Neues Forschungsprojekt der SKD Wie Dresdner Kunst zu DDR-Zeiten in den Westen verkauft wurde

Für harte Devisen verhökerte die DDR sogar staatliche Kunst und Antiquitäten in den Westen. Nicht nur die wenigen privaten Sammler im Osten, sondern auch große Museen wurden mit regelrechten Zielvorgaben unter Druck gesetzt – und sie gingen auch darauf ein. So waren die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) seit 1968 mit von der Partie. Wie und warum, erforscht nun die Kunsthistorikerin Barbara Bechter im Rahmen eines neuen Projektes mit Blick auf das Kunstgewerbemuseum und das Kupferstich-Kabinett. Gefördert wird es bis 2026 vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste Magdeburg.

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Wie in der DDR auch Kunstwerke aus Museen zur Devisenbeschaffung eingesetzt wurden, erforscht ein Projekt an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, wie Barbara Bechter im Gespräch mit Thomas Bille erklärt.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 15.07.2022 12:00Uhr 05:04 min

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MDR KULTUR: Wie lief dieses Exportgeschäft, das die Kunst und Antiquitäten GmbH abwickelte, die auch Beziehungen zu den Dresdner Museen pflegte?

Barbara Bechter, SKD-Provenienzforscherin: Die Kunst und Antiquitäten GmbH war eine Außenhandelsfirma der DDR, die für den Export von bis dahin in Staats- und Privateigentum befindlichen Antiquitäten und Waren möglichst schnell Valuta-Gewinne erzielen sollte. Mit der Gründung 1973 übernahm die Kunst und Antiquitäten GmbH beispielsweise den Kundenstamm, den Siegfried Kath als Inhaber der Antikhandel Pirna GmbH schon hatte und knüpfte dann die Kontakte zu staatlichen Museen.

Stichwort: Kunst und Antiquitäten GmbH (KuA) & SKD-Forschungsprojekt

Um mit dem Verkauf von Kunstwerken und Antiquitäten in den Westen, harte Devisen zu erwirtschaften, wurde 1973 die Kunst und Antiquitäten GmbH (KuA) gegründet, ein Außenhandelsbetrieb der DDR: "Durch die Übernahme sowohl privater als auch staatseigener Kunsthandlungen erlangte die KuA das Monopol für den Ex- und Import von Antiquitäten, Kunst und kulturellen Gebrauchtwaren." Mit Hilfe des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) seien einerseits private Sammler und Händler "gezielt kriminalisiert, verhaftet, verurteilt und enteignet", andererseits seien Museen unter Druck gesetzt worden, "Bestände auszusondern".

1973 gegründet, bestand die KuA bis 1990. Sie betrieb ein großes Warenlager in Mühlenbeck bei Berlin. Bei der Auflösung nach der Wende sei eine größere Zahl an Werken unterschiedlicher Provenienz in die SKD-Bestände übernommen worden, davon 211 mit dem Herkunftsvermerk "Auflösung Antiquitäten GmbH Mühlenbeck, 1990, Preis…" in die Sammlung des Dresdner Kunstgewerbemuseums, heißt es in einer Mitteilung der SKD.

Die Kunst und Antiquitäten GmbH (KuA) gehörte zum Bereich Kommerzielle Koordinierung des DDR-Ministeriums für Innerdeutschen Handel, Außenhandel und Materialversorgung. Alexander Schalck-Golodkowski war Leiter der "KoKo", die von 1966 bis 1990 aktiv war. Schalck-Golodkowski siedelte noch Ende 1989 in den Westen über. 1994 stellte der Untersuchungsausschuss gegen ihn seine Arbeit ein. Am 4. Mai 1991 berichtete die "Tagesschau", dass die Berliner Staatsanwaltschaft den Verbleib von mindestens zwei Milliarden D-Mark im Zusammenhang mit den Ermittlungen prüfe.

Siegfried Kath hatte einen Kunsthandel in Pirna gegründet, er arbeitete mit dem Bereich Kommerzielle Koordinierung zusammen.

Das SKD-Forschungsprojekt untersucht nun bis Mai 2026 die Hintergründe und nimmt dabei das Kunstgewerbemuseum sowie das Kupferstich-Kabinett in den Blick. Gefördert wird es vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg.

Quellen: SKD / MDR

Kann man nachvollziehen, welche Kunstgegenstände und Kunstwerke veräußert worden sind?

Das geht jetzt gerade erst los im Rahmen unseres Projektes, das wir ermitteln wollen, was alles abgegeben wurde und welche Museen beteiligt waren. Es gab vor allen Dingen das Interesse an den Depotbeständen der Dresdner Museen. Seit 1968 bestanden Verbindungen der SKD sowie Import- und Exportfirmen der DDR. Im ersten bekannten Fall wurden Museumsbestände zum Verkauf abgegeben, um den Erwerb des Triptychons "Der Krieg" von Otto Dix zu finanzieren.

Wir möchten jetzt erforschen, ob es auch schon früher Begehrlichkeiten auf die Depotbestände der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gab.

Überrascht Sie das eigentlich, dass diese Geschäfte stattgefunden haben und auch in den Größenordnungen, die sich jetzt andeuten?

Nein, die Kunstsammlungen haben 1983 sogar eine Vereinbarung mit der Kunst und Antiquitäten GmbH geschlossen, im Gegenzug für Valuta, um so Ankäufe zu ermöglichen.

Was war das für ein Verhältnis? Haben die Museen auch Stücke abgeben müssen, von denen sie sich ungern getrennt haben?

Die Museen wurden unter Druck gesetzt. Es gab 1970 und 1973 die Anweisung von staatlicher Seite, dass Kunstwerke zur Devisenbeschaffung aus den Museumsbeständen auszusondern sind, und die Dresdner Kunstsammlungen allein hätten Objekte im Wert von 12 Millionen DDR-Mark für den Verkauf zur Verfügung stellen müssen. Da dies aber international auf große Kritik gestoßen ist, wurden diese Beschlüsse vom Ministerrat der DDR im März 1973 wieder annulliert.

Gleichzeitig wurde aber 1973 die Kunst und Antiquitäten GmbH gegründet, die dann schon beschlagnahmte Privatsammlungen gegen Devisen ins westliche Ausland verkauft hat.

Wie stehen die Chancen auf Rückerwerb, wenn Museen sagen: 'Das wollten wir eigentlich gar nicht?' Oder sind diese Geschäfte wasserdicht?

Ich denke, sie sind wasserdicht, da sie ja oft über den Kunsthandel gingen. Und dort haben sie schlechte Möglichkeiten, etwas zurückzufordern.

Gibt es noch viele Museumsmitarbeitende, die Auskunft geben können über das, was passiert ist und wie es passiert ist?

Ja, glücklicherweise. Das ist auch eine Quelle, die wir anzapfen möchten. Teilweise sind die Kollegen schon im Ruhestand, aber durchaus bereit, mit uns darüber zu sprechen.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

(Redaktionelle Bearbeitung: Katrin Schlenstedt)

Koloniale Raubkunst, Beutekunst und Provenienzforschung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juli 2022 | 12:10 Uhr

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