Museum für Thüringer Volkskunde Neue Ausstellung in Erfurt: Südseetattoos zwischen Trend, Tabu und Tradition

Tattoo-Motive aus Samoa, den Marquesas oder Neuseeland werden immer beliebter. Doch was bedeutet es eigentlich, sich solch ein Tattoo stechen zu lassen – und handelt es sich dabei um kulturelle Aneignung? Eine neue Ausstellung im Erfurter Museum für Thüringer Volkskunde beleuchtet die Geschichte des sogenannten Tatauierens und schlägt Brücken vom Sehnsuchtsort Südsee bis in unsere heutige Gesellschaft.

Drei Briefmarken mit der Aufschrift Samoa zeigen Bilder, bei denen Menschen tätowiert werden.  4 min
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Südseetattoos und vor allem polynesisch inspirierte Motive sind zunehmend im Trend. Eine neue Ausstellung im Erfurter Museum für Thüringer Volkskunde beschäftigt sich mit der Körperbemalung.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 20.08.2022 06:00Uhr 04:15 min

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Die Südsee: für viele sicherlich ein Sehnsuchtsort mit weiten Stränden, türkisblauem Meer und Ukulelenklängen. Vielleicht ist das ein Grund für den aktuellen Tätowiertrend, Motive aus Polynesien, Melanesien und Mikronesien zu übernehmen. Direkt zu Beginn der Ausstellung im Museum für Thüringer Volkskunde flimmert eine kleine Sammlung über einen Bildschirm. Stilisierte schwarze Boote sind zu erkennen oder auch stilisierte Masken: "Anhand dieser kleinen Auswahl kann man schon erkennen, wie stark sich die Motive von Region zu Region unterscheiden", erklärt die amtierende Museumsdirektorin Andrea Steiner-Sohn.

Erfurter Ausstellung will Brücken bauen

Allzu sehr ins Detail zu den Bedeutungen der Motive will Steiner-Sohn aber nicht gehen. Einerseits aus Respekt vor dem anderen Kulturraum, andererseits soll sich die Schau nach dem Willen des Museumsteams nicht in exotischen Welten verlieren. "Wir wollen eine Brücke bauen. Bei uns erleben Tattoos einen Aufschwung in den letzten Jahren, auf der anderen Seite der Erde ist es genauso, aber aus anderen Gründen. Und wir fragen: Wie sind wir mit dieser anderen Seite verbunden?"

Eine Frau betrachtet ein Bild.
Museumsdirektorin Andrea Steiner-Sohn hat die Erfurter Ausstellung "tatau-tattoo: Südseetattoos zwischen Trend, Tabu und Tradition" kuratiert. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

So geht es in der Ausstellung zunächst um die Gegenwart. Eine Umfrage unter Tätowierten hierzulande erfragt, ob Motive aus anderen Kulturkreisen für sie infrage kommen. Der Blick in die Ferne dann mithilfe eines Videos: eine traditionelle Tatauier-Zeremonie aus Samoa ist zu sehen. Spezielle Kämme werden dabei in Farbe eingetaucht und mit Klopfbewegungen in die Haut gestochen. Im Pazifik werde derzeit das Tatauieren, das traditionelle Tätowieren, wiederentdeckt, so Andrea Steiner-Sohn, "weil man sich voller Stolz auf seine kulturellen Wurzeln besinnt. Auf seine Herkunft."

Die Wiederentdeckung des Tatauierens

Vor Tausenden Jahren wurde in der Südsee mit der Kulturtechnik begonnen, mit deren Hilfe sich die Menschen mit ihren Ahnen verbinden wollten. Im 19. Jahrhundert aber wurde das Tatauieren durch die Missionierung fast ausgemerzt. Das Wissen wurde nicht mehr von Generation zu Generation weitergegeben – heute nun helfen manchmal Museen mit, es zu reaktivieren.

Tatauier-Geräte liegen in einer Vitrine.
Ein solch komplettes Tatauierset eines tufuga ta tatau – eines Tatauiermeisters – findet sich selten in Museumssammlungen. Im Museum für Thüringer Volkskunde ist es nun in der Ausstellung zu sehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch hier also wieder die Querverbindung nach Erfurt, zu einem kleinen Set aus der Sammlung des Museums für Thüringer Volkskunde, das nun im Mittelpunkt der Ausstellung steht. Ein traditionelles Tatauier-Set aus Samoa, bestehend aus zwei Schlegeln und verschiedenen Hämmern. Der Kaufmann Wilhelm Knappe brachte es einst nach Erfurt.

Vorsichtige Annäherung an die eigene Sammlung

Für Andrea Steiner-Sohn war es ein schwieriger Weg bis zu dieser Ausstellung. Die Knappe-Sammlung ist eine Sammlung mit kolonialem Kontext, das Museum für Thüringer Volkskunde hat aber kein darauf spezialisiertes Personal. So holte sich die Museumsleiterin Hilfe von außen, durch eine Ethnologin des Leipziger Grassi-Museums und eine auf Südseetattoos spezialisierte Tätowiererin aus Bayern. Diese wiederum kontaktierte ihren Mentor aus Samoa, dessen Ansichten nun auch in der Ausstellung nachzulesen sind.

Kommerz sollte außen vor bleiben

Immer wieder pendelt die Schau zwischen Gestern und Heute, ermöglicht einerseits Einblicke in die Südsee des 19. Jahrhunderts, schaut aber auch auf die aktuellen, oftmals durch die Kolonialisierung bedingten Probleme der Inseln. Mit einer Wertung am Ende – ob es eigentlich okay ist, sich ein Südsee-Motiv stechen zu lassen – hält man sich zurück. Auch wenn die Kuratorin mittlerweile eine klare Haltung hat: "Wenn man sich für Motive aus anderen Kulturen entscheidet, sollte man wirklich zu Spezialisten gehen. Die dann etwa auch eine Art Erlaubnis haben aus der Ursprungsgesellschaft. Da muss der Kommerz für meine Begriffe hintenanstehen."

Geräte in einer Museumsvitrine
Objekte aus der Knappe-Sammlung sind in der Erfurter Schau genauso zu sehen, wie zeitgenössische Kunstwerke zum Thema Tattoos. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zum Nachdenken anregen über das Alltagsphänomen Tätowierung – das will diese Ausstellung, und das schafft sie auch. Und nebenbei verhilft sie auch noch zu einem unverkitschten Blick auf die Südsee.

Informationen zur Ausstellung "tatau-tattoo: Südseetattoos zwischen Trend, Tabu und Tradition"
bis 12. März 2023

Museum für Thüringer Volkskunde
Juri-Gagarin-Ring 140a
99084 Erfurt

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. August 2022 | 07:45 Uhr

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