"Cihan Cakmak. Where I've never been" Erfurter Kunsthalle präsentiert Fotografien zum Thema "Identität"

Mareike Wiemann
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Die junge Leipziger Fotografin Cihan Cakmak ist gerade in ihrer ersten Solo-Schau zu erleben. In der Kunsthalle in Erfurt präsentiert die derzeitige Meisterschülerin der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ihre Werke, die sich mit der Suche nach der eigenen Identität beschäftigen. Die Ausstellung mit dem Titel "Where I've never been" lässt tief in das Seelenleben der Künstlerin blicken – und ist einen Besuch wert, wie unsere Kritikerin findet.

Die Künstlerin liegt in einem goldenen Kleid auf einem Teppich, hinter ihr ein großes Kissen, in der Hand hält sie eine Lilie
Die Künstlerin Cihan Cakmak hat kein Problem damit, auch mal viel Platz für sich zu beanspruchen. Bildrechte: Cihan Cakmak

In einem dunklen Raum werden drei Videos projeziert, jedes auf eine andere Wand. In einem Video sind drei Frauen zu sehen, die sich Tücher vors Gesicht halten. In einem anderen eine einsame Frau, die auf steinigen Felsen vom Meerwasser umspült wird. In einem dritten ist ein Feigenbaum inmitten einer staubigen Einöde zu sehen. Cihan Cakmak sagt, dies sei eine ihrer neueren Arbeiten: Sie habe über einen Zeitraum von zehn Jahren ihre Träume beobachtet und aufgeschrieben. Dabei sei ihr irgendwann aufgefallen, dass bestimmte Symbole und Orte wiederholt auftauchen.

Ausschnitt aus der Videoinstallation "Em Fraktal", drei Frauen verdecken ihre Gesichter mit Tüchern und stehen vor einer weißen Wand
Ein Ausschnitt aus der Videoinstallation "Em Fraktal" von Cihan Cakmak zeigt drei Frauen mit Tüchern vor ihrem Gesicht. Bildrechte: Cihan Cakmak

Immer wieder wechseln die Motive bei dieser Installation, die Bilder sind schwer greifbar, lassen sich nicht gleichzeitig erfassen. Cakmak sagt dazu: "Hier geht es viel um so eine Isolation, die ich empfinde – auch oft in den Träumen. So ein Abgeschottet-Sein. Und auch ein Aushalten-Müssen."

Die Verbindung von Kunst mit kurdischer Identität

Wieso bin ich so, wie ich bin? Und – was hat meine Familiengeschichte damit zu tun? Diese Fragen stellt sich die 29-jährige Cakmak immer wieder in ihrer Kunst. Ihre Eltern flüchteten aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Niedersachsen, dort wurde sie geboren und wuchs dann im Künstlerdorf Worpswede auf. Einfach war das nicht, erzählt sie. Einerseits kämpfte sie gegen die traditionellen, patriarchal geprägten Erwartungen ihres kurdischen Umfelds. Andererseits gegen Minderwertigkeitskomplexe, weil sie eben mit ihren braunen Augen und braunen Haaren auffiel, anders war.

Ein Blick in die Videoinstallation "Em Fraktal", in der Mitte des denklen Raums steht ein Beamer, der Bilder an die Wand wirft, links steht eine Person
Die Ausstellung in der Kunsthalle Erfurt liefert auch einen Blick in die Träume der Künstlerin Cihan Cakmak. Bildrechte: Cihan Cakmak

Cakmak sagt: "Mir ist dann immer mehr klar geworden, dass ich etwas verdränge. Und das habe ich dann als Grund  gesehen, dieses Thema mal zu bearbeiten." Dabei sei sie darauf gestoßen, dass diese Scham und die Angst auch etwas Kollektives sein kann. Es könne eine Verbindung zu der kurdischen Identität sein.

Keine Angst vor großen Gesten – und großen Räumen

"Em Fraktal", so heißt die Fotoserie, die als Reaktion darauf entstanden ist. Cakmak ist durch ganz Deutschland gereist und hat kurdische Frauen interviewt und fotografiert, eine Auswahl der Bilder ist nun in der Kunsthalle zu sehen. Es sind in sich ruhende Porträts, nicht auf allen sind die Protagonistinnen erkennbar. Alle strahlen etwas Suchendes aus. Immer wieder sind auch Selbstporträts von Cakmak darunter.

Raumgreifend und wohl der Hingucker in dieser Schau ist ein Bild von Cakmak, auf dem sie auf der Seite liegt, in einer Art Sultanspose, den Arm auf einen traditionellen Teppich stützt und beharrlich, gar stur in die Kamera blickt.

Die Künstlerin liegt in einem goldenen Kleid auf einem Teppich, hinter ihr ein großes Kissen, in der Hand hält sie eine Lilie
Das Selbstporträtt der Künstlerin Cihan Cakmak ist Kern der Ausstellung in der Kunsthalle Erfurt. Bildrechte: Cihan Cakmak

In einer Ausstellung in Herne habe sie das noch größer gedruckt – auf drei Meter Stoff. Es seien dann viele gekommen und hätten sie gefragt, ob es für sie nicht komisch sei, dort oben in so groß zu hängen. Darauf habe sie immer geantwortet, dass sie ihre Arbeit nicht verstanden haben. Weil es genau darum gehe, sich den Raum zu nehmen. Sich nicht zu verstecken, darum geht es Cihan Cakmak.

Cakmak will nicht zum Klischee stilisiert werden

Es sei wie ein Ausbrechen in einer anderen Form: "Sich erstmal räumlich zu lösen von Strukturen, die man nicht cool findet, ist was anderes. Aber es dann emotional zu machen und auch in Kunst zu verarbeiten, ist für mich so 'Next Level'."

Die Frage nach der eigenen Identität wird Cakmak auch weiterhin künstlerisch begleiten. Gleichzeitig verwehrt sie sich dagegen, zum Klischee stilisiert zu werden – das der jungen Frau aus einem repressiven Umfeld, die sich die eigene Unabhängigkeit erkämpft hat. Sie brauche einfach ihren Freiraum. Um das zu tun, was sie gerne mache.

Weitere Informationen zur Ausstellung "Cihan Cakmak. Where I've never been"
11. März bis 1. Mai 2022

Kunsthalle Erfurt
Fischmarkt 7
99084 Erfurt

Weitere Ausstellungen von Cihan Cakmak in diesem Jahr:
24./25. Juni 2022: Gruppenausstellung im Kunsthaus Dresden
Septembe 2022: Doppelausstellung in der Stephanie Kelly Galerie in Dresden

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. März 2022 | 13:45 Uhr

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