Kunstausstellung Wie die Künstlerinnengruppe Erfurt weibliche Subkultur in der DDR zelebrierte

Die Künstlerinnengruppe Erfurt war ab 1984 für etwa ein Jahrzehnt aktiv. Die Frauen etablierten mit Performances und Super-8-Filmen einen radikalen künstlerischen Gegenentwurf zum DDR-Alltag. Die Thüringer Künstlerin Gabriele Stötzer war bis 1994 Anführerin der Gruppe, aus der anschließend das bis heute existierende Erfurter Künstlerhaus hervorging. Die neue Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) in Berlin würdigt das Schaffen des Frauenkollektivs mit der Ausstellung "Hosen haben Röcke an".

An der Wand im Ausstellungsraum hängen Fotos und Dokumente aus dem Archiv der Künstlerinnengruppe Erfurt
Blick in die Ausstellung "Hosen haben Röcke an" Bildrechte: Ruppert Bohle

Exterra XX, Atlantis, Tote Endmoräne: Die Künstlerinnengruppe Erfurt hatte viele Namen. Auf der Suche nach einem neuen Frauenbild schließen sich zehn Künstlerinnen Ende der 80er Jahre zusammen. Die Gruppe verteidigt ihre Freiheit und Autonomie als Gegenentwurf zur staatlichen Kultur der DDR. Ihre nicht institutionelle Struktur ermöglicht ihnen großen Bewegungsspielraum. Die Super-8-Filme, Fotografien, Performances und Soundexperimente der Gruppe zelebrieren weibliche Selbstermächtigung und künstlerische Freiheit als radikale Gesellschaftskritik.

Frausein in der DDR

Gegründet wird die Gruppe von Gabriele Stötzer, geboren 1953 in der Nähe von Gotha. Sie protestiert gegen die Ausbürgerung Biermanns und kommt 1977 ins Gefängnis Hoheneck. Doch nach ihrer Entlassung flieht sie nicht in den Westen. Sie bleibt und beginnt Kunst zu machen. Folgende Erinnerungen hat Stötzer an den Alltag als Frau in der DDR:

"Früh heiraten, Kinder kriegen, schnell die Kinder in die Krippe. Das war alles geregelt, man kriegte die Pille und die Abtreibung. Man fiel in eine Rolle, die einen total von sich entfernt hat. Deswegen war es wichtig, in dieser Gruppe das Weibliche anzureichern. Ich wollte auch wissen, was ist denn das, eine 'Frau'?"

Dafür sucht sie sich Verbündete. Frauen wie Monique Förster, die Kunst studiert hat und gerade nach Erfurt gezogen ist. Förster erinnrt sich: "Erfurt war dunkel, trüb, und sehr verfallen und ich habe dort Gabi erlebt mit ihren selbstgewebten Pullovern, mit türkisfarbener Hose. Bis wir dann aufeinander zugegangen sind und mit den ersten Fotoserien begannen."

Mitglieder der Erfurter Künstlerinnengruppe stehen in fantasievollen Kostümen in einer Reihe
Eine Ausstellung in Berlin zeigt originale Materialien und Kostüme der Künstlerinnengruppe Erfurt. Bildrechte: Gabriele Stötzer

Mit Super-8-Filmen weibliche Selbstermächtigung demonstrieren

Aus den Fotosessions entwickeln die Frauen ihren ersten gemeinsamen Film: Jede von ihnen inszeniert einen ihrer Träume. Regie führt jede Künstlerin selbst. Gedreht und geschnitten wird das Material von Gabriele Stötzer, die damals schon eine Super-8-Kamera hat. So entstehen in wenigen Jahren fünf je halbstündige Kunstfilme – Vorbilder gibt es keine, erklärt Stötzer: "Es ist aus uns entstanden. Wir waren alle irgendwo am Rande. Wir standen draußen. Wir standen immer kurz vorm Aufgeben, wir standen vor dem Selbstaufgeben."

In der Gruppe war man stärker und konnte sich freier bewegen. Die Gruppe hat geschützt.

Gabriele Stötzer, Künstlerin

Die Frauen schöpfen aus ihren Erfahrungen, wie das Schicksal der Künstlerin Harriet Wollert, die, vom Staat als "asozial" eingestuft, gezwungen wird, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Denn noch bevor das Kollektiv Ende der 80er Jahre beginnt aufzutreten, werden einzelne Künstlerinnen von der Stasi observiert, ihre Auftritte immer wieder verboten.

Weibliche Subkultur in DDR-Zeiten

Nun sind erstmals alle Filme des Kollektivs in einer Ausstellung in der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) in Berlin zu sehen. Subversiv, witzig, von großer innerer Freiheit getragen, geben diese Kunstwerke Einblick in eine bislang kaum bekannte feminine Subkultur in der DDR. Besonders eindrucksvoll: die selbstgeschneiderten Kostüme. Christin Müller ist Kuratorin der Ausstellung und sieht in der Gestaltungsart der Künstlerinnen-Kleidung einen kritischen und humorvollen Spiegel zu verschiedenen Themen:

"Viele Mitglieder der Frauengruppe haben selbst Kleidung genäht, einfach, weil die Kleidung zu langweilig war, und sie haben Stoffe gefärbt und Kleidung geschneidert, die befindet sich an der Grenze zu Kunstobjekten, die kann man noch tragen, aber die Bewegung ist sehr eingeschränkt."

Blick in die Ausstellung. Von der Decke hängt eine Figur, die Wände zieren Karrikaturen.
Einblick in die Arbeiten der Künstlerinnengruppe Erfurt. Bildrechte: Ruppert Bohle

1988 auf dem Frauenforum in Erfurt gelingt der Künstlerinnengruppe der erste Durchbruch. Im Augustinerkloster präsentieren sie erstmals vor großem Publikum ihre Mode-Objekt-Show. Eine Kunst-Performance mit ungeahnter Resonanz. Die Gruppe wird zum Vorbild für andere Frauen. Gabriele Stötzer erinnert sich: "Wir haben Kunst gemacht, wir wollten in die Öffentlichkeit, wir hatten Mut und alle Charisma. Wir waren so gestählt, in der Öffentlichkeit aufzutreten und in der Öffentlichkeit standzuhalten, dass ich sage: Die Stasi-Besetzung war unsere größte Performance."

Die Stasi-Besetzung war unsere größte Performance.

Gabriele Stötzer, Künstlerin

Am 4. Dezember 1989 ruft die Gruppe zur Besetzung der Stasi-Zentrale in Erfurt auf. Hunderte Menschen folgen. Gemeinsam verhindern sie die Vernichtung der Akten. Ein Erfolg, der zugleich das Ende der Gruppe einläutet. Von Erfurt geht es nach Paris, Basel, Amsterdam - doch der Ruhm befördert den Zerfall. 1994 trennen sich die Wege. Was bleibt, ist dieser Schatz bislang kaum bekannter Filme von Künstlerinnen, die den Himmel unter ihren Füßen haben.

Mehr Informationen Ausstellung "Hosen haben Röcke an. Künstlerinnengruppe Erfurt (1984‒1994)"
27. November 2021 bis 30. Januar 2022

Ausstellungsort:
neue Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK)
Oranienstraße 25
10999 Berlin

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Montag: 12 bis 18 Uhr, Freitag 12 bis 20 Uhr

Der Eintritt ist frei. Im Museum gilt die 2G-Regel.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour - das Kulturmagazin von MDR KULTUR | 09. Dezember 2021 | 22:10 Uhr

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