialien, Medien und Techniken und bekleidet damit, so Kuratorin Astrid Nielsen über den Ernst-Rietschel-Preisträger für Skulptur 2022, eine ganz neue, besondere Position in der Bildhauerei.

Blick in die Ausstellung
Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden / Foto: Andreas Diesend

Sprache, ihre Möglichkeiten und Unzulänglichkeiten scheinen immer auch Ausgangspunkt seiner Werke zu sein.

Hilke Wagner über Rindon Johnson Direktorin Dresdner Albertinum

"Was ihn ausmacht, ist zum einen ein sehr bewusster Umgang mit Sprache. Und dieser äußert sich in ganz vielen unterschiedlichen Aspekten. Er befasst sich viel mit Virtual Reality, mit objektbezogenen Dingen, aber auch mit älterer Kunst. Diesen Spagat hinzubekommen und das zu übertragen auf unsere Lebenswelt ist eben das Spannende. Letztendlich war das auch ausschlaggebend für die Jury, sich für ihn zu entscheiden, weil es etwas ganz Neues in die Skulptur einbringt wie wir es auch bisher in Dresden – denke ich – noch nicht hatten."

Schwarz-Weiß-Film und Tiffany-Glas macht Empfindungen der Wale sichtbar

Das Videospiel entführt von einer großen Wand im Dresdner Albertinum direkt in den Great Bahama Canyon, eine der größten Unterwasserschluchten der Welt. Rindon Johnson ließ es exakt nachgebildet und weil die Wale keine Farben sehen, entstand der Film in Schwarz-Weiß. Neben der Videowand schiebt sich eine überdimensionale Installation diagonal in eine der Raumecken: Beleuchtetes farbexplodierendes Tiffanyglas, gerahmt in schwarzes Blei. Buntglas, ein scheinbar vergessenes Material, das in Kirchenräumen verwendet wurde, mag nicht unbedingt zur zeitgenössischen Kunst gehören – und hat wohl deshalb das Interesse von Rindon Johnson geweckt.

"Dieses Buntglas gibt so viele faszinierenden Möglichkeiten, es ist immer anders, ein bisschen wie eine Sprache: Es ist immer im Wandel, immer in Interaktion mit der Umgebung. Ich wollte dem Schwarz-Weiß des Filmes etwas Farbiges gegenüberstellen." Inspiriert sei diese Idee von der Frage, wie Wale, die so vielen Bedrohungen ausgesetzt seien, empfinden mögen. "Das Buntglas gibt eine Art Antwort auf diese unglaublichen Empfindungen der Wale."

Rindon Johnson begeistert von Rietschel als Künstler und Akademie-Lehrer

Auch wenn die Arbeiten Rindon Johnsons auf den ersten Blick weit entfernt von denen Ernst Rietschels, dem 1806 in Pulsnitz geborenen Bildhauer scheinen, Johnson kann sich nicht nur für die besondere Qualität und klassische Feinheit von Rietschels Bildnissen begeistern, sondern auch für Rietschels Engagement in den Kunstakademien von Dresden, Berlin oder Wien: "Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Künstler lehren sollte, das macht ihn relevanter und nachdenklicher. Und es ermöglicht den Dialog zwischen den Generationen, der wirklich wichtig ist." 

Spannendes Rahmenprogramm

Man darf gespannt sein auf das Rahmenprogramm im Dresdner Albertinum, das die Welt der Wale, der Glaskunst und der Videospiele zusammenführt. Mit Rindon Johnsons für Dresden entstandener Arbeit weitet sich das Gespür, wie offen die Grenzen zwischen Sprache, Skulptur und virtueller Kunst sein können.

Mehr über den Rindon Johnson

Der 1990 in San Francisco geborene Künstler lebt und arbeitet in Berlin und New York. Er war Stipendiat der Graduiertenschule der Universität der Künste in Berlin. Seine vielfältigen Arbeiten untersuchen die Auswirkungen von Kapitalismus, Rassismus, Klima und Technologie auf unsere alltägliche Lebenswelt, wie die SKD mitteilen. Zudem ist er Schriftsteller. Seine multidisziplinäre Kunstpraxis ließen die Grenzen zwischen Skulptur, Fotografie, Performance, Poesie und Virtual Reality verschwimmen - durch seine vielfältigen Ausdrucksformen, die sich zwischen Sprache, objektbasierten Arbeiten mit Materialien wie Leder, Holz, Stein oder Glas und virtueller Realität bewegen.

Mehr über den Ernst-Rietschel-Kunstpreis für Skulptur

Der Ernst-Rietschel-Kunstpreis für Skulptur wird alle zwei Jahre gemeinsam mit der Antonius Jugend- und Kulturförderung e.V. vergeben, die das Preisgeld stiftet. Namensgeber ist der sächsische Bildhauer Ernst Rietschel (1804-1861). Zuletzt erhielt 2018 die Installationskünstlerin Nevin Aladag die Auszeichnung, 2020 fiel die Preisvergabe coronabedingt aus.

Weitere Informationen zur Ausstellung Ernst-Rietzschel-Preisträger Rindon Johnson
26.08.2022—27.11.2022

Albertinum
Tzschirnerplatz 2
01067 Dresden

Öffnungszeiten
Täglich 10—18 Uhr, Montag geschlossen
Eintrittspreise
regulär 12 €, ermäßigt 9 €, unter 17 frei, ab 10 Pers. 11 €

Weitere Angebote rund um die Ausstellung mit Rindon Johnson im Dresdner Albertinum Kunstpause
Jeweils freitags: 26. August | 9. September | 7. Oktober | 4. November | 18. November | 16 Uhr | Kunstpause (30 Min.) | Treff: Kasse Albertinum; kostenlos zzgl. Eintritt pro Pers.

Familiennachmittag
Samstag, 17. September 2022, 15 bis 16.30 Uhr
Nach einer familienfreundlichen Einführung zu den Kunstwerken von Rindon Johnson darf im Atelier mit den unterschiedlichsten Materialien experimentiert werden.

Online-Vortrag: Die Welt der Wale
Dienstag, 20. September 2022, 19 Uhr
Mit Fabian Ritter, Dipl.-Biologe, Leiter Meeresschutz WDC – Whale and Dolphin Conservation

Dresden Contemporary Art – open 2022
Samstag, 24. September 2022, 18:30 bis 21 Uhr

Kunstgespräch mit Kuratorin Astrid Nielsen
Samstag 8. Oktober und 5. November 2022, 12 Uhr

Online-Vortrag: Game Art – Digitale Spiele in der bildenden Kunst
Freitag, 28. Oktober 2022, 17.30 Uhr

Artist Talk mit Rindon Johnson (in englischer Sprache)
Freitag, 4. November 2022, 16.30 Uhr

Kultur in Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. August 2022 | 12:10 Uhr

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