Geschichte Franckesche Stiftungen Halle kaufen historisches Fernrohr bei Ebay

Die Franckeschen Stiftungen besaßen im 19. Jahrhundert hochwertige Fernrohre für den Astronomieunterricht ihrer Waisenkinder. Im Laufe der Zeit sind sie abhanden gekommen. Eines der seltenen Geräte ist jetzt wieder da. Jüngste Recherchen deuten darauf hin, dass es sogar in Halle gebaut wurde. Der Historiker Holger Zaunstöck leitet die Stabsstelle Forschung der Franckeschen Stiftungen. Im Interview erklärt er, wie es zu dem kuriosen Ebay-Fund gekommen ist und was das Besondere an dem Fernrohr ist.

Franckesche Stiftungen
Haupteingang der Franckeschen Stiftungen in Halle. Auf dem Dach ist das Geländer einer Dachterrasse zu erkennen – dort könnte das nun erworbene Fernrohr im 18. Jahrhundert eingesetzt worden sein. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

MDR KULTUR: Sie haben das Fernrohr bei Ebay gefunden – stöbern Sie da regelmäßig nach Antiquitäten oder wie sind Sie auf das gute Stück gestoßen?

Holger Zaunstöck: Regelmäßig stöbern wir nicht. In diesem Fall sind wir über eine Kooperation auf das Stück gestoßen: Wir bereiten seit Frühjahr ein Projekt vor, was sich mit der Astronomie und der Optik im Unterricht in den Stiftungsschulen im 18. und 19. Jahrhundert beschäftigt und arbeiten da zusammen mit einem Spezialisten für dieses Themengebiet. Er heißt Walter Stephani, ist von der Hamburger Sternwarte und in solchen Kontexten unterwegs. Er hat parallel im Sommer den Hinweis auf diese Annonce gefunden. Und dann sind wir aktiv geworden.

Und haben Sie sich beim Verkäufer gemeldet und mussten dann mitsteigern?

Wir sind ums Steigern herumgekommen. Es war eine Anzeige bei Ebay-Kleinanzeigen, und wir haben den Verkäufer, ein ehemaliger Schüler übrigens, kontaktiert, sind direkt mit ihm in Verbindung getreten, sind hingefahren, haben uns das Teil angeschaut und haben dann Preisverhandlungen geführt und es dann erworben.

Das ist ein historisches Himmelsfernrohr, ein astronomisches Instrument also. Was ist das Besondere daran, und was macht es so wertvoll für die Franckeschen Stiftungen?

Das Besondere an dem Instrument ist erstmal, zunächst ganz speziell aus Sicht der Stiftungen, dass es ein überaus seltenes Objekt ist für Astronomie, für Optik, was nachweislich aus unseren Sammlungen stammt. Und diese Dinge kommen höchst selten auf den Markt, deswegen mussten wir zugreifen. Es dokumentiert eine Instrumenten-Epoche des frühen 19. Jahrhunderts. Zu der Zeit wurden in ganz Europa so Instrumente hergestellt, aber eben nicht en masse und mit hoher Qualität.

Sie haben gesagt, das Teleskop stammt aus ehemals eigenen Beständen der Franckeschen Stiftungen. Wie war es denn da früher im Gebrauch – wie kann man sich seine Funktionsweise vorstellen?

Fernrohr
Das historische Fernrohr an seinem vermuteten ursprünglichen Einsatzort auf dem Dach des Waisenhauses. Bildrechte: Franckesche Stiftungen

Wir gehen relativ sicher davon aus, dass es tatsächlich ein Instrument ist, was hier in den Stiftungsschulen im Astronomieunterricht benutzt worden ist. Das Instrument selber hat leider keine Gravur, keine Signatur, keine Punze, was auf den Hersteller direkt schließen lässt. Wir haben aber mittlerweile Vergleichsstudien angestellt und sind in einer deutschen Privatsammlung fündig geworden. Dort gibt es ein Instrument, was sehr ähnlich ist in Details.

Und das ist signiert mit einer Signatur "Kleemann" in Halle an der Saale. Weitere Recherchen haben ergeben, dass es hier in Halle, in der Mauergasse, quasi in Sichtweite des Waisenhauses, einen ehemaligen Postzusteller Kleemann gegeben hat, das war sein Hauptberuf, der im Nebenerwerb hochwertige optische, astronomische Instrumente gebaut hat. Und wahrscheinlich stammt das aus dieser Werkstatt und ist, so ist unsere Hypothese, hier für den Unterricht angeschafft worden.

Und der Kreis schließt sich, wenn man dann in die Schriftquellen geht. Der damalige Direktor Agathon Niemeyer schreibt 1831, und das passt genau zur Herstellerzeit, dass es eine eigene Sammlung von optischen Geräten gibt am Pädagogium für den Unterricht. Mit dem Ziel, Zitat: "von der Kenntnis des gestirnten Himmels zur Astronomie". Und so schließen sich langsam die Recherchekreise um das Objekt und wir können erklären, was damit gemacht worden ist, nämlich Schulunterricht für Astronomie wahrscheinlich auf dem Dach des Waisenhauses oder des Pädagogiums.

Es gibt also einen Einblick in die pädagogische Arbeit an den Franckeschen Stiftungen. Und die Stiftungen haben ja eine Vielzahl von Angeboten, von Ausstellungen über Lehr- und Mitmachangebote – wie wird das Fernrohr da integriert, als etwas zum Anfassen oder wird es ein Museumsstück?

Zum einen planen wir ein größeres Projekt, wahrscheinlich eine Ausstellung. Da wird das natürlich eine wichtige Rolle spielen. Wir werden es, wenn die Provenienz ausgeforscht ist und die Materialien genau beschrieben sind, unseren Objektsammlungen hinzufügen. Dort kann es wissenschaftlich benutzt werden, auch über den engeren Kreis von uns hinaus.

Und drittens, wir arbeiten sehr eng mit den halleschen "ASTROlinos" zusammen, einer Vereinigung interessierter Kinder und Jugendlicher zur Astronomie. Wir überlegen, es dort aktiv auch mit einzubinden. So weit es eben konservatorisch geht, dass man dann tatsächlich mit aktuellen Instrumenten arbeitet, mit dem historischen Instrument, und so quasi historischen Unterricht hautnah zum Angreifen erleben kann. Und das vielleicht nicht nur am Instrument, sondern auch noch am Ort, nämlich auf dem Dach des Waisenhauses.

Das Interview führte Moderatorin Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Oktober 2021 | 07:40 Uhr